Zülch-Preis 2010 geht an Multiple Sklerose-Forscher

Britischer und österreichischer Wissenschaftler erhalten Preis für neurologische Grundlagenforschung

6. September 2010

Alastair Compston und Hans Lassmann sind die diesjährigen Preisträger des K. J. Zülch-Preises für neurologische Grundlagenforschung. Die Gertrud Reemtsma Stiftung ehrt damit zwei Wissenschaftler, die maßgeblich zur Erforschung von Multipler Sklerose beigetragen haben. Die Arbeit von Alastair Compston hat wichtige Erkenntnisse zur Genetik und Therapie von Multipler Sklerose geliefert. Hans Lassmann hat herausgefunden, dass die Multiple Sklerose ein heterogenes Krankheitsbild ist und sich von Patient zu Patient unterscheiden kann. Die Verleihung des K. J. Zülch-Preises 2010 findet am 10. September in Köln statt.

Alastair Compston und Hans Lassmann sind Preisträger des K. J. Zülch-Preises für neurologische Grundlagenforschung 2010. Die Arbeit von Alastair Compston hat wichtige Erkenntnisse zu Genetik und Therapie von Multipler Sklerose geliefert. Hans Lassmann hat herausgefunden, dass die Multiple Sklerose ein heterogenes Krankheitsbild ist und sich von Patient zu Patient unterscheiden kann.

Multiple Sklerose ist eine der häufigsten Erkrankungen des Nervensystems. Sie ist eine Autoimmunerkrankung, bei der sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet - in diesem Fall gegen die Isolierschicht, die die Fortsätze von Nervenzellen umgibt. Diese so genannte Myelin-Schicht wird durch Entzündungsreaktionen langsam zerstört. Das Immunsystem bildet dabei Abwehrstoffe gegen das Myelin, so genannte Antikörper. Die Signale der Nervenzellen können deshalb nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr weiter geleitet werden. Die Folge sind vielfältige Störungen des Nervensystems, angefangen von Seh- und Schluckstörungen bis hin zu starker Müdigkeit und Lähmungserscheinungen.

Alastair Compston und Hans Lassmann gelten als führende Experten auf dem Gebiet der Multiplen Sklerose. Alastair Compston ist Leiter der Abteilung für klinische Neurowissenschaften an der Universität Cambridge in England. Der in London geborene Neurologe erforscht seit über 30 Jahren die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten von Multipler Sklerose. So trieb er 2001 die Gründung des International Multiple Sclerosis Genetics Consortium voran, eines Forschungsverbundes mit dem Ziel, Risiko-Gene für die Erkrankung zu identifizieren. Dank dieser groß angelegten Genanalyse ist heute eine wachsende Zahl von Genveränderungen bekannt, die die Anfälligkeit für Multiple Sklerose erhöhen oder erniedrigen können.

Darüber hinaus untersucht Alastair Compston die Wirkung eines möglichen neuen Wirkstoffes auf den Verlauf der Erkrankung, des Antikörpers Alemtuzumab. Man weiß, dass verschiedene Arten von Immunzellen aus dem Blut ins Gehirn einwandern und dort Entzündungen an den Nervenfortsätzen hervorrufen. Mit Alemtuzumab lässt sich dieser Prozess unterbinden. Compston zufolge kann Alemtuzumab die Beschwerden von Patienten im Frühstadium lindern, bei Patienten mit fortgeschrittener Multipler Sklerose ist die Therapie hingegen wirkungslos. Diese Entdeckung zeigt, dass es Krankheitsphasen gibt, in denen unterschiedliche Faktoren den weiteren Verlauf bestimmen. So dominiert in der Anfangsphase das Immunsystem das Krankheitsgeschehen, später sind neurodegenerative Veränderungen im Nervensystem vorherrschend.

Behandlung von Multipler Sklerose im frühen Stadium: Nervenzellen vor der Behandlung (oben) und danach (unten).

Heterogenes Krankheitsbild

Aber nicht nur die einzelnen Phasen der Multiplen Sklerose unterscheiden sich voneinander, auch der Krankheitstyp ist von Patient zu Patient unterschiedlich - eine Erkenntnis, die wesentlich auf die Forschung Hans Lassmanns zurückgeht. Der gebürtige Wiener, der an der Universität seiner Heimatstadt lehrt und forscht, konnte aufgrund morphologischer Untersuchungen vier unterschiedliche Erkrankungstypen differenzieren. Verschiedene Zellarten sind dabei offenbar für die Zerstörung der Isolierschicht um die Nervenzellen verantwortlich. Die Multiple Sklerose ist demnach eine vielgestaltige Erkrankung, die entsprechend individuell behandelt werden muss. So konnte Hans Lassmann zeigen, dass Patienten mit einer Typ-II-Erkrankung, die gegen entzündungshemmende Steroide unempfindlich sind, von einer Plasmapherese profitieren. Dabei werden die krankmachenden Antikörper des Immunsystems aus dem Blut ausgewaschen.

Hans Lassmann hat also mit seiner Klassifikation die Frage aufgeworfen, ob die Multiple Sklerose tatsächlich eine Einheit darstellt, oder ob sich dahinter nicht mehrere Erkrankungsarten verbergen. Er hat damit wesentlich dazu beigetragen, nach neuen Therapien zu suchen, die auf die individuelle Erkrankungsform zugeschnitten sind.

Die Verleihung des Zülch-Preises findet am Freitag, den 10. September 2010 um 10:00 Uhr im Gürzenich der Stadt Köln statt. Die Laudatio auf Alastair Compston hält Reinhard Hohlfeld, Direktor des Instituts für klinische Neuroimmunologie der LMU München. Laudator auf Hans Lassmann ist Hartmut Wekerle, Direktor am Max-Planck-Institut für Neurobiologie in Martinsried. Die Preisträger werden im Anschluss an die Laudationes über ihre wissenschaftlichen Arbeiten berichten.

Zur Redakteursansicht