Forschungsbericht 2008 - Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Die Balance finden: Berufliches Engagement und die Fähigkeit zur Distanzierung bei Lehrkräften

Autoren
Klusmann, Uta; Kunter, Mareike
Abteilungen

Erziehungswissenschaft und Bildungssysteme (Baumert) (Prof. Dr. Jürgen Baumert)
MPI für Bildungsforschung, Berlin

Zusammenfassung
Die berufliche Belastung von Lehrkräften wird sowohl in einer breiten Öffentlichkeit als auch in wissenschaftlichen Studien vermehrt diskutiert. Die COACTIV-Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung hat erstmals zeigen können, dass ein erhöhtes Beanspruchungserleben der Lehrkräfte mit deutlich geringerer Unterrichtsqualität aus Sicht der Schüler einhergeht. Darüber hinaus fanden sich erste Hinweise, dass die Fähigkeit zur Selbstregulation mit einem geringeren Beanspruchungserleben einhergeht.

Lehrer sind zentrale Akteure im Bildungssystem. Sie tragen eine große Verantwortung, denn schließlich bilden sie die nachwachsende Generation aus und vermitteln ihr die grundlegenden Kulturtechniken. Wie gut ihnen das gelingt, hängt unter anderem von der Qualität ihres Unterrichts ab, die als eine wichtige Determinante für den Bildungserfolg der Schülerinnen und Schüler angesehen wird. Dabei sollen die Lehrkräfte nicht nur das aktive und tiefe Lernen der Schülerinnen und Schüler fördern, sondern auch deren Lernstrategien, Motivation und das Interesse an den fachlichen Inhalten. Die Anforderungen und Erwartungen an die Lehrkräfte sind hoch. Vieles deutet darauf hin, dass einige Lehrkräfte diese Anforderungen nicht erfolgreich bewältigen können. So werden Lehrkräfte immer wieder als Risikogruppe für Stress- und Burnout-Erkrankungen angeführt, was sich auch in den hohen Frühpensionierungsraten widerspiegelt.

Qualität des Unterrichts hängt von mehreren Faktoren ab

Welche Kompetenzen brauchen Lehrkräfte, um mit der komplexen Anforderungssituation ihres Berufsalltags erfolgreich umzugehen, um guten Unterricht zu machen, aber auch um persönlich zufrieden zu sein und eben nicht an Burnout zu erkranken? Diese Fragen haben sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des COACTIV-Projekts am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung gestellt. Die Arbeitsgruppe konzentrierte sich neben dem fachlichen, fachdidaktischen und pädagogisch-psychologischen Wissen auch auf die so genannte Selbstregulation. Damit sind die Strategien zum Umgang mit und der Einstellung gegenüber der eigenen Arbeit gemeint. Basierend auf Arbeiten anderer Forschungsgruppen war die Annahme, dass ein ausgewogenes Haushalten mit den eigenen Ressourcen, das heißt eine Balance aus Engagement und Distanzierungsfähigkeit, die beste Strategie sowohl für das eigene Befinden als auch für die Qualität des Unterrichts sein sollte.

Zur empirischen Untersuchung wurden die Angaben von über dreihundert Mathematiklehrkräften und ihren Schülerinnen und Schülern herangezogen, die an der Studie „Professionswissen von Lehrkräften, kognitiv aktivierender Mathematikunterricht und die Entwicklung mathematischer Kompetenz“ (COACTIV) teilgenommen hatten. Im Vergleich zu bisherigen Studien zur Lehrerbelastung, in denen ausschließlich Selbstberichtsdaten von Lehrkräften verwendet wurden, stehen in der COACTIV-Studie Angaben zur Mathematikleistung, der Motivation und der Unterrichtseinschätzungen der Schülerinnen und Schüler zur Verfügung. Zur Erfassung des Engagements und der Distanzierungsfähigkeit der Lehrkräfte wurde eine Kurzversion des etablierten Instruments „Arbeitsbezogene Verhaltens- und Erlebensmuster“ (AVEM) der Psychologen Schaarschmidt und Fischer eingesetzt. In diesem Fragebogen werden den Lehrkräften Aussagen vorgelegt, die sie dahingehend einschätzen sollen, wie sehr sie für sie persönlich zutreffen. Eine Beispielaussage für das Merkmal „Engagement“ lautet: „Bei der Arbeit kenne ich keine Schonung.“ Für das Merkmal Distanzierungsfähigkeit lautet eine Aussage: „Nach der Arbeit kann ich ohne Probleme abschalten.“

Selbstregulative Fähigkeiten wirken sich auf Unterrichtsqualität und berufliches Wohlbefinden aus

Die Auswertung der Daten erbrachte drei zentrale Befunde. Erstens konnten – wie von der Arbeitsgruppe um Schaarschmidt vorgeschlagen – vier Lehrertypen empirisch identifiziert werden, die sich hinsichtlich ihres Engagements und ihrer Distanzierungsfähigkeit unterscheiden: der so genannte Gesundheitstyp mit hohem Engagement und hoher Distanzierungsfähigkeit, der Schontyp mit niedrigem Engagement und hoher Distanzierungsfähigkeit, Typ A mit hohem Engagement und niedriger Distanzierungsfähigkeit und Typ B mit niedrigem Engagement und niedriger Distanzierungsfähigkeit. Zweitens unterscheiden sich diese vier Lehrertypen bedeutsam in verschiedenen Maßen der beruflichen Belastung. Die günstigsten Werte zeigten hierbei der Gesundheitstyp und der Schontyp. Die beiden Typen A und B, also die Typen, die eine niedrige Distanzierungsfähigkeit hatten, zeigten die höchste Beanspruchung. Drittens zeigten sich – aus Perspektive der Schülerinnen und Schüler – deutliche Unterschiede in der Unterrichtsgestaltung der vier Lehrertypen. Am besten wurde der Unterricht beurteilt, den Lehrer des Gesundheitstyps erteilten: Hier berichteten die Schülerinnen und Schüler eine hohe konstruktive Unterstützung durch die Mathematiklehrkraft und eine höhere Motivation gegenüber dem Fach Mathematik als bei allen anderen Lehrkräften.

Die Befunde weisen darauf hin, dass nicht nur kognitive Kompetenzen der Lehrkräfte bedeutsam für die Qualität des Unterrichts sind, sondern auch emotional-motivationale Merkmale wie die Selbstregulation. Die Fähigkeit, mit den eigenen Ressourcen gesund zu haushalten, wirkt sich dabei sowohl auf die Unterrichtsqualität als auch auf das berufliche Wohlbefinden der Lehrkräfte aus. Damit haben die Ergebnisse auch Implikationen für die Entwicklung von Aus- und Weiterbildungskonzepten für Lehrkräfte: Die kognitiven Kompetenzen der Lehrerinnen und Lehrer sollten ausgebaut werden. Darüber hinaus wäre es ratsam, den nachhaltigen Umgang mit den eigenen Kräften zu fördern und Strategien, mit denen sich berufliche Belastungen leichter bewältigen lassen, zu entwickeln. Profitieren würden nicht nur die Lehrkräfte, sondern auch die von ihnen unterrichteten Schülerinnen und Schüler.

Originalveröffentlichungen

1.
U. Klusmann, M. Kunter, U. Trautwein, O. Lüdtke, J. Baumert:
Teachers’ Well-Being and the Quality of Instruction: The Important Role of Self-Regulatory Patterns.
Journal of Educational Psychology 100, 702–715 (2008).
2.
U. Klusmann, M. Kunter, U. Trautwein, J. Baumert:
Lehrerbelastung und Unterrichtsqualität aus der Perspektive von Lehrenden und Lernenden.
Zeitschrift für Pädagogische Psychologie 20, 131–173 (2006).
3.
U. Klusmann, M. Kunter, U. Trautwein:
Die Entwicklung des Beanspruchungserlebens von Lehrerinnen und Lehrern in Abhängigkeit beruflicher Verhaltensstile.
Psychologie in Erziehung und Unterricht (2009). Im Erscheinen.
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