Forschungsbericht 2012 - Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik

Sparen- und Vorsorgeverhalten: Neue Daten für bessere Antworten

Autoren
Coppola, Michela; Lamla, Bettina
Abteilungen
Munich Center for the Economics of Aging (Prof. Axel Börsch-Supan, Ph.D.)
Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik, München
Zusammenfassung
Das Sparverhalten der Haushalte ist nicht nur für die Grundlagenforschung ein wichtiges Thema. Seit 2001 stellt die SAVE-Panelstudie der empirischen Forschung Informationen bereit. Die Befragungen der letzten Jahre zeigen: Ein Großteil der Deutschen fühlt sich unzureichend abgesichert, doch nur wenige planen, ihre private Altersvorsorge zu erhöhen. Die neueste Welle der SAVE-Studie, die das Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) durchführt, wird ein detailliertes Bild der Alterssicherungssituation ermöglichen.

Eine der zentralen Aufgaben für Ökonomen und Psychologen ist es, zu verstehen, wie Menschen langfristige Entscheidungen treffen, so zum Beispiel wann, warum und wie viel Haushalte sparen. Dies ist nicht nur ein wichtiges Thema der Grundlagenforschung, sondern auch von praktischer und politischer Bedeutung, zum Beispiel bei der Altersvorsorge. Private Altersvorsorgeentscheidungen sind in Deutschland seit der Einführung eines genuinen Mehrsäulenmodells durch die Rentenreformen von 2001 von großer Bedeutung für das zukünftige Alterseinkommen. Ein fundiertes Verständnis der Mechanismen, die den Spar- und Vorsorgeentscheidungen zugrunde liegen, ist daher auch für die politischen Entscheidungsträger wichtig.

Eine etablierte Theorie des Sparverhaltens, die von Modigliani und Brumberg (1954) und Friedman (1957) inspirierte Lebenszyklus-Permanente Einkommenshypothese, geht von der Annahme aus, dass jedes Individuum ein rational „vorausschauendes“ Wirtschaftssubjekt ist, das Konsum- und Sparbedürfnisse über die gesamte Lebenszeit plant. Anders gesagt, nach Berücksichtigung des eigenen Lebenseinkommens und der zu erwartenden Anlageerträge planen Haushalte langfristig über alle Perioden, um den Konsum bestmöglich auf die gesamte Lebenszeit zu verteilen. Demzufolge soll man in der ersten Lebensphase – wenn das Einkommen sehr gering ist – auf Kredite zurückgreifen, um den geplanten Lebensstandard zu erreichen. Später soll das steigende Einkommen benutzt werden, um die Kredite zurückzuzahlen und um Vermögen zu bilden, das den Konsum in der Ruhestandphase finanzieren wird. Am Lebensende ist das Vermögen vollständig aufgebraucht: Sparen und Ent-Sparen heben sich über die Lebenszeit auf.

Die empirische Relevanz dieser einfachen Theorie ist allerdings sehr umstritten: Viele praktische Fragen der Altersvorsorge bleiben unbeantwortet und manche Facetten des Sparverhaltens, so zum Beispiel einerseits die allzu menschliche Tendenz, unangenehme Dinge hinauszuschieben, und andererseits die hohe Sparquote auch noch im Alter, widersprechen ihr zudem. Aus diesem Grund ist es wichtig, das tatsächliche Verhalten zu beobachten und mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen die gängige Theorie realistischer und damit nützlicher zu machen.

Die 2001 vom damaligen Mannheimer Forschungsinstitut für Ökonomie und Demographischen Wandel (MEA) ins Leben gerufene SAVE-Studie (Sparen und AltersVorsorgE in Deutschland) setzt hier an und versucht, die vorhandenen Lücken zu schließen. Sie erhebt detaillierte, quantitative Informationen zu traditionellen ökonomischen Variablen (wie zum Beispiel Einkommen, Spareinlagen und Vermögenshöhe) sowie zu relevanten soziopsychologischen Aspekten auf Basis einer repräsentativen Stichprobe deutscher Haushalte. SAVE ist als Längsschnittstudie konzipiert: Die gleichen Haushalte werden seit 2005 in einem jährlichen Turnus wiederbefragt, um Veränderungen in deren Lebensumständen und deren Sparverhalten berücksichtigen zu können. Von 2005 an erreichte die Umfrage mit einem durchschnittlichen Stichprobenumfang von rund 2.600 Befragten in den Jahren 2005 bis 2010 eine relativ hohe Stabilität über die Zeit. Die hohe Datenfülle, die Panelstruktur und die Schnelligkeit, mit der die Daten allen Wissenschaftlern zur Verfügung gestellt werden, machen die SAVE-Studie zu einer einzigartigen informativen Quelle, um das Sparverhalten wissenschaftlich zu ergründen; darüber hinaus kann sie auch der Politik als Handlungsgrundlage dienen.

