Forschungsbericht 2010 - Max-Planck-Institut für Psycholinguistik

Ab wann nutzen Kinder die Intonation zum Ausdruck neuer Information?

Autoren
Chen, Aoju
Abteilungen

Spracherwerb (Prof. Dr. Wolfgang Klein)
MPI für Psycholinguistik, Nijmegen

Zusammenfassung
In einer Studie am Max-Planck-Institut in Nijmegen wurde untersucht, wie und wann Kinder die Regeln der Intonation in der niederländischen Sprache beherrschen. Die Ergebnisse zeigten, dass sie mehrere Entwicklungsstufen durchlaufen, bevor sie im Alter von sieben oder acht Jahren so intonieren wie die Erwachsenen, die einen Fokus (sprich: neue Information) mit einem fallenden Akzent markieren.

Ein wesentliches Ausdrucksmittel aller natürlichen Sprachen ist die Intonation, das heißt die Abwandlung von Tonhöhe, Lautstärke und Dauer des Sprachsignals. Kinder variieren diese Eigenschaften des Schallstroms schon mit ihren ersten Lauten; die Variation spiegelt unmittelbar gewisse emotionale Zustände wider. Man nimmt an, dass diese Intonation aus universellen physiologischen Eigenschaften resultiert: Je größer die Aufregung, desto stärker steigen Tonhöhe und Lautstärke. Sie bildet sich also noch vor der eigentlichen Sprache aus. Neuere Untersuchungen zum Erwerb der Intonation haben gezeigt, dass Kinder im Alter von zwei Jahren in der Lage sind, das Gros der in der jeweiligen Erwachsenensprache vorhandenen Intonationskonturen zu produzieren.

Aber haben diese Konturen zweijähriger Kinder auch eine kommunikative Bedeutung wie in der Erwachsenensprache? Oder sind sie in diesem Alter immer noch in erster Linie Ausdruck kindlicher Aufgeregtheit? In welchem Alter lernen Kinder, Intonation ähnlich zielgerichtet einzusetzen wie Erwachsene, das heißt nicht nur um Emotionen Ausdruck zu verleihen, die andere wahrnehmen sollen, sondern auch um bestimmte sprachliche Bedeutungen zu signalisieren?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich Aoju Chen, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik. Sie hat untersucht, ab welchem Alter Kinder in der Lage sind, die Informationsstruktur ihrer Äußerungen mithilfe der Intonation zu markieren. Äußerungen in alltäglichen Gesprächen sind oft so aufgebaut, dass zunächst ein bestimmtes Thema (,Topik’) genannt und dann (meist neue) Information über dieses Topik gegeben wird. Diese neue Information wird gemeinhin als ,Fokus’ bezeichnet.

In westgermanischen Sprachen wird der Fokus typischerweise mit einem fallenden Akzent markiert (markiert wird dies als H*L, wobei das Sternchen anzeigt, dass die betonte Silbe des Wortes den hohen Ton (H) trägt). Das Topik hingegen ist in der Erwachsenensprache gewöhnlich deakzentuiert, also nicht durch ein besonderes Akzentmuster hervorgehoben. Ist es doch betont, so dient dies in erster Linie dem Ausdruck von Kontrast oder geschieht aus rhythmischen Gründen.

Bereits im Zwei-Wort-Stadium produzieren Kinder regelmäßig Topik-Fokus-Strukturen. Um zu klären, ob und wie sie die Intonation zur Markierung des Fokus einsetzen, untersuchten Aoju Chen und Paula Fikkert (Radboud Universität Nijmegen), wie niederländische Kinder (im Alter von 1 Jahr und 4 Monaten bis zu 2 Jahren und 1 Monat) in ihren Zweiwortäußerungen fokussierte von nicht-fokussierten Wörtern unterscheiden.

In Äußerungen, die die Kinder in alltäglichen Kontexten produziert hatten, wurde dafür die Informationsstruktur und die Intonation annotiert. Die Resultate zeigen, dass ein bis zwei Jahre alte Kinder die Intonation noch nicht zur Fokusmarkierung nutzen: unabhängig von der Informationsstruktur sind in ihren frühen Äußerungen meist beide Wörter betont. Am häufigsten kommen dabei folgende Akzentmuster vor: H*L H*L (Fall – Fall) und H* !H*L (hoher Ton gefolgt von abgeschwächtem Fall).

In einer zweiten Studie untersuchten Chen und Fikkert, wie dreijährige Kinder fokussierte von nicht-fokussierten Wörtern unterscheiden. Dabei nahmen die Kinder an einem Bildbeschreibungsspiel teil, das aus zwei Teilen bestand. Im ersten Teil wurde ein bestimmtes Tier als Topik eingeführt. Im zweiten Teil sollte das Kind einem anderen Tier über dieses Topik erzählen. Dabei werden Fragen gestellt, auf die mit Wortfolgen wie etwa „ein süßer Bär” geantwortet werden muss. Die Fragen waren so formuliert, dass das Adjektiv in der Antwort die fokussierte Information ausdrückte.

Es zeigte sich, dass Dreijährige verschiedene Intonationsmuster nutzen können, um fokussierte von nicht-fokussierter Information zu unterscheiden. Allerdings verwenden sie dabei eine etwas andere Strategie als Erwachsene. Während Erwachsene das fokussierte Adjektiv mit einem H*L-Akzent versahen und das nicht-fokussierte Nomen deakzentuierten, verwendeten die Kinder meist einen H*-Akzent auf dem
fokussierten Adjektiv und einen !H*L-Akzent auf dem nicht-fokussierten Nomen.

Eine dritte Untersuchung beschäftigte sich mit Niederländisch lernenden Kindern im Alter von vier bis fünf Jahren. Dabei wurden Topik-Fokus-Strukturen in einem Experiment ermittelt, bei dem die Kinder einem erwachsenen Versuchsleiter beim Zuordnen passender Bilder helfen sollten. Im ersten Schritt zeigte der Versuchsleiter dem Kind ein Bild und äußerte dazu „Kijk! Een vos!” (‘Guck mal, ein Fuchs’) mit einer vorher festgelegten Intonationskontur. Auf diese Weise wurde die Figur auf dem Bild als Topik in den Diskurs eingeführt. Dann stellte der Versuchsleiter eine Frage zu dem Bild (z. B. „Wat beschermt de vos”? – ,Was beschützt der Fuchs’?) – wieder mit einer festgelegten Intonationskontur. Um die Antwort auf die Frage herauszufinden, klickte das Kind auf das Bild eines Roboters auf seinem Bildschirm. Dabei trug das Kind Kopfhörer, sodass der Versuchsleiter die Antwort nicht hören konnte. Die Antwortsätze des Roboters waren „monotonisiert“, das heißt sie enthielten keinerlei prosodische Information. Im dritten Schritt gab das Kind die Antwort mit seiner eigenen Intonation an den Versuchsleiter weiter (z. B. „De vos beschermt het bos” – ,Der Fuchs beschützt den Wald’). Im letzten Schritt suchte der Versuchsleiter dann ein passendes Bild.

In der Hälfte der insgesamt 36 Fälle beantworteten die Kinder Fragen über das Subjekt des Satzes, d. h. das Subjekt des Antwortsatzes war das Topik, das Objekt der Fokus. In der anderen Hälfte beantworteten sie Fragen über das Objekt, d. h. das Subjekt des Antwortsatzes war der Fokus, das Objekt das Topik.

Insgesamt nutzten die 4- bis 5-jährigen Kinder mehr Deakzentuierung als die jüngeren Kinder. Genau wie erwachsene Sprecher deakzentuierten sie das Topik signifikant häufiger als den Fokus, und dies unabhängig von der Position im Satz. Sie unterscheiden sich von den Erwachsenen jedoch in den folgenden Details: (i) 4- bis 5-jährige Kinder zeigen eine schwächere Präferenz des H*L-Akzents gegenüber dem H*-Akzent bei satzinitialem Fokus, (ii) bei Fokus am Satzende ziehen sie den L*H-Akzent dem H*L-Akzent vor und (iii) bei Topik am Satzende verwenden sie Deakzentuierung, H*L und L*H jeweils gleich häufig.

Folgeuntersuchungen, in denen dasselbe Verfahren mit älteren Kindern durchgeführt wurde, ergaben, dass Kinder die Intonation zur Markierung von Fokus und Topik im Alter von sieben bis acht Jahren wie Erwachsene verwenden.

Zusammenfassung

Chens Arbeiten zeigen, dass Kinder zu Beginn des Erwerbs der Intonation verschiedene Akzentmuster verwenden, ohne die Informationsstruktur ihrer Äußerungen zu berücksichtigen. Vielleicht finden Kinder in diesem Alter einfach alles aufregend, was sie sagen können, und akzentuieren infolgedessen jedes Wort in ihren Äußerungen. Im Alter von drei Jahren beginnen sie, Intonation zielgerichtet einzusetzen, beispielsweise zur Unterscheidung von Fokus und Nicht-Fokus, allerdings tun sie dies nicht mit denselben Mitteln, die erwachsene Sprecher anwenden würden. Im Alter von vier bis fünf Jahren lernen Kinder, Deakzentuierung sinnvoll einzusetzen, nämlich zur Kennzeichnung von Topikinformation. Das komplette Inventar der Zielsprache für die intonatorische Markierung von Topik und Fokus erwerben Kinder erst im Alter von sieben bis acht Jahren. Der Erwerb der Intonation zur Fokusmarkierung ist also ein langer Prozess, der verschiedene Entwicklungsstadien umfasst.

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