Forschungsbericht 2006 - Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung

Integration und Konflikt in Zentralasien

Autoren
Finke, Peter
Abteilungen

Integration und Konflikt (Prof. Dr. Günther Schlee)
MPI für ethnologische Forschung, Halle/Saale

Integration und Konflikt in Zentralasien (Peter Finke)
MPI für ethnologische Forschung, Halle/Saale

Zusammenfassung
In den Jahren nach dem Auseinandergehen der Sowjetunion hatten viele Beobachter das Ausbrechen gewaltsamer Konflikte in der Region erwartet, hervorgerufen durch die dramatische Verschlechterung von Lebensbedingungen und von häufig willkürlichen politischen Grenzziehungen. Forschungsergebnisse des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschung stellen diese Sichtweise zum Teil in Frage. Am Beispiel der Konstruktion von ethnischer und nationaler Identität zweier ethnischer Gruppen in Zentralasien, der Usbeken und Kasachen, zeigt sich, dass das wechselseitige Verhältnis von vorgegebenen Identitäten und deren Alltagsdeutung besser als ein dialektisches verstanden werden sollte, bei dem ein Bezug zu historischen Parametern und sozialen Konfigurationen vorhanden sein muss, um Plausibilität und Legitimität zu erreichen.

Als die fünf zentralasiatischen Sowjetrepubliken Kasachstan, Usbekistan, Kirgizstan, Turkmenistan und Tadschikistan im Jahr 1991 ihre Unabhängigkeit erlangten, geschah dies nach Einschätzung vieler Fachleute nicht nur überraschend, sondern geradezu gegen deren Willen. Das Ausbrechen ethnischer Konflikte, wie sie das Bild der Region in den letzten Tagen der Sowjetunion mitgeprägt hatten, war daher ein häufig beschworenes Szenario. Ein zweiter Krisenherd in unmittelbarer Nachbarschaft zum Mittleren Osten schien zu entstehen.

Diese Erwartungen stützten sich einerseits auf die dramatische Verschlechterung der Lebensbedingungen eines großen Teils der Bevölkerung – sowohl in den eher reformorientierten Ländern als auch in denjenigen, die an bisherigen Formen des Eigentumsrechts und der Produktionsgestaltung festhielten. Eine rapide ökonomische Stratifizierung und der Vertrauensverlust in soziale Institutionen schien dieser Entwicklung zusätzliche Nahrung zu geben.

Andererseits schienen die künstlichen Grenzen ethnischer und nationaler Einheiten ein weiterer Grund für die befürchteten Unruhen. Eine der zentralen Fragen in der jüngeren Forschung ist folgerichtig, in welchem Maße staatlich verordnete Identitäten von den Betroffenen angenommen wurden. Der überwiegende Teil der wissenschaftlichen Literatur zu dieser Thematik konzentriert sich jedoch vornehmlich auf makropolitische Prozesse, also auf die Seite staatlicher Akteure. Daher ist nur wenig darüber bekannt, welche Bedeutung offizielle Diskurse und Identitätskonzepte im Alltag haben. Demgegenüber gilt es zu betonen, dass die Herausbildung einer ethnischen Gruppe zwar ein politisch gesteuerter Prozess sein mag. Zugleich muss dieser aber in historischen Parametern und sozialen Konfigurationen verwurzelt sein, um den Betroffenen plausibel und legitim zu erscheinen.

Historischer Hintergrund

In der Zentralasienforschung wird häufig postuliert, dass klar definierte ethnische Grenzen in vorsozialistischer Zeit fehlen. Folgt man dieser Annahme, identifizierten sich Menschen eher entlang kleinerer Einheiten, wie regionalen oder tribalen Gruppen, oder nach umfassenderen Merkmalen wie der Zugehörigkeit zur islamischen Umma oder der türkischen Sprachenwelt. Diese Sicht hat zweifellos ihre Berechtigung, insbesondere für die sesshafte Oasenbevölkerung, für die überspannende Ethnonyme wie Usbeke oder Tadschike traditionell wenig Bedeutung hatten. Stattdessen verstanden sich die meisten von ihnen aufgrund ihrer regionalen Herkunft, was in der Regel Sprecher unterschiedlicher Sprachen umfasste. Dagegen scheint es im Fall ehemaliger Nomaden, wie der Kasachen oder Turkmenen, eine relativ klare Idee von größerer ethnischer Gemeinsamkeit gegeben zu haben, die ihre Parallele in einer auf patrilinearer Deszendenz beruhenden sozialen Organisation besaß.