Die SAVE-Befragungen der letzten Jahre haben gezeigt: Deutsche Haushalte halten Altersvorsorge für einen sehr wichtigen Spargrund. Zugleich fühlt sich ein Großteil der Bevölkerung nicht ausreichend abgesichert. Die Befragung 2010 hat sich insbesondere mit dem Thema Alters(-verun-)sicherung beschäftigt. Im Folgenden werden einige Ergebnisse aus dieser Befragung dargestellt.

Die meisten Haushalte denken, dass Sparen für die Altersvorsorge wichtig ist

Das Sparverhalten der deutschen Haushalte zeigt seit Beginn der Umfrage im Großen und Ganzen nur kleine Veränderungen: Das Vorsichtssparen und die Altersvorsorge blieben für die meisten Haushalte die wichtigsten Spargründe. Seit 2007 erklärt ein stabiler Anteil von knapp 70 Prozent der Haushalte die Absicherung im Alter für entscheidend (Abb. 1).

original
Abb. 1: Sparverhalten der Haushalte

Ein Großteil der Haushalte fühlt sich finanziell nicht genügend für das Alter abgesichert

Mehr als die Hälfte der Haushalte glauben, dass sie nicht ausreichend gut für das Alter vorgesorgt haben. Insbesondere Menschen, die ohne Partner leben und ein geringes Einkommen haben, fühlen sich schlecht abgesichert. Mehr als 70 Prozent der Befragten der unteren Einkommenskategorie glauben, mehr Altersvorsorge zu benötigen. Auffallend ist, dass mit der Höhe des Einkommens die Wahrnehmung einer unzulänglichen Altersvorsorge abnimmt. Zugleich wächst aber der Abstand zwischen allein Lebenden und Befragten, die mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin zusammenleben, sodass der Eindruck, nicht genug für das Alter abgesichert zu sein, unter den Alleinstehenden weiter verbreitet ist als unter Paaren (Abb. 2).

original
Die Einkommensverteilung wurde in 4 gleich große Teile zerlegt, sogenannte Quartile. Im ersten Quartil befinden sich die Haushalte mit dem geringsten Einkommen, im vierten Quartil die Haushalte mit dem höchsten Einkommen.

Junge Menschen erwarten keine ausreichende staatliche oder betriebliche Absicherung

Nicht zuletzt durch die stufenweise Erhöhung des Renteneintrittsalters wird für viele Menschen die staatliche Absicherung unübersichtlich. Vor allem betroffen sind Menschen am Beginn ihres Erwerbslebens und Befragte mittleren Alters. 74 Prozent der Befragten unter 35 halten ihre staatliche Altersvorsorge für nicht ausreichend. Hinzu kommt, dass oftmals auch die Partnerin oder der Partner für unangemessen abgesichert gehalten wird. Ältere Menschen hingegen betrachten ihre staatliche Vorsorge überwiegend als ausreichend (Abb. 3).

… auch die betriebliche Altersvorsorge ist nicht hinreichend

original

Diverse Reformen haben die Altersvorsorge durch den Arbeitgeber in den Fokus gerückt. Dennoch zeigt ein Vergleich mit der staatlichen Vorsorge, dass in allen Altersklassen die betriebliche Altersvorsorge noch häufiger als nicht ausreichend eingestuft wird. Erneut sind es vor allem die jüngeren Haushalte, die sich betrieblich ungenügend abgesichert wähnen.

Frauen fühlen sich im Vergleich zu Männern oft schlecht betrieblich abgesichert. Zugleich ist diese Diskrepanz nur bei Frauen mit einem Realschulabschluss oder höherem Schulabschluss zu finden.

Auch geschlechterübergreifend hat der Schulabschluss Einfluss auf die Einschätzung der Befragten. Während nur 36 Prozent der Menschen mit Hauptschulabschluss die Aussage, die Altersvorsorge durch den Arbeitgeber sei ausreichend, für unzutreffend halten, ist es über die Hälfte der Menschen mit höheren Abschlüssen.

original
Abb. 4: Zusätzliche private Vorsorge.

Vielen Haushalten fehlt das Geld für zusätzliche private Altersvorsorge

Mehr als ein Drittel der Haushalte nehmen ihre private Altersvorsorge als zu dürftig wahr (Abb. 4). Davon plant lediglich etwas mehr als jeder Fünfte, die private Altersvorsorge in Zukunft zu erhöhen. Gefragt nach dem Grund für die fehlende private Absicherung, nennen mehr als 42 Prozent das Fehlen ausreichender finanzieller Mittel für die zusätzliche private Vorsorge. Dies lässt nicht vermuten, dass sich die Situation dieser Haushalte bald verbessern wird.

Unabhängig vom Einkommen wird die Riester-Rente immer beliebter

Lebensversicherungen sind nach wie vor die beliebtesten privaten Vorsorgeprodukte. Im Gegenzug nimmt der Anteil der Haushalte mit einer staatlich geförderten Riester-Rente stetig zu. Erfreulicherweise ist dieser Trend bei Haushalten aller Einkommenskategorien festzustellen, wenn auch nicht mit derselben Intensität. Während zwischen 2007 und 2010 der Anteil von förderberechtigten Haushalten mit einer Riester-Rente um knapp 20 Prozentpunkte bei Haushalten mit geringen Einkommen gestiegen ist, so waren es über 31 Prozentpunkte bei den oberen Einkommen.

SAVE – wie geht es weiter?

Obwohl sich in den vergangenen Jahren die Datenqualität und -verfügbarkeit deutlich verbessert hat, gibt es noch entscheidende Wissenslücken. Ein aktuelles und vollständiges Bild der Alterssicherungssituation der Haushalte in Deutschland fehlt nach wie vor. Ein Teilaspekt ist das mangelnde Wissen über die Verbreitung der betrieblichen Altersversorgung. Dies lässt wichtige Fragen noch unbeantwortet, etwa welche Haushalte über eine betriebliche Altersvorsorge verfügen oder ob private und betriebliche Altersvorsorgeinstrumente einander verdrängen oder sich ergänzen.

Eine weitere Lücke bezieht sich auf Analysen auf der Ebene der Privathaushalte. Die Daten der Sozialversicherungsträger bieten zwar exakte Informationen über die Erwerbshistorie und Rentenansprüche der Einzelpersonen, geben aber keine Auskunft über die Situation des gesamten Haushalts. Die Daten belegen, dass viele Frauen und selbstständige Männer niedrige Rentenansprüche haben. Wir wissen allerdings nicht, ob deren jeweilige Partner gut abgesichert sind.

Die neueste Welle der SAVE-Studie, die in November 2011 gestartet wurde, wird Antworten auf diese und ähnliche Fragen geben. Dank einer Kooperation mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) werden die Befragungsdaten mit Daten der BA über Beschäftigungszeiten und ferner mit Daten aus einer Arbeitgeberbefragung verbunden. Das Konzept ist sehr innovativ, da hier erstmals Daten aus drei verschiedenen Quellen (eine Befragung privater Haushalte, eine Arbeitgeberbefragung und Daten der Sozialversicherungsträger) gleichzeitig ausgewertet werden. Der neue Datensatz wird voraussichtlich Ende 2012 verfügbar sein.

1.
Modigliani, F.; Brumberg, R. H.
Utility analysis and the consumption function: An interpretation of cross-section data.
In: Kurihara, K. K. (ed.), Post-Keynesian Economics. New Brunswick, NJ: Rutger University Press, 1954, 388–436.
2.
Kurihara, K. K. (ed.)
Post-Keynesian Economics.
New Brunswick, NJ: Rutger University Press, 1954.
3.
Friedman, M.
A Theory of the Consumption Function.
Princeton: Princeton University Press, 1957.
Zur Redakteursansicht