Forschungsbericht 2006 - Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Kann Vergessen hilfreich sein?

Autoren
Gaissmaier, Wolfgang
Abteilungen

Adaptives Verhalten und Kognition (Gigerenzer) (Prof. Dr. Gerd Gigerenzer)
MPI für Bildungsforschung, Berlin

Zusammenfassung
Häufig werden kognitive Beschränkungen des Menschen, wie das Vergessen, ausschließlich negativ eingeschätzt. Gegen diese Sichtweise sprechen Forschungsergebnisse, die zeigen, dass diese Beschränkungen für die Funktionstüchtigkeit unseres Denkens geradezu unabdingbar sind. Um zu verstehen, wann und warum das Vergessen hilfreich sein kann, haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung eine ökologische Perspektive gewählt, der zufolge der Erfolg menschlichen Verhaltens von dem Zusammenspiel zwischen Gehirn und Umwelt abhängt.

Vor ziemlich genau fünfzig Jahren stellte der amerikanische Psychologe George A. Miller fest, dass Menschen ungefähr sieben Objekte oder Kategorien gleichzeitig berücksichtigen können (plus oder minus zwei) [1].Nach Meinung des israelisch-amerikanischen Psychologen Daniel Kahneman, der 2002 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt, stellen solche Beschränkungen des menschlichen Geistes, und insbesondere wie diese unser Denken und Handeln formen, den Kernbereich der kognitiven Psychologie dar [2].

Sehr häufig wird das Vorhandensein von Beschränkungen automatisch mit negativen Folgen wie schlechtem Schlussfolgern oder schlechter Denkleistung verknüpft. Dieser Sicht zufolge zwingen kognitive Beschränkungen Menschen, das aufzugeben, was eigentlich optimal oder rational sein würde. Stattdessen müssen sie auf Abkürzungen, auf so genannte Heuristiken zurückgreifen. In der pessimistischen Einschätzung des menschlichen Denkens machen diese Heuristiken den Menschen anfällig für systematische und vorhersagbare Fehlschlüsse. Diese Sichtweise beruht auf der Vorstellung, dass Vernunft durch die Gesetze der Logik und der Wahrscheinlichkeitstheorie definiert ist [3]. Demnach wäre es ideal, wenn Menschen über unbegrenzte Zeit, endloses Wissen und ein unbegrenztes Gedächtnis verfügten. Doch ist dieses Ideal wirklich erstrebenswert? Es gibt immer mehr Forschungsergebnisse, die diese Prämisse infrage stellen [4].

Berühmt in diesem Zusammenhang ist der Fall des Gedächtniskünstlers Solomon V. Shereshevskii, der in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts Wissenschaft und Öffentlichkeit faszinierte. Wie der Neurologe Alexander R. Luria, der ihn mehr als vier Jahrzehnte lang beobachtete, berichtet, schien Shereshevskiis Gedächtnis keine messbaren Grenzen zu kennen. So prägte sich der erstaunliche Mann einmal eine lange Abfolge sinnloser Silben ein, die anfing mit „ma, va, na, sa, na, va, na, sa, na, ma, va“. Acht Jahre später konnte er sich noch an die ganze Abfolge erinnern, ohne einen einzigen Fehler zu machen [siehe 5].

Doch dieses perfekte Gedächtnis hatte seinen Preis: Shereshevskii klagte beispielsweise darüber, dass er sich Gesichter schlecht einprägen könne. All diese ständigen Veränderungen und unterschiedlichen Gesichtsausdrücke verwirrten ihn. Shereshevskii war offensichtlich nicht in der Lage, von den vielen Details in den Gesichtern zu abstrahieren. Die „verfluchte Schwelle“ (wie Luria sie nannte) von bloßem Erinnern hin zur höheren Denkleistung der Verallgemeinerung konnte er nicht überschreiten.

Dafür wäre Vergessen notwendig gewesen. Entgegen der Auffassung, dass Vergessen nur einer bemitleidenswerten Minderwertigkeit des menschlichen Geistes entspringt, scheint es für die Funktionstüchtigkeit unseres Denkens geradezu unabdingbar zu sein. Aus der Sicht des Psychologen William James ist das Vergessen ebenso wichtig wie das Erinnern, denn nur so sind Menschen in der Lage, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen [siehe 5]. Diese Sicht mag überraschend sein in einer Zeit, in der die Meinung vorherrscht, dass mehr Wissen doch immer besser sein müsse.

Weniger kann mehr sein

Wie die Untersuchungen einer Forschergruppe um Gerd Gigerenzer und Lael Schooler am MPI für Bildungsforschung zeigen, trifft dies häufig aber nicht zu, im Gegenteil: Da die menschliche Unwissenheit systematisch ist, lassen sich aus der Tatsache, etwas nicht zu wissen, kluge Schlussfolgerungen ziehen [siehe 3]. Auf die Frage: „Wer hat das DFB-Pokal-Spiel FC St. Pauli gegen Wacker Burghausen im Jahr 2005 gewonnen?“ würden vermutlich viele antworten, von Wacker Burghausen noch nie etwas gehört zu haben und würden aus dieser Unwissenheit schließen, dass es sich dabei wohl nicht um einen allzu bedeutenden Verein handeln kann. Und tatsächlich hat der FC St. Pauli das Spiel 3:2 gewonnen, wenn auch erst in der Verlängerung. Ein ähnliches Prinzip gilt auch für Konsumentscheidungen: Häufig greifen Kunden einfach zu dem Produkt, das sie kennen, und lassen das unbekannte im Regal stehen.

Würden Menschen nichts vergessen, könnten sie auf diese ebenso simple wie nützliche Unterscheidung in „bekannt“ und „unbekannt“ nicht mehr zurückgreifen, weil sie schon bald das meiste kennen würden. Das Gedächtnis hat die praktische Eigenschaft, dem Menschen vor allem Informationen zur Verfügung zu stellen, die er entweder häufig oder kürzlich gehört hat (oder beides). In der Tat sind dies auch genau jene Informationen, die er mit großer Wahrscheinlichkeit aktuell brauchen wird. Informationen hingegen, die man nur selten und vor langer Zeit gehört hat, kann man oft nur schwerlich erinnern – doch es ist auch nicht so wahrscheinlich, dass man sie braucht [6]. Andererseits: Würden Menschen zu viel vergessen, wäre die nützliche Unterscheidung in „bekannt“ und „unbekannt“ nicht mehr anwendbar, da dann das meiste in die Kategorie „unbekannt“ fallen würde – der Schlüssel zum Erfolg scheint im teilweisen Vergessen zu liegen [5].

Zwei praktische Beispiele mögen dies veranschaulichen. Es wäre äußerst schwierig, das eigene Auto zu finden, wenn man sich an alle vergangenen Parkplätze mit gleicher Intensität erinnern könnte. Besser ist es, alle Parkplätze bis auf den letzten zu vergessen. Ein ähnliches Prinzip bestimmt viele Anwendungen auf dem Computer: Will man eine Datei öffnen, sind die vier Dateien, die zuletzt verwendet wurden, direkt abrufbar, ohne dass man sich durch Ordner durchwühlen müsste – denn das sind genau die Dateien, die am wahrscheinlichsten auch jetzt wieder gebraucht werden. Würde der Computer hingegen alle Dateien, die er je verwendet hat, in einer Liste anbieten, wäre dies vermutlich nur verwirrend und kontraproduktiv. Gerade in der kleinen Auswahl liegt der Vorteil.

Weniger kann also mehr sein – für diese Erkenntnis gibt es eine ganze Reihe von Beispielen [siehe 3]. Je weniger Optionen professionelle Handballspieler berücksichtigen, desto bessere Entscheidungen treffen sie. Die erste Option, die ihnen in den Sinn kommt, ist in der Regel auch die beste. Doch verlassen sie sich darauf umso weniger, je mehr Handlungsmöglichkeiten sie erkennen. Bei der Vorhersage von Wohnorten von Wiederholungstätern waren Personen, die einfache Heuristiken verwendeten (wie „Täter wohnen zumeist innerhalb eines Kreises, dessen Durchmesser dem Abstand der am weitesten voneinander entfernten Tatorte entspricht“), genauso gut wie komplexe mathematische Methoden. Auch treffen Experten ihre Einschätzungen anhand einer erstaunlich kleinen Informationsmenge, und Menschen können Fremde nach einem Videofilm von nur dreißig Sekunden Dauer zuverlässig beschreiben. Entgegen dem Trend immer vollerer Regale wird bei geringerer Auswahl eher mehr gekauft. Außerdem sind Menschen, die sich öfter mit nur „ausreichend guten“ Optionen zufrieden geben, mit ihrem Leben zufriedener als Menschen, die immer nach dem Allerbesten streben und somit häufig enttäuscht werden.

Zu viel Nachdenken kann zu Verhalten führen, das wie eine Fehlleistung aussieht

Forschungsarbeiten von Wolfgang Gaissmaier, Lael Schooler und Jörg Rieskamp konnten zeigen, dass manche „Fehlleistungen“ des Menschen anders als allgemein angenommen nicht Folge mangelnder Intelligenz sind [1]. Im Gegenteil: Manche Fehlleistung kommt eher dadurch zustande, dass Menschen zu viel nachdenken und zu schlau sind für künstliche Aufgaben, wie sie in Labors gestellt werden. Ein Beispiel dafür ist die in der Psychologie (und auch der Ökonomie und Biologie) berühmt gewordene und tausendfach untersuchte menschliche „Fehlleistung“, die als „probability matching“ bezeichnet wird. Dazu wurden sogenannte binäre Wahlaufgaben verwendet, die mit dem folgenden Schema arbeiten. Probanden müssen Durchgang für Durchgang tippen, welches von zwei Ereignissen E1 oder E2 als nächstes auftreten wird. Beide Ereignisse haben hierbei üblicherweise eine unterschiedliche Auftretenswahrscheinlichkeit. Zum Beispiel könnte Ereignis E1 mit einer Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent, während Ereignis E2 nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent auftritt. Wenn die Ereignisreihenfolge zufällig ist, ist es das Beste, immer das häufigere Ereignis E1 vorherzusagen und eine durchschnittliche Genauigkeit von 75 Prozent zu erzielen. Die am häufigsten beobachtete Strategie ist aber, dass die Ereignisse im Verhältnis zu ihrer Auftretenswahrscheinlichkeit vorhergesagt werden, also Ereignis E1 in 75 Prozent der Fälle und Ereignis E2 in 25 Prozent der Fälle. Diese Strategie wird als „probability matching“ bezeichnet und hat nur eine erwartete Genauigkeit von 62,5 Prozent ( 75%2 + 25%2).

Warum schaffen es Menschen nicht, die optimale Lösung in einer solch einfachen Aufgabe zu finden? Die typische Annahme ist auch hier wieder, dass Menschen nicht intelligent genug sind. Es gibt jedoch viele Befunde, die zeigen, dass das Problem eher darin zu bestehen scheint, dass Menschen zu viel nachdenken. So verhalten sich etwa Kinder, Tauben oder Menschen, die durch eine Zweitaufgabe abgelenkt werden, „rationaler“ und schneiden bei dieser Aufgabe besser ab als der durchschnittliche menschliche Erwachsene [siehe 1].

Der durchschnittliche Erwachsene gibt sich anscheinend mit 75 Prozent richtigen Antworten nicht zufrieden und sucht nach Wegen, sich weiter zu verbessern. Die meisten Menschen gehen bei diesen Aufgaben davon aus, dass die Abfolge der Ereignisse nicht zufällig ist, und bemühen sich, Muster zu erkennen, um besser abzuschneiden. Jedes einigermaßen plausible Muster muss beide Ereignisse proportional zu deren Auftretenswahrscheinlichkeiten beinhalten und somit zu „probability matching“ führen. Da es aber in dieser Aufgabe keine Muster in der Abfolge gibt, ist die Suche nach ihnen kontraproduktiv und führt zu schlechterer Leistung.

Doch kann man daraus schließen, dass Menschen irrational sind? Außerhalb dieser doch sehr künstlichen Laborsituation wird sich die Suche nach Mustern sehr häufig auszahlen, denn viele Ereignisse treten nicht in zufälliger, sondern in mehr oder minder systematischer Abfolge auf, wie zum Beispiel das Wetter. Das Suchen und Erkennen von Mustern versetzt den Menschen in die Lage, Veränderungen in der Umwelt zu entdecken und bessere Vorhersagen über die Welt zu machen.

Denken und Umwelt: Die Situation entscheidet

Die Frage, ob Vergessen (oder allgemeiner: begrenztes Denkvermögen) nun hilfreich ist oder nicht, ist nicht einfach zu beantworten. Kein Verhalten, keine Entscheidungsstrategie ist per se gut oder schlecht. Es kommt immer auf die Situation an. Die Erklärung, wann und warum eine Entscheidungsstrategie funktioniert, lässt sich also weder allein im menschlichen Gehirn noch in der Umwelt finden, sondern nur in deren Zusammenspiel. Der Sozialwissenschaftler und Nobelpreisträger Herbert Simon hat dafür die Metapher einer Schere mit den beiden Klingen Denken und Umwelt geprägt: Das rationale Verhalten der Menschen werde von einer Schere geformt, deren Klingen die Strukturen der jeweiligen Umwelt und die kognitiven Fähigkeiten des Handelnden seien. Betrachtete man nur eine der beiden Klingen, würde man die Arbeitsweise des menschlichen Verstandes nicht besser begreifen, als man so begreifen würde, wie eine Schere schneidet.

Originalveröffentlichungen

1.
R. Hertwig, P. M. Todd:
More is not always better: The benefits of cognitive limits.
In D. Hardman & L. Macchi (Eds.), Thinking: Psychological perspectives on reasoning, judgment and decision making (pp. 213–231). Chichester, UK: Wiley (2003).
2.
D. Kahneman, P. Slovic, A. Tversky (Eds.):
Judgment under uncertainty: Heuristics and biases.
Cambridge, UK: Cambridge University Press (1982).
3.
G. Gigerenzer, W. Gaissmaier:
Denken und Urteilen unter Unsicherheit: Kognitive Heuristiken.
In J. Funke (Ed.), Enzyklopädie der Psychologie: Vol. C, II, 8. Denken und Problemlösen (pp. 329-374). Göttingen: Hogrefe (2006).
4.
L. J. Schooler, R. Hertwig:
How forgetting aids heuristic inference.
Psychological Review, 112, 610–628 (2005).
5.
J. R. Anderson, L. J. Schooler:
Reflections of the environment in memory.
Psychological Science, 2, 396-408 (1991).
6.
W. Gaissmaier, L. J. Schooler, J. Rieskamp:
Simple predictions fueled by capacity limitations: When are they successful?
Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory and Cognition, 32, 966-982 (2006).
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