Mit Reputation geht es fast ohne Strafe

Wer sich auf Kosten der Gesellschaft bereichert, wird durch den Entzug sozialer Unterstützung diszipliniert und nur in Härtefällen direkt bestraft

7. Dezember 2006

Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Limnologie in Plön und der Universität Erfurt haben herausgefunden, dass auch bei gut funktionierenden Reputationsmechanismen Menschen nicht ganz darauf verzichten, jene zu bestrafen, die sich auf Kosten anderer einen Vorteil verschaffen. Wenn sie die Wahl haben, bevorzugen sie sogar eine Gesellschaft, in der neben der Wahrung der eigenen Reputation auch die Bestrafung von "Trittbrettfahrern" möglich ist. Allerdings setzen sie Strafen nur noch selten, dafür aber sehr gezielt ein. Das Fazit der Forscher: Strafen gehört genauso zur menschlichen Gesellschaft wie die Wahrung des guten Rufs, jedoch kann das Strafen auf "Härtefälle" beschränkt werden, wenn Reputation ein wichtiger gesellschaftlicher Faktor ist (Nature, 7. Dezember 2006).

Gewinn durch Kooperation im "Public Goods Game". Blau: wenn sowohl Bestrafung als auch Reputationsverlust möglich sind; orange: wenn nur Bestrafung möglich ist; grau: typischer Verlauf ohne Bestrafung und Reputationsverlust.

Viele Probleme in der Gesellschaft oder zwischen Staaten sind Kooperationsprobleme - die Überfischung der Meere oder die Übernutzung sozialer Sicherungssysteme sind nur einige Beispiele. Solche als "Tragedy of the Commons" bekannten Probleme können sogar unsere Existenz bedrohen, wenn z.B. der ungebremste Einsatz fossiler Brennstoffe das globale Klima kippt. Die Forschung hat jedoch gezeigt, dass es auch Faktoren gibt, um die Kooperationsbereitschaft zu steigern: durch direkte Bestrafung derer, die sich auf Kosten anderer einen Vorteil verschaffen, oder durch Belohnung derer, die sich kooperativ verhalten, in Form von sozialem Ansehen (Reputation), das sich auszahlt. Für Politiker wäre es interessant, ließe sich die Frage beantworten, in wieweit starke Reputationsmechanismen den Verzicht auf kostspielige Sanktionierung von Unkooperativen erlauben.

Um solche sozialen Dilemmata zu untersuchen, führen Wissenschaftler so genannte "Public Goods-Spiele" durch: Beispielsweise werden vier Spieler gefragt, ob sie bereit sind, jeder einen Euro in einen Gemeinschaftstopf einzuzahlen. Dann verdoppelt der Versuchsleiter die Summe im Topf und verteilt sie wieder gleichmäßig auf alle vier Spieler - unabhängig davon, ob sie wirklich etwas eingezahlt haben oder nicht. Haben alle eingezahlt, bekommt jeder zwei Euro zurück, würde also einen Euro Gewinn erzielen. Zahlt aber nur ein einziger Spieler nicht ein, bekommt jeder nur durchschnittlich 1,50 Euro heraus, was einen tatsächlichen Nettogewinn von 1,50 Euro für den unkooperativen Spieler und nur 0,50 Euro für jeden kooperativen Spieler bedeutet. Jeder erhält am Ende seinen Kontostand bar ausgezahlt. Normalerweise beginnen solche Experimente sehr kooperativ, doch binnen weniger Runden bricht die Kooperation zusammen und niemand investiert mehr in das Gemeinschaftsgut, wie im täglichen Leben. Jeder, der wieder zu kooperieren versucht, würde Geld verlieren, denn er bekäme ja nur die Hälfte jedes selbst investierten Euros zurück.

Haben die Teilnehmer jedoch die Möglichkeit - unter Inkaufnahme eigener Kosten - Nicht-Kooperative zu bestrafen, dann erhöht sich in den folgenden Spielrunden die Bereitschaft der Nicht-Kooperativen, wieder zu kooperieren. Allerdings sinkt der monetäre Gewinn, da beide, sowohl der Strafende als auch der Bestrafte, Geld verlieren. Die Gruppe wäre also besser dran, wenn sich die Aufrechterhaltung der Kooperationsbereitschaft durch weniger destruktive Maßnahmen erreichen ließe.

