Forschungsbericht 2005 - Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte

Bausteine zu einer Kulturgeschichte der Vererbung

Toward a cultural history of heredity

Autoren
Müller-Wille, Staffan; Rheinberger, Hans-Jörg
Abteilungen
Experimental Systems and Spaces of Knowledge, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin
Zusammenfassung
Ein Forschungsprojekt am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte beschäftigt sich mit dem Wissen um Vererbung von der frühen Neuzeit bis zum späten zwanzigsten Jahrhundert. Wissen um Vererbung findet sich in den kulturellen Praktiken, die in der Technik, Landwirtschaft, Gesetzgebung, Medizin und Wissenschaft angewendet wurden. Diese Praktiken standen nicht immer in enger Beziehung zueinander. Im Projekt wird untersucht, wie das Wissen um Vererbung im Verlauf der Jahrhunderte umgestaltet und präzisiert wurde.
Summary
The Max Planck Institute for the History of Science carries out a long-term project on the cultural history of heredity. The project deals with the different constellations in which the discourse of heredity took shape from the early modern period to the late twentieth century. It looks closely at and correlates the cultural – agricultural, technical, legal, medical and scientific – practices in which the knowledge of inheritance was materially anchored and in which it gradually revealed its effects.

In seinem Buch Die Logik des Lebenden (1970) hat der französische Molekularbiologe François Jacob eindringlich darauf hingewiesen, dass der Begriff der Reproduktion und in dessen Gefolge auch der Begriff der Vererbung in Spekulationen über den Vorgang der Zeugung bis zum Ende des 18. Jahrhunderts so gut wie keine Rolle spielten. Es muss an dieser Stelle betont werden, dass der Ausdruck „Vererbung“ in seiner Anwendung auf Lebewesen zunächst eine importierte Metapher war: Vor dem 19. Jahrhundert wurde er praktisch ausschließlich in juristischen Kontexten verwendet. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts begann „Vererbung“ als Metapher in biologischen Zusammenhängen Wirkung zu entfalten, und zwar zunächst im Bereich der Weitergabe von Krankheiten von einer Generation auf die nächste. Natürlich waren Phänomene, die wir heute als vererbbar oder erblich bezeichnen würden, in früheren Zeiten keineswegs unbeachtet geblieben. Es scheint jedoch eine historische Tatsache zu sein, dass man diese Erscheinungen nicht unter dem Gesichtspunkt einer – biologischen – Vererbung betrachtete.

Der begriffliche Grund für diese Leerstelle war das Fehlen einiger grundlegender Unterscheidungen in den vormodernen Theorien der Zeugung. Vor dem Ende des 18. Jahrhunderts wurde die erbliche Weitergabe von Eigenschaften nicht als eine Domäne angesehen, die sich absondern ließ von den Kontingenzen der Empfängnis, Schwangerschaft, Embryonalentwicklung, Geburt und sogar dem Stillen. Man glaubte, dass die Ähnlichkeit zwischen Vorfahren und Nachkommen auf der Ähnlichkeit in der Konstellation der kausalen Faktoren beruhte, die jeden Akt der Zeugung begleiteten. Und man glaubte, dass die Eltern-Organismen wörtlich damit beschäftigt waren, ihre Nachkommen zu machen, sie zu erzeugen, und zwar ohne das Dazwischentreten einer speziellen Vererbungssubstanz, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Das 18. Jahrhundert: Verstreute Ausgangspunkte

Wenn also Spekulationen über den Zeugungsvorgang nicht den Kontext bildeten, von dem das Denken über biologische Vererbung seinen Ausgang nahm, was dann? Wenn Buffon und Maupertuis in Frankreich oder Kant in Deutschland in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf Vererbung zu sprechen kamen, dann bezogen sie sich unter anderem auf einen sehr speziellen Diskurs, nämlich auf das lateinamerikanische System der Rasseneinteilung, das unter dem Namen „Las Castas“ bekannt war und üblicherweise durch eine Reihe von Gemälden in tabellarischer Anordnung dargestellt wurde (Abb. 1). Das Schema beruhte vor allem auf einer Klassifizierung der Hautfarbe, in zweiter Linie auch auf der Haarform und der Färbung der Augen. Die Stellung der Kinder, die aus Mischehen hervorgingen, ergab sich in diesem Schema analog zum einfachen Mechanismus der Farbenmischung. Ein „Verschnitt“ der Farben galt also als die Kausalbeziehung, die die Eigenschaften der Kinder zu den Eigenschaften der Eltern in Beziehung setzte.

Ein mexikanisches Casta-Gemälde von Miguel Cabrera aus dem Jahr 1763. Solche Darstellungen bildeten ein populäres Genre in den lateinamerikanischen Kolonien des 17. und 18. Jahrhunderts. Gezeigt wurde auf ihnen jeweils ein Ehepaar mit seinem Kind. Eine Beschriftung erläuterte die Kastenzugehörigkeit der Eltern und die des Kindes, die sich aus der Verbindung seiner Eltern ergab. Auf der hier abgebildeten Tafel heißt es etwa: „Aus einem Spanier und einer Albina, torna atras.“ Albina bezeichnet eine Person, unter deren Ururgroßeltern sich ein schwarzer Vorfahr befand. Torna Atras ist die Bezeichung für die hier dargestellte Blutskombination.

Die Bevölkerung des frühkolonialen Mittel- und Südamerika war durch Mischehen und Migration in ständiger Bewegung. Die Castas-Klassifikation entstand aus Versuchen, ein Maß zu finden, mit dem der Bevölkerung legaler und sozialer Status unter den Bedingungen einer Kolonialgesellschaft zugemessen werden konnte. Somit ergibt sich als ein wichtiges allgemeines, erstes Ergebnis des Projektes, dass es keineswegs die für die Naturgeschichte des 18. Jahrhunderts so wichtige Frage der Konstanz der Arten war, an dem sich das Problem der biologischen Vererbung entzündete. Es waren vielmehr Muster und Vorgänge, die das Gemeinschaftsleben auf einer Ebene unterhalb der Arten strukturierten. Die dadurch bedingte Verschiebung der Aufmerksamkeit ging einher mit einer Mobilisierung des frühneuzeitlichen Lebens in einer ganzen Reihe von weitgehend voneinander unabhängigen kulturellen Bereichen, in denen sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts eine zunehmende Beschäftigung mit Vererbungserscheinungen abzeichnete. Hierzu gehören die Züchtung neuer Varietäten von Tieren und Pflanzen mit marktgängigen Eigenschaften, der Austausch von Exemplaren zwischen botanischen und zoologischen Gärten, Experimente zur Befruchtung und Hybridisierung von Pflanzen und Tieren, eine mit dem Kolonialismus einhergehende Versetzung von Europäern und Afrikanern auf andere Kontinente sowie die Entstehung neuer sozialer Schichten mit ihren spezifischen Pathologien im Kontext der Industrialisierung und Urbanisierung. Alle diese Prozesse trugen dazu bei, traditionelle kulturelle und natürliche Bande zu lockern, wenn nicht zu lösen, und damit den materiellen Boden für die Entstehung des biologischen Begriffs der Vererbung zu bereiten.

Das 19. Jahrhundert: Ein theoretischer und praktischer Raum der Vererbung formiert sich

Eine Verbindung zwischen den verschiedenen Bereichen, in denen sich Wissensregime der Vererbung im Laufe des 18. Jahrhunderts herausbildeten, ergab sich nach der Art eines Dominoeffektes, den die Mobilisierung in einem Feld auf ein anderes ausübte. Die Herausbildung einer Klasse, die auf bewegliches Eigentum gegründet war, zog eine Freizeitkultur des Sammelns und Züchtens nach sich, wobei Züchter sogar das Modell für den „Self-made Man“ lieferten.

Stammbaumdarstellung in A. F. Tregolds „Mental Deficiency“ (London, 1908). Die Darstellung ist typisch für Veröffentlichungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die sich mit der Vererbung von Veranlagungen beim Menschen beschäftigen. In diesem Fall dient der Stammbaum dem Nachweis einer „Vergiftung“ des Nachwuchses durch den Alkoholismus eines Vorfahren.

Die Einführung von Pflanzen zu naturhistorischen Sammlungszwecken wiederum inspirierte Versuche, sie unter ökonomischen Gesichtspunkten zu akklimatisieren. So verbanden sich verschiedene, sehr spezifische und zunächst weitgehend voneinander unabhängige Teilbereiche zu einer Domäne von Erscheinungen, für die um die Mitte des 19. Jahrhunderts schließlich der Begriff der biologischen Vererbung prägend wurde (Abb. 2).

Dieser Sachverhalt macht es schwierig, wenn nicht gar unmöglich, ein allgemeines Bild von der historischen Entwicklung zu zeichnen, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts zur Ausarbeitung von Vererbungstheorien führte. Im Rückblick ist es dennoch möglich, das Ergebnis dieser Entwicklung zu charakterisieren. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstand ein „epistemischer Raum“ der Vererbung. Mit diesem Begriff soll dem Umstand Rechnung getragen werden, dass im Gegensatz zu anderen Gegenständen der biologischen Forschung, die sich auf Experimentalsysteme eingrenzen lassen, die Vererbung von einer weit gespannten räumlichen Konfiguration von verteilten Technologien und Institutionen abhing. Sie wurde durch ein Austauschsystem zusammengehalten, das botanische Gärten, Hospitäler, chemische und physiologische Laboratorien sowie genealogische und statistische Archive umfasste.

Auf dieser Grundlage entstanden um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts die ersten ausgearbeiteten Vererbungstheorien. Prominente Beispiele sind Charles Darwins Theorie der Pangenesis, die davon ausgeht, dass die Keimzellen das Sammelbecken für Bestandteile des ganzen Körpers bilden, und die Vorstellungen seines Cousins Francis Galton von einer Vorfahren und Nachkommen gleichermaßen verbindenden Erbsubstanz („Stirps“, von lat. Wurzel). Verglichen mit vormodernen Theorien der Zeugung sind zwei Aspekte dieser Theorien bemerkenswert. Erstens abstrahierten sie in einem gewissen Ausmaß von der persönlichen Beziehung zwischen Eltern und ihren Nachkommen. Als eigentliche Träger der zu vererbenden Eigenschaften galten nicht die Eltern selbst, sondern submikroskopische Keimchen, die von Generation zu Generation zwischen den Individuen ein und derselben Art zirkulierten. Zweitens macht sich im Vergleich zu frühmodernen Zeugungstheorien eine merkwürdige Umkehrung bemerkbar: Während letztere die vertikale Dimension direkter Abstammung betonten – Vorfahren erzeugen ihre Nachkommen – prägten Darwin und Galton ein Bild, in dem die horizontale Dimension dominiert. Es ist die Dimension eines gemeinsamen Reservoirs an Anlagen, die von der Gesamtheit der Vorfahren weitergegeben, in jeder Generation unter den Individuen neu verteilt werden und jeweils aktuell um ihre Verwirklichung konkurrieren. Diese beiden Aspekte – die sich übrigens gut in die von Sozialanthropologen rekonstruierte Langzeitentwicklung westeuropäischer Verwandtschaftssysteme einpassen – können als die grundlegenden Merkmale modernen Vererbungsdenkens angesehen werden.

Das frühe 20. Jahrhundert: Vererbung als Geschehen in Populationen

Das neunzehnte Jahrhundert brachte bekanntlich keine abschließende Theorie der Vererbung hervor. Dies blieb der Genetik und Molekularbiologie des 20. Jahrhunderts vorbehalten. Aber die oben skizzierten Weisen, in denen man sich einer Lösung des Vererbungsproblems zu nähern versuchte, machen doch einen entscheidenden Trend deutlich. Vererbung wurde immer weniger als eine Beziehung zwischen Individuen – Vorfahren und Nachkommen –, sondern zunehmend als eine Beziehung zwischen Populationen und einem Vererbungssubstrat betrachtet, das sich über diese verteilt. Die „Abwertung der Abstammung“, wie man sagen könnte, zu Gunsten der Auffassung, dass biologische Vererbung in der Weitergabe eines gemeinsamen Grundstocks von Dispositionen besteht, scheint einherzugehen mit der Betonung auf Zukunft statt auf Vergangenheit, auf Voraussicht statt auf Rückblick. Auf der Basis der ausgreifenden Fortschrittsideologien des späten 19. Jahrhunderts verband sich auch mit der Vererbungsfrage eine an Projektion statt wie bