Forschungsbericht 2012 - Max-Planck-Institut für Ornithologie

Schau Dir das an: Raben verwenden hinweisende Gesten

Autoren
Pika, Simone
Abteilungen
Humboldt Forschungsgruppe Vergleichende Gestische Kommunikation
Zusammenfassung
Um das Rätsel um die Entstehung menschlicher Sprache zu entschlüsseln, untersucht die Humboldt-Forschungsgruppe am MPI für Ornithologie die kognitive Komplexität von Gesten vergleichend in drei unterschiedlichen Modellgruppen: in menschlichen Kulturen, relativ nah verwandten Arten und Arten in vergleichbar komplexen Sozialsystemen. Eine erste Studie zeigte, dass Raben ihre Schnäbel ähnlich einsetzen wie Menschen ihre Hände, um Gegenstände hochzuhalten und einander zu zeigen. Diese hinweisenden Gesten scheinen verwendet zu werden, um das Interesse eines potenziellen Partners zu testen.

Wissenschaftlicher Hintergrund

Eines der noch ungelösten wissenschaftlichen Rätsel ist die Entstehung und Evolution menschlicher Sprache. Ein für diese Frage essenzieller Forschungsansatz ist der sogenannte vergleichende Ansatz, der die Komplexität von Kommunikationssystemen anderer Tiere untersucht, um dann Rückschlüsse auf die kommunikativen Fähigkeiten und die Komplexität unserer menschlichen Vorfahren zu ermöglichen [1].

Die zurzeit vorherrschenden Theorien zur Sprachevolution sehen Vorstufen menschlicher Sprache in (a) Lautäußerungen (Vokalisationen), (b) Gesten oder (c) einer Kombination aus Vokalisationen und Gestik begründet [1]. Die Mehrheit vergleichender Studien zur Sprachevolution widmete sich bisher vorwiegend der Erforschung von Vokalisationen nicht-menschlicher Primaten. Da die meisten Studien jedoch zeigten, dass nicht-menschliche Primaten weder die Vokalisationen, die sie produzieren, lernen noch die Struktur willkürlich verändern können, tragen vergleichende Vokalisationsstudien nur bedingt zur Lösung des Rätsels der Sprachevolution bei.

Interessanterweise wird gesprochene Sprache jedoch in allen bekannten Kulturen von distinkten Bewegungen der Hände, Arme und des Kopfes, sogenannten Gesten, begleitet. Gesten werden als in Bewegung übertragene Gedanken interpretiert und dienen dazu, spezifische Aspekte zu unterstreichen, zu illustrieren und zu ergänzen.

Michael Tomasello schrieb erst kürzlich: „In all, I personally do not see how anyone can doubt that ape gestures – in all of their flexibility and sensitivity to the attention of the other – and not ape vocalizations – in all of their inflexibility and ignoring of others – are the original font from which the richness and complexities of human communication and language have flowed“ [2, Seite 55].

Von besonderem wissenschaftlichen Interesse sind sogenannte hinweisende Gesten, welche die Aufmerksamkeit und das Verhalten von anderen Individuen auf äußere Dinge lenken. Erste hinweisende Gesten wie zum Beispiel die „Zeigegeste“ („da“; „dort“), das „Hochhalten von Objekten“ („schau dies“) und das „Anbieten“

(„nimm dies“), werden von Kindern ab einem Alter von 9-12 Monaten verwendet. Sie repräsentieren die ersten kommunikativen Versuche des Kleinkindes, andere auf seine Aufmerksamkeit bezüglich einer dritten Entität einzustellen. Hinweisende Gesten resultieren in einem referenziellen Dreieck von Kind, Erwachsenem und Gegenstand oder Ereignis, auf den oder das beide ihre Aufmerksamkeit gemeinsam richten. Da diese hinweisenden Gesten den Auftakt zur Verwendung von Symbolen darstellen und ihnen relativ komplexe kognitive Fähigkeiten zugrunde liegen, werden sie als Meilensteine in der Entwicklung menschlicher Sprache gesehen [3], [4].

Vergleichbare Gesten bei unseren nächsten lebenden Verwandten, den Menschenaffen, sind dagegen relativ selten. Sie wurden bisher vorwiegend zwischen gefangenen oder vom Menschen aufgezogenen Individuen und ihren Pflegern beobachtet [3], [5]. Die überzeugendste Studie zur innerartlichen Verwendung hinweisender Gesten handelt von Schimpansen (Pan troglodytes) der Ngogo-Gruppe im Kibale Nationalpark, Uganda [6]. Diese verwenden dezidierte Kratzgesten, um anderen Artgenossen mitzuteilen, an welcher Körperstelle sie gelaust werden möchten [6], [7]. Aufgrund der Seltenheit solcher Beobachtungen, hielt man bisher hinweisende Gesten nicht nur für ein sehr seltenes, sondern auch für ein auf die Primatenlinie begrenztes Phänomen.

Rabenvögel (Corvidae)

Bereits Mitte des letzten Jahrhunderts wiesen führende Ethologen wie Gwinner, Lorenz und Kramer, welche die wissenschaftliche „Landschaft“ des Max-Planck-Instituts in Seewiesen essenziell geformt und geprägt haben, auf die Sonderstellung der Familie der Rabenvögel (Corvidae) hin. Zu den rund 120 Arten dieser Familie gehören neben der größten Spezies, dem Kolkraben (Corvus corax), auch kleinere Arten wie zum Beispiel Saatkrähen (Corvus frugilegus), Rabenkrähen (Corvus corone) und Elstern (Pica pica). Rabenvögel zeichnen sich durch eine erstaunliche Verhaltensplastizität und Lernfähigkeit aus. Sie übertreffen die meisten anderen Vogelfamilien, mit Ausnahme der Papageien, an Intelligenzleistungen und schneiden in vielen kognitiven Verhaltensexperimenten sogar ähnlich gut ab wie Menschenaffen.

Raben gehören zur Unterordnung der Singvögel. Da sie sich ein Leben lang verpaaren und auf einen verlässlichen Kooperationspartner angewiesen sind (z.B. für die Jungenaufzucht, Verteidigung des Territoriums, etc.), haben sie eine vergleichsweise lange Phase der Partnerwahl. Ihr sehr umfangreiches Vokalisationsrepertoire umfasst ein- bis mehrsilbige Laute, die an Kolken, Grunzen, Rülpsen, Knarren, Knacken, Sirren und an helle Xylophonklänge erinnern. Raben sind außerdem in der Lage, die Rufe anderer Vogelarten sowie menschliche Stimmen und Umweltgeräusche nachzuahmen, und entwickeln paarspezifische Vokalisationen.

Obwohl Gwinner bereits 1964 [8] unterstrich, dass Raben im Bereich des Ausdrucksverhaltens erstaunliche Flexibilität besitzen, die es ihnen erlaubt, die eigenen Bewegungen und Bewegungsabläufe zu proben, modifizieren, revidieren, sie neu zu kombinieren und in neuen Kontexten zu verwenden, blieb die systematische Untersuchung dieser kommunikativen Domäne sehr lange unangetastet.

Die Verwendung hinweisender Gesten bei Raben

Ein Projekt der Humboldt-Forschungsgruppe widmet sich jetzt jedoch systematisch der kognitiven Komplexität, die der vokalen und gestischen Kommunikation von Raben und anderen Rabenvögeln zugrunde liegt. Eine erste Studie [9] an einer Rabenpopulation im Cumberland-Wildpark in Grünau, Österreich, konzentrierte sich auf zwei spezifische Verhaltensweisen: das „Hochhalten“ und „Anbieten“ (Abb. 1).

Über einen Zeitraum von zwei Jahren wurde das Ausdrucksverhalten individuell markierter Vögel außerhalb der Brutsaison untersucht. Es wurde beobachtet, dass Raben ihre Schnäbel ähnlich einsetzen wie Menschen ihre Hände, um Objekte, die keinen direkten Nutzen und/oder Wert haben (wie zum Beispiel Moose, kleine Steine und Zweige), hochzuhalten und einander anzubieten.

Diese Verhaltensweisen qualifizieren als Gesten, da sie (a) an einen Empfänger gerichtet sind, (b) mechanisch ineffektiv sind, und (c) eine gerichtete Reaktion des Empfängers ermöglichen [3], [4]. Ähnlich wie Menschenaffen [10] passten auch die Raben die Verwendung der Gesten flexibel an den Aufmerksamkeitsstatus des Rezipienten an, das heißt sie offerierten Gegenstände oder hielten Gegenstände nur dann hoch, wenn der Empfänger die Gesten sehen konnte (Abb. 1 und 2).

Die beiden Gesten wurden vorwiegend an Individuen des anderen Geschlechts gerichtet und resultierten in einem referenziellen Dreieck zwischen Sender, Empfänger und Gegenstand. Die Gesten führten dazu, dass sich die Empfänger des Signals zu den signalisierenden Individuen hin orientierten. Daraufhin interagierten die beiden Raben vorwiegend positiv miteinander, zum Beispiel durch Schnäbeln oder gemeinsames Bearbeiten des Objektes (Abb. 3).

Funktion der Gesten

Zahlreiche Ethologen und Ornithologen haben das Ausdrucksverhalten von Vögeln, insbesondere Balzrituale (z.B. bei Schwimmenten, Haubentauchern, Renntauchern), Demutsgebärden (z.B. beim Honigfresser) und Drohgebärden (z.B. bei Paradiesvögeln) umfassend beschrieben. Die Variabilität und Flexibilität non-vokaler Signale wurde hingegen kaum untersucht. Folglich steckt das Verständnis der zugrunde liegenden kognitiven Komplexität noch in den Kinderschuhen.

Die ersten systematischen Untersuchungen des Ausdrucksverhaltens von Raben zeigten jedoch, dass Raben hinweisende Gesten verwenden, die in dieser Form bisher nur bei Primaten beobachtet wurden. Im Gegensatz zu Menschenaffen, die hinweisende Gesten jedoch vorwiegend einsetzen um eine Interaktion zu initiieren (imperativ: „gib mir das“, „kratz mich hier“) [6], inkludieren Raben Gegenstände in ihre kommunikativen Interaktionen, um ähnlich wie Menschen die Aufmerksamkeit von Empfängern „einzustellen“ und zu lenken [9] (deklarativ: „schau hier“).

Da hinweisende Gesten vorwiegend zwischen Jungraben verschiedenen Geschlechts stattfanden und in vorwiegend positive soziale Interaktionen mündeten, scheinen sie von Raben als „Test-Signale“ verwendet zu werden, um das Interesse eines potenziellen Partners zu prüfen. Neben paarspezifischen Vokalisationen [8] könnten somit auch non-vokale Signale eine essenzielle Rolle spielen, um die Stimmigkeit und Eignung einer potenziellen Paarbindung zu testen und/oder eine bereits bestehende Paarbindung zu stabilisieren.

Wissenschaftliche Relevanz der Studie

Diese neue Studie belegt, dass sich hinweisende Gesten bei Rabenvögeln und Menschenaffen durch konvergente Evolution entwickelt haben, und eröffnet mehrere zukunftsweisende Richtungen für künftige Projekte. Zum einen offeriert sie ein wichtiges Werkzeug, um die herrschenden Selektionsdrücke zu rekonstruieren, die zur Evolution von hinweisenden Gesten führten und Individuen mit dieser Fähigkeit Vorteile einbrachten; Vorteile, die der Mensch möglicherweise vervielfacht hat, als er begann, intentionale Gestik mit gesprochener Sprache zu kombinieren und zu ergänzen.

Zum anderen eröffnet sich die Möglichkeit, anhand von Vergleichen zwischen der gestischen Komplexität von präverbalen Kindern (die schon gestikulieren, aber noch nicht sprechen) und Rabenvögeln die kognitiven Leistungen auszuloten, die nötig sind, um hinweisende Gesten zu produzieren und zu verstehen.

Die vorliegende Studie stärkt außerdem die Hypothese, dass sich kognitiv komplexe Kommunikationssysteme und -signale vorwiegend bei jenen Arten entwickelt haben, die sich – wie Raben und Menschen – durch ein hohes Maß an Kooperation zwischen Individuen, Paaren und/oder Gruppen auszeichnen.

1.
Arbib, M.; Liebal, K.; Pika, S.
Primate vocalization, gesture, and the evolution of human language.
Current Anthropology 49, 1053-1076 (2008)
2.
Tomasello, M.
Origins of Human Communication.
Cambridge, Massachusetts: MIT Press (2008)
3.
Pika, S.
Gestures of apes and pre-linguistic human children: Similar or different?
First Language 28, 116-140 (2008)
4.
Pika, S.
What is the nature of the gestural communication of great apes?
In: The Shared Mind (eds J. Zlatev, T. Racine, C. Sinha, & E. Itkonen), pp. 165-186 (John Benjamins Publishing Company, 2008)
5.
Pika, S.
Our grooming cousins: Providing the link to declarative signalling?
Studies in Communication Sciences 9, 73-102 (2009)
6.
Pika, S.; Mitani, J. C.
Referential gesturing in wild chimpanzees (Pan troglodytes)
Current Biology 16, 191-192 (2006)
7.
Pika, S.; Mitani, J. C.
The directed scratch: Evidence for a referential gesture in chimpanzees?
In: The Prehistory of Language (eds Rudie Botha & Chris Knight), pp. 166-180 (Oxford University Press, 2009)
8.
Gwinner, E.
Untersuchungen über das Ausdrucks- und Sozialverhalten des Kolkraben (Corvus corax corax L.)
Zeitschrift für Tierpsychologie 21, 657-748 (1964)
9.
Pika, S.; Bugnyar, T.
The use of referential gestures of ravens (Corvus corax) in the wild.
Nature Communications 2, 560, doi:DOI: 10.1038/ncomms1567 (2011)
10.
Pika, S.; Liebal, K.; Call, J.; Tomasello, M.
The gestural communication of apes.
Gesture 5, 41-56 (2005)
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