Im Verlauf der Politik der nationalen Aufteilung in frühsowjetischer Zeit wurden vielfach Gruppen mehr oder weniger willkürlich zusammengefasst und mit unterschiedlichen Graden kultureller Autonomie ausgestattet. In vielen Fällen schuf die Regierung ohne zwingende Notwendigkeit gemischt-ethnische Territorien oder teilte ethnische Siedlungsgebiete auf unterschiedliche administrative Einheiten auf.

Im Großen und Ganzen scheint die Schaffung dieser Einheiten jedoch ein durchaus erfolgreicher Prozess gewesen zu sein. Die überwältigende Mehrheit der heutigen Bewohner versteht sich als Angehörige eben jener Ethnien und Staaten, denen ihre Vorfahren vor einigen Jahrzehnten zugeordnet wurden. Eine Ideologie friedvoller Koexistenz ist weiterhin sehr dominant in der Region.

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Original 1293749952
Schule in Usbekistan, in der Unterricht überwiegend in karakalpakischer Sprache stattfindet.
Schule in Usbekistan, in der Unterricht überwiegend in karakalpakischer Sprache stattfindet.

Fallbeispiel Usbeken

Die Usbeken werden häufig als Musterbeispiel der künstlichen Schaffung ethnischer Einheiten in sowjetischer Zeit beschrieben. Ähnlich wird die Politik der Nationenbildung in der heutigen Republik Usbekistan als Falsifizierung historischer Ereignisse dargestellt. Dabei kann die Herausbildung einer usbekischen Ethnizität auch als Fortsetzung älterer Identitäten verstanden werden. Als Produkt des Aufeinandertreffens von Nomaden und Sesshaften beziehungsweise türkisch- und iranisch-sprachiger Gruppen verkörpern sie die Geschichte Zentralasiens wie keine andere der gegenwärtigen Ethnien (Abb. 1). Diese Mittlerstellung gab den Vorfahren der heutigen Usbeken – auch wenn viele von ihnen diese Bezeichnung nicht verwendeten oder gar ablehnten – eine Attraktivität, die es erlaubte, im Laufe der Jahrhunderte stetig Mitglieder anderer Gruppen zu absorbieren – ein Prozess, der bis in die Gegenwart anhält.

Am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung wurden Identitätskonzepte und Muster sozialer Interaktion in vier ausgewählten Regionen innerhalb Usbekistans untersucht: in den Oasen von Buchara und Choresm, im südlichem Ferghana-Tal und in der Region Shahrisabz. Je nach lokaler Konstellation und historischen Bedingungen finden dort jeweils unterschiedliche Prozesse der wechselseitigen Abgrenzung und Assimilation statt. Entscheidend ist, dass diese Unterschiedlichkeit als konstitutiv wahrgenommen und die Zugehörigkeit zum lokalen Kontext als entscheidend für die Herausbildung individueller Identität angesehen wird (Abb. 2). Die Flexibilität von Grenzen und die potenzielle Integration Angehöriger anderer Bevölkerungsgruppen ist somit Teil der Definition von Usbekentum selbst. Die gegenwärtige Politik der Nationenbildung in Usbekistan kann in gewisser Weise als Produkt dieser Hybridität gedeutet werden. Sie setzt weniger auf das Nebeneinander unterschiedlicher Ethnizitäten als auf Einheit und Synthese. Die Nation wird demnach gedacht als die Vereinigung all dessen, was je auf dem Territorium des Staates gelebt und entstanden ist.

