Forschungsbericht 2006 - Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Lehrer auf dem Prüfstand: Die professionelle Kompetenz von Mathematiklehrkräften

Autoren
Kunter, Mareike
Abteilungen

Erziehungswissenschaft und Bildungssysteme (Baumert) (Prof. Dr. Jürgen Baumert)
MPI für Bildungsforschung, Berlin

Zusammenfassung
Als Experten für die Unterrichtsgestaltung rücken Lehrkräfte in den Mittelpunkt der Unterrichtsforschung. Das Projekt COACTIV hat sich zum Ziel gesetzt, verschiedene Bereiche professioneller Kompetenz von Lehrkräften empirisch zu erfassen, ihr Zusammenwirken zu analysieren und ihre Bedeutung für die Unterrichtsgestaltung und das Erreichen multipler Unterrichtsziele zu beschreiben. Die Studie ist in die PISA-Längsschnittuntersuchung 2003/2004 integriert. Erste Ergebnisse werden im Folgenden berichtet.

Schule ist spätestens seit PISA eine öffentliche Angelegenheit geworden. Das unbefriedigende Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler im internationalen Leistungsvergleich legte es nahe, auch den Unterricht und die Lehrerinnen und Lehrer in den Blick zu nehmen. Welche Voraussetzungen müssen Lehrkräfte mitbringen, um Unterricht so zu gestalten, dass er Schülerinnen und Schülern Gelegenheiten für verständnisvolles Lernen bietet? Obwohl die Bedeutung der Lehrerkompetenz für gelingenden Unterricht in theoretischen Arbeiten vielfach betont wird, liegen bisher nur wenige empirische Befunde dazu vor.

Das Projekt COACTIV unter Leitung von Jürgen Baumert, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin, Werner Blum, Universität Kassel, und Michael Neubrand, Universität Oldenburg, ist eine der ersten Studien im deutschsprachigen Raum, mit denen es gelungen ist, verschiedene Aspekte der Lehrerkompetenz direkt zu erfassen [1]. Am Mathematikunterricht der Sekundarstufe 1 wurde beispielhaft untersucht, welche Merkmale Lehrkräfte aufweisen, die qualitätvollen Unterricht gestalten (Abb. 1).

Das theoretische Modell zur Konzeptualisierung der Lehrerkompetenz in der COACTIV-Studie.

COACTIV wird von einem multidisziplinären Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Psychologie, Erziehungswissenschaft und Mathematikdidaktik getragen. Es ist eine Zusatzstudie der PISA-Untersuchung 2003/2004: Nicht nur die Schüler mussten diesmal Tests bearbeiten, sondern auch ihre Mathematiklehrer mussten ihre professionellen Fähigkeiten in einer „Testsituation“ unter Beweis stellen.

Um die Lehrerkompetenzen zu erfassen, wurden zum Teil neu entwickelte Instrumente – vor allem Tests zum fachlichen und fachdidaktischen Wissen – eingesetzt. Der Unterricht wurde über Selbstberichte der Lehrkräfte, Schülerbefragung sowie Stichproben von tatsächlich im Unterricht eingesetzten Aufgaben abgebildet. Darüber hinaus standen Leistungs- und Fragebogendaten der unterrichteten Schülerinnen und Schüler aus dem PISA-Test zur Verfügung. Da sich die Studie über zwei Messzeitpunkte erstreckte (Erhebungen am Ende der 9. und 10. Klasse), war es möglich, Aussagen über Entwicklungen im Verlauf eines Schuljahres zu machen.

In Bezug auf die Unterrichtsqualität fanden die Forscher heraus, dass im Allgemeinen der Mathematikunterricht in deutschen Schulklassen noch immer einen Schwerpunkt auf das Üben und Anwenden von Rechenprozeduren legt und eher wenig Gelegenheiten für verständnisvolles Lernen bietet. Dieser Befund ergab sich bereits in den 1990er-Jahren in der TIMS-Studie (Third International Mathematics and Science Study). In COACTIV zeigte sich dies erneut, und zwar unter anderem durch die Analysen des Unterrichtsmaterials. Die größten Leistungsfortschritte im Verlauf des Schuljahres erzielten allerdings Klassen, die häufiger mit Aufgaben arbeiten, die dazu anregen, aktiv und selbstständig Wissen aufzubauen. Auch im Hinblick auf zwei andere Merkmale zeigte der Unterricht in den Klassen, die stärkere Lernerfolge aufwiesen, Vorteile: Hier war der Unterricht so organisiert, dass die Unterrichtszeit effektiv zum Lernen genutzt werden konnte. Darüber hinaus unterstützten die Lehrkräfte den Lernfortschritt der Lernenden auf konstruktive Weise.

Das COACTIV-Team prüfte dann, ob Lehrer, die auf solch qualitätvolle Art unterrichten, bestimmte professionelle Fähigkeiten besitzen. Dabei lag der Schwerpunkt auf der Ermittlung des Fachwissens und des fachdidaktischen Wissens.

Zum Test des Fachwissens legten die Forscher den Lehrkräften Mathematikaufgaben vor, deren Lösung ein tiefes mathematisches Verständnis des Schulstoffes erfordert. Zur Erfassung des fachdidaktischen Wissens sollten die Lehrer beispielsweise angeben, wie sie Schülern schwierige mathematische Sachverhalte am besten erklären oder wie sie auf typische Schülerfehler im Unterricht reagieren würden.

Die Lehrkräfte unterschieden sich deutlich im Umfang ihres Wissens. Die Art der Lehramtsausbildung und der Wissensstand hängen eng zusammen: So erzielten Gymnasiallehrer, die in der Regel ein sehr fachintensives Studium absolvieren, sowohl beim Fachwissen als auch beim fachdidaktischen Wissen weit bessere Testergebnisse als ihre Kollegen, die in anderen Schulformen tätig sind (etwa in Realschulen). Dieses Wissen spielt nicht nur für die Unterrichtsgestaltung selbst, sondern tatsächlich auch für den Lernerfolg der Schüler eine große Rolle.

Außer dem Kriterium Wissen wurde eine Reihe weiterer Merkmale ermittelt, die erfolgreiche Lehrer kennzeichnen. Zusätzlich zu den Testaufgaben bearbeiteten die Lehrkräfte daher Fragen zu ihrem beruflichen Werdegang, ihrer Motivation oder ihren berufsbezogenen Einstellungen. Als eine oft gewünschte Eigenschaft von Lehrern wurde zum Beispiel ihr „Enthusiasmus“ untersucht. Die COACTIV-Forscher stellten fest, dass es zwei Arten von Enthusiasmus gibt: Enthusiasmus für das Fach und Enthusiasmus für das Unterrichten. Nur für Lehrkräfte, die angaben, begeistert für das Unterrichten selbst zu sein, ließen sich Vorteile in der Unterrichtsqualität nachweisen. Begeisterung für das Fach allein scheint sich dagegen nicht unmittelbar auf die Art des Unterrichtens auszuwirken.

Erste Ergebnisse liegen auch zu einem weiteren, viel diskutierten Thema vor: der beruflichen Beanspruchung von Lehrern. So fanden die Forscher einen Zusammenhang zwischen der von den Lehrkräften berichteten Erschöpfung und der Beurteilung ihres Unterrichts durch ihre Schüler. Lehrer, die sich übermäßig belastet fühlen, scheinen demnach ihren Schülern weniger konstruktive Unterstützung zu bieten als geringer belastete Kollegen.

Insgesamt belegen diese ersten Ergebnisse der COACTIV-Studie, wie wichtig bestimmte professionelle Fähigkeiten sind, um den anspruchsvollen Beruf des Lehrers erfolgreich ausüben zu können. Eine Kombination fachdidaktischer und psychologischer Ansätze kann somit ein vielversprechender Weg zur Erfassung von Lehrerexpertise sein.

Originalveröffentlichungen

1.
M. Brunner, M. Kunter, S. Krauss et al.:
Die professionelle Kompetenz von Mathematiklehrkräften: Konzeptualisierung, Erfassung und Bedeutung für den Unterricht. Eine Zwischenbilanz des COACTIV-Projekts
In M. Prenzel, L. Allolio-Näcke (Eds.), Untersuchungen zur Bildungsqualität von Schule. Abschlussbericht des DFG-Schwerpunktprogrammes (pp. 54-82). Münster: Waxmann (2006).
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