Tatsächlich lässt sich die Kooperationsbereitschaft auf einem hohen Level aufrechterhalten, wenn die Beteiligten die Möglichkeit haben, mit ihrem Verhalten eine hohe Reputation, also persönliches Ansehen aufzubauen. Denn ganz nach dem Motto "wer gibt, dem wird gegeben", bekommt derjenige auch mehr Unterstützung, der anderen schon geholfen hat. Für diese "indirekte Reziprozität" ist es also wichtig, einen hohen Geber-Status aufzubauen. Gleichzeitig werden die Teilnehmer durch das Vorenthalten von Unterstützung diszipliniert - es wirkt wie eine Strafmaßnahme.

Auf der Basis dieser Ergebnisse sollte man annehmen, dass in einem sozialen Dilemma, die mit Kosten verbundene Bestrafung verschwindet, wenn die Möglichkeit gegeben ist, durch Einzahlen in den "Gemeinschaftstopf" Reputation zu erlangen. Dies wäre eine wesentlich günstigere und gleichsam wirksame Alternative, um die Kooperationsbereitschaft aufrechtzuerhalten. "Man weiß inzwischen, dass sich das Strafen eigentlich kaum auszahlt - es kostet den Strafenden und den Bestraften zusammen etwa soviel, dass es den Zugewinn aus mehr Kooperativität zu einem großen Teil vernichtet", sagt Manfred Milinski vom Max-Planck-Institut für Limnologie in Plön. Zusammen mit der Wirtschaftswissenschaftlerin Bettina Rockenbach von der Universität Erfurt wollte der Evolutionsbiologe deshalb herausfinden, was passiert, wenn sowohl die Möglichkeit zur kostenaufwändigen Sanktionierung der Anderen als auch zur eigenen Reputationsbildung besteht. Würde Strafe durch Reputation ersetzt werden?

Die Wissenschaftler teilten Studenten der Universität Erfurt in Gruppen mit jeweils acht Spielern ein und ließen sie 20 Runden eines "Public Goods Game" spielen mit jeweils zwei unterschiedlichen Spieloptionen: Vor Beginn jeder Spielrunde konnten sich die Teilnehmer entweder einer Gruppe anschließen, in welcher das "Public Goods Game" sowohl mit Bestrafung als auch mit Reputationsbildung verknüpft war, oder einer Gruppe, in welcher lediglich Reputationsbildung möglich war. In einem zweiten Experiment konnten sich die Teilnehmer entweder einer Gruppe anschließen, in welcher das "Public Goods Game" ausschließlich mit Bestrafung verknüpft war, oder einer, in der das"Public Goods Game" ohne weitere Optionen gespielt wurde.

Durchschnitt der erteilten Strafpunkte pro Gruppenmitglied in jeder der 20 Runden. Blau: wenn sowohl Bestrafung als auch Reputationsverlust möglich sind; orange: wenn nur Bestrafung möglich ist.

Die Untersuchungen lieferten überraschende Ergebnisse: Zu Beginn wählten tatsächlich 70 Prozent der Teilnehmer in beiden Experimenten die Spieloption ohne Bestrafung. Obwohl die Teilnehmer in Experiment 1 die Spieloption besaßen, ausschließlich Reputationsbildung zur Aufrechterhaltung von Kooperation einzusetzen - eine Lösung, die nichts kostet und den Strafenden Geld spart - wechselten im weiteren Verlauf der Spielrunden jedoch immer mehr Teilnehmer in die Gruppe, die Bestrafung in Kombination mit Reputationsbildung zuließ. Im Vergleich zur reinen Strafkontrolle wurde jedoch in dieser Konstellation die Möglichkeit zur Bestrafung zunehmend seltener gewählt (Abb. 1a), das Risiko, bestraft zu werden, wurde also zusehends geringer. Die Strafe als abschreckendes Mittel blieb aber bestehen: in den wenigen Fällen wurden Trittbrettfahrer deutlich härter bestraft. "Kooperation lässt sich also fast ohne Strafe aufrechterhalten, wenn andere zusehen und die eigene Reputation auf dem Spiel steht", erklärt Bettina Rockenbach. Dadurch dass zwei Drittel der teuren Strafen wegfällt, wird das "Public Goods Spiel" gleichzeitig enorm effizient: Im Vergleich zu den anderen Spieloptionen war der Beitrag zum Gemeinschaftstopf im weiteren Verlauf der Spielrunden am größten (Abb. 1b).

Sowohl das Achten auf den eigenen guten Ruf als auch Bestrafung scheinen fester Bestandteil des menschlichen Sozialverhaltens zu sein. Allerdings schaffen Reputationsmechanismen eine Umgebung, in der tatsächliche Bestrafung von sozialem Fehlverhalten kaum notwendig ist. Die Anwendung dieser Ergebnisse auf soziale Dilemmata zwischen Personen, Gruppen und Staaten erscheint nahe liegend.

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