Die Förderung usbekischer Identität beinhaltet dabei nicht nur die Suche nach nationalen Symbolen, sondern erstreckt sich auch in die ökonomische Sphäre. Von der politischen Führung wird ein spezifisch usbekischer Weg der Transformation propagiert, der kulturellen Besonderheiten Rechnung tragen soll, obwohl er tatsächlich eher sowjetisches Erbe in die Gegenwart transportiert. Dies führt zugleich zu einer Rekonfiguration lokaler Solidaritätsgruppen, die häufig nur teilweise mit ethnischen Grenzen überlappen. Aber auch in dieser Hinsicht existieren deutliche Unterschiede innerhalb des Landes. Während die Region Buchara von einer Ideologie sozialer Gleichheit und inter-ethnischer Harmonie geprägt ist, stehen sich soziale Gruppen im Ferghana-Tal deutlich stärker in Opposition gegenüber.

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Original 1293749388
Bewässerungskanäle bilden in Usbekistan häufig die Grenze zwischen Dörfern und damit auch ethnischen Gruppen. Doch sind Heiratsbeziehungen über diese Grenzen hinweg nicht ungewöhnlich.
Bewässerungskanäle bilden in Usbekistan häufig die Grenze zwischen Dörfern und damit auch ethnischen Gruppen. Doch sind Heiratsbeziehungen über diese Grenzen hinweg nicht ungewöhnlich.

Fallbeispiel Kasachen

Im Gegensatz zum Beispiel der Usbeken lässt im Falle der Kasachen ein rigides Konzept von patrilinearer Deszendenz nicht dieselbe Flexibilität von Identität zu. Statt auf einem territorialen Konzept beruht Gruppenmitgliedschaft hier eher auf einer genealogisch verstandenen Definition von Zugehörigkeit. Dies zeigt sich nicht nur in der klareren gegenseitigen Abgrenzung der einzelnen ethnischen Gruppen innerhalb des Landes, sondern auch in der Politik der „Heimrufung der Diaspora“, also jener Kasachen, die vor 1991 außerhalb der Grenzen des heutigen Staatsgebildes siedelten. Gründe dafür waren zunächst die Sorge um das fragile demografische Gleichgewicht, da Kasachen lediglich vierzig Prozent der Landesbevölkerung ausmachten. Ein zweites erklärtes Ziel war die Wiederbelebung traditionaler kasachischer Kultur, die in den Diaspora-Gebieten als besser erhalten gilt.

Dieser Appell an Kasachen, die das Territorium des heutigen Staates teilweise vor mehr als zweihundert Jahren verlassen haben, wird nicht zuletzt plausibel durch ein genealogisches Bild von Identität. Forschungsarbeiten des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschung über die Motivation und Integration der so genannten „Repatrianten“ zeigen, dass – trotz einer teilweise schroffen wechselseitigen Ablehnung von Einheimischen und Migranten – die gemeinsame Herkunft und Identität von keiner Seite in Frage gestellt wird. Prozesse der Ausgrenzung und Vereinnahmung finden innerhalb der ethnischen Gruppe statt und bewegen sich vor allem um Ideen von „echtem Kasachentum“, das von beiden Seiten beansprucht wird [3].

Genealogien sind sehr bedeutend für die Konstruktion kasachischer Identität. Erzählungen von Migranten aus den ländlichen Regionen, die in der früheren Hauptstadt Almaty Zuflucht gesucht haben, verweisen auf die Integrationsfunktion genealogischer Identifikationsmodelle. Die Zugehörigkeit zum gemeinsamen Kasachentum ermöglicht den ländlichen Migranten eine identitätsstiftende Positionsbestimmung angesichts der sich dramatisch wandelnden Rahmenbedingungen und der nicht selten erlebten Ablehnung durch die urbanisierten Eliten. Im Gegensatz zu Autoren, die genealogische und tribale Differenzierungen vor allem als ein Element der internen Spaltung und Hierarchisierung der Gesellschaft beschreiben, zeigen Studien des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschung, dass diese in erster Linie zur Herausbildung einer gemeinsamen Identität aller Kasachen dienen, die stark auf der Idee einer biologischen Verwandtschaft aufbaut [2].

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Original 1293750213
In dieser Genealogie werden alle kasachischen Clans und Lineages in eine nationale Struktur einbezogen, die letztlich auf einen gemeinsamen Vorfahren zurückgeht. Zugleich wird die relative Verwandtheit mit anderen ethnischen Gruppen verdeutlicht, die sich alle auf Noah als Urahnen beziehen.
In dieser Genealogie werden alle kasachischen Clans und Lineages in eine nationale Struktur einbezogen, die letztlich auf einen gemeinsamen Vorfahren zurückgeht. Zugleich wird die relative Verwandtheit mit anderen ethnischen Gruppen verdeutlicht, die sich alle auf Noah als Urahnen beziehen.

Fazit

Dass ethnische Grenzen sozial konstruiert werden und dass sie durchlässig und manipulierbar sind, kann heute als allgemein anerkannte Feststellung gelten [1]. Akteure nutzen diesen strategischen Spielraum, um vor dem Hintergrund bestehender sozialer Rahmenbedingungen individuelle oder kollektive Interessen durchzusetzen. Zugleich stellt die Gruppenzugehörigkeit den institutionellen Rahmen dar, innerhalb dessen Akteure eine gewisse Planungssicherheit für die Wahl ihrer Strategien besitzen. Die Balance zwischen potenziellem Nutzen und potenziellen Kosten beeinflusst maßgeblich die Attraktivität einer Gruppe gegenüber den eigenen wie fremden Mitgliedern. Je nach Kontext können dabei Gruppengrenzen erweitert oder verengt werden [4].

Dabei wird jedoch häufig die emotionale und ideologische Bindung an soziale Gruppen wie auch die Bestimmung durch politische Prozesse unterschätzt. Ein Wechsel von Identität geschieht weder durch eine Entscheidung des betroffenen Akteurs alleine noch durch den Zwang anderer, sondern beinhaltet einen kognitiven Prozess, der einen mit einem Wandel der Selbstwahrnehmung verbunden ist. Die Möglichkeit eines Wandels der eigenen Identität wird daher auch von der Rigidität abhängen, mit der die Richtigkeit und Unbedingtheit von Gruppengrenzen in diesen kulturellen Modellen verankert ist. Gegenüber genealogischen Modellen ist die konstitutive Flexibilität usbekischer Identität demnach ein entscheidendes Moment, das einen Übertritt erheblich erleichtert. Andererseits sind soziale Gruppen als Institutionen immer auch das Ergebnis des Aushandelns von Strategien zwischen Akteuren mit unterschiedlicher Ressourcenausstattung und unterschiedlichen Interessen. Auffallend ist, dass sich sowohl im Falle Usbekistans wie auch Kasachstans nationale Diskurse eng an den Konzepten orientieren, die dem jeweiligen Verständnis von Ethnizität zugrunde liegen. Nationale Symbole und normative Vorstellungen wie auch die Definition von Mehrheit beziehungsweise Minderheit sind demnach nicht beliebig manipulierbar. Ihre Veränderung muss vielmehr mit einer plausiblen Interpretation historischer Zusammenhänge einhergehen.

Originalveröffentlichungen

1.
F. Barth:
Introduction.
In: F. Barth (ed.), Ethnic Groups and Boundaries: The Social Organization of Culture Difference. Universitetsforlaget: Oslo 1969, 9–38.
2.
S. Esenova:
Soviet Nationality, Identity, and Ethnicity in Central Asia: Historic Narratives and Kazakh Ethnic Identity.
Journal of Muslim Minority Affairs 22(1), 11–38 (2002).
3.
M. Sancak, P. Finke:
Nurli: Glanz und Verfall eines sowjetischen Musterbetriebes.
In: P. Finke, M. Sancak (eds.), Zwischen Markt- und Mangelwirtschaft. Berichte eines Feldforschungsaufenthaltes im ländlichen Kasachstan und Kirgizstan im Jahre 1999. Friedrich-Ebert-Stiftung: Almaty 2001, 96–103.
4.
G. Schlee:
Taking Sides and Constructing Identities: Reflections on Conflict Theory.
Journal of the Royal Anthropological Institute 10, 135–156 (2004).
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