­­Bestrafung egoistischen Verhaltens wird nicht honoriert

Menschen lassen sich nicht gerne beobachten, wenn sie anderen Schaden zufügen

9. November 2011

Die Debatte um den “Staats-Trojaner” zur Online-Überwachung der Telekommunikation von Mitbürgern zeigt, dass verdecktes Beobachten unserer privaten Entscheidungen öffentlich auf Ablehnung stößt. Trotzdem ist Beobachten und beobachtet werden, verdeckt oder offen, fester Bestandteil unseres sozialen Repertoires, wie eine experimentelle Studie gerade aufgedeckt hat. Menschen bevorzugen Personen als Sozialpartner, von deren altruistischem Verhalten sie sich persönlich überzeugen konnten. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie in Plön und der Universität zu Köln haben jetzt herausgefunden, dass Menschen künftige Sozialpartner nach ihrem Kooperationsverhalten auswählen und nicht danach, ob sie den Egoismus anderer bestrafen. Dies ist deshalb überraschend, da Menschen auf diese Weise besonders altruistische Partner identifizieren und von deren Verhalten profitieren könnten. Folgerichtig verbergen Menschen daher unkooperatives Verhalten, jedoch rätselhaft bleibt, warum Menschen verbergen möchten, wenn sie andere für deren Eigennutz bestrafen – und das, obwohl sie keine Sanktionen zu erwarten haben.

Gemeinnütziges Verhalten ist in der Regel zunächst mit persönlichen Nachteilen verbunden. Wissenschaftler konnten deshalb lange nicht erklären, warum Altruismus in der Natur trotzdem existiert. Altruistisches Verhalten kann jedoch erfolgreich sein, wenn Organismen durch uneigennütziges Verhalten ihren Ruf verbessern und davon später profitieren können: Wer gibt, dem wird gegeben – wer dagegen Unterstützung verweigert, kann in einer Notlage auch nicht mit Hilfe rechnen. Auch beim Menschen ist Gemeinsinn Ergebnis sozialer Evolution. Allerdings kann Altruismus nur dann den Ruf aufpolieren und sich durchsetzen, wenn das Verhalten anderen bekannt ist.

Unter Beobachtung verhalten sich Menschen also kooperativer. Umgekehrt versuchen Egoisten, ihr Verhalten zu verbergen, und täuschen gemeinnütziges Verhalten vor, sobald sie sich beobachtet fühlen. Der Beobachter wiederum möchte dies verhindern und versucht, seine Aufmerksamkeit zu verschleiern. Ein solches Wechselspiel haben die Forscher aus Köln und Plön mit Hilfe so genannter Gemeinwohlspiele aufgedeckt, in denen die Probanden von egoistischem Verhalten profitieren können. Demnach bevorzugt ein externer Beobachter Menschen als künftige Spielpartner, die mehr Gemeinsinn zeigen. Er nimmt zudem Kosten in Kauf, um zu verbergen, dass er das Verhalten eines Mitspielers unerkannt beobachtet. Die Spieler wiederum bezahlen dafür, egoistisches Verhalten zu verbergen. „Es entsteht also eine Art Wettrüsten zwischen den beiden Parteien. Beide wollen ihre Absichten vor dem anderen geheim halten“, sagt Manfred Milinski vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie.

Interessanterweise wählen die Beobachter nur selten Menschen aus, die andere für egoistisches Verhalten bestrafen. Solche Sanktionen sind an sich Ausdruck altruistischen Verhaltens, da sie mit persönlichen Kosten zum Wohle aller verbunden sind. „Wer also das Verhalten seiner Mitmenschen beobachtet, um kooperative Partner ausfindig zu machen, sollte eigentlich das Bestrafungsverhalten berücksichtigen. Die Erkenntnis, dass Menschen diese Information nicht nutzen, stellt uns vor wichtige neue Forschungsfragen“, sagt Bettina Rockenbach von der Universität zu Köln.

Die Forscher haben zudem beobachtet, dass Menschen lieber verbergen, wenn sie andere für egoistisches Verhalten bestrafen. Auch dies überrascht, denn Bestrafungen ließen sich ja durch die Sorge um das Allgemeinwohl begründen. Trotzdem fürchten Menschen anscheinend um ihren Ruf, wenn sie andere für egoistisches Verhalten schwer bestrafen. Dies ist umso erstaunlicher, als dass die Untersuchungen ja ergeben haben, dass Beobachter auf diese Information keinen Wert legen.

Die Forscher analysierten in ihrer Studie drei Varianten eines Gemeinwohlspiels. In allen dreien wurden die Spieler von einem Beobachter begleitet, der nach 15 Spielrunden zufällig oder gezielt – dann allerdings mit Kosten – einen der Mitspieler austauschen und selbst mitspielen kann. Dieser Beobachter kann kostenpflichtig verbergen, wen er beobachtet. Die Spieler wiederum können gegen Aufpreis festlegen, wenn der Beobachter nichts von ihren Entscheidungen erfahren soll.

In der einfachen Variante muss sich eine Gruppe von vier Probanden lediglich zwischen unkooperativem und kooperativem Verhalten entscheiden. Ausgestattet mit einem realen Geldbetrag können sie wählen, ob sie einen Teil davon in einen gemeinsamen Topf einbezahlen oder alles für sich behalten. Am Ende der Runde wird der Betrag im Gruppentopf verdoppelt und an alle ausbezahlt. Je mehr Spieler in die Gemeinschaftskasse einbezahlen, desto mehr profitieren alle davon – allerdings profitieren am meisten die Egoisten auf Kosten der Altruisten. Unter diesen Bedingungen setzt sich deshalb nach wenigen Wiederholungen egoistisches Verhalten durch.

Altruistisches Verhalten kann dagegen in den anderen beiden Spielvarianten erfolgreich sein. Dabei kann jeder der Probanden im Anschluss an das Gemeinwohlspiel Strafen gegen seine Mitspieler verhängen. Die Strafen werden vom Konto des Betreffenden abgezogen, aber auch er selbst muss etwas für das Strafen bezahlen. In der dritten Variante kann jeder der Probanden, nachdem er über die Beiträge und früheren Spenden des potenziellen Empfängers informiert wurde, Beträge an einen der anderen Spieler spenden und von einem anderen erhalten, je nachdem, ob er durch Einzahlen in den Gruppentopf seinen Ruf verbessert hat.

HR

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