Indogermanische Sprachen entstanden in Anatolien

23. August 2012

Die indogermanischen – oder auch indoeuropäischen – Sprachen zählen zu den am weitesten verbreiteten Sprachfamilien weltweit und lassen sich seit rund 2000 Jahren auch als geschriebene Sprachen relativ gut erforschen. Umstritten bei den Wissenschaftlern sind jedoch nach wie vor der Zeitpunkt und der Ort ihres Ursprungs. Ein großes internationales Team, zu dem auch Max-Planck-Wissenschaftler Michael Dunn zählt, hat jetzt die Ergebnisse einer innovativen phylogeographischen Bayes-Analyse sprachlicher und räumlicher Daten von indogermanischen Sprachen vorgelegt.

Karte zum abgeleiteten geografischen Ursprung der indogermanischen Sprachfamilie. Der angenommene Ursprung ist in Transparent rot markiert; dunklere Bereiche repräsentieren eine erhöhte Wahrscheinlichkeit. Die blauen Polygone umreißen den laut „Steppen“-Hypothese vermuteten Ursprung; das Dunkelblau repräsentiert die ursprünglich vermutete „Steppen“-Heimat und das Hellblau zeigt eine spätere Version der „Steppen“-Hypothese an. Das gelbe Polygon skizziert den vermuteten Ursprung laut „Anatolien“-Hypothese. Der grüne Stern in der Steppen-Region markiert die Position des Schwerpunktes der erfassten Sprachen.

Mehrheitlich vertritt die historische Sprachwissenschaft die Auffassung, die indogermanische Sprachfamilie sei vor rund 6000 Jahren in der pontischen Steppe in der heutigen Ukraine entstanden. Den Nachweis dafür liefert die linguistische Paläontologie: Bestimmte Wörter, die im Zusammenhang mit der Technik von Radfahrzeugen benutzt werden, finden sich   in allen Zweigen der indogermanischen Sprachfamilie wider.  Zudem wissen wir aus der Archäologie, dass Radfahrzeuge frühestens zu diesem Zeitpunkt aufgekommen sind. Wenige Forscher dagegen favorisieren eine andere Theorie, nach der die indogermanischen (indoeuropäischen) Sprachen ihren gemeinsamen Ursprung vor 8000 bis 9000 Jahren im heutigen Anatolien haben, von wo aus sie sich gemeinsam mit der Landwirtschaft ausgebreitet haben sollen.

Lexik mit Verbreitung von Sprechern kombiniert

Die in dieser Woche in der Science veröffentlichten Ergebnisse stützen die von der Minderheit vertretene Auffassung in maßgeblicher Weise. Die dort beschriebene Analyse kombiniert ein Modell der Lexik-Entwicklung einzelner Sprachen mit einem expliziten räumlichen Verbreitungsmodell von Sprechern dieser Sprachen. Die  Vorgeschichte bekannter Ereignisse – der Zeitpunkt des ersten Nachweises einer toten Sprache sowie Ereignisse, die sich aus archäologischen Befunden oder historischen Belegen schließen lassen -,  werden verwendet, um den abgeleiteten Sprachfamilienstammbaum auf den Zeitaspekt zu kalibrieren.

Bedeutung phylogenetischer Stammbäume

Der Maximum-Clade-Credibility (MCC)-Baum (Bayes-Analyse) für die 103 indogermanischen (indoeuropäischen) Sprachen der untersuchten Auswahl. Die wesentlichen Untergruppen sind als farbige Zweige gekennzeichnet. Die Stärke der Zweige reflektiert die relative räumliche Verteilungsgeschwindigkeit entlang der ZweigeLink zur Veröffentlichung.

Die lexikalischen Daten für diese Analyse stammen aus der Indo-European Lexical Cognacy Database (IELex), die von der Gruppe Evolutionary Processes in Language and Culture am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik entwickelt wurde. Sie liefert eine umfassende, hochwertige Sammlung von Sprachdaten, die sich für phylogenetische Analysen eignen. Neben dem eigentlichen Interesse, der Aufklärung der Geschichte von Sprachfamilien und ihrer Sprecher - sind phylogenetische Stammbäume entscheidend für das Verständnis der Entwicklung und Diversität vieler Geisteswissenschaften, von der Syntax und der Semantik bis hin zur Sozialstruktur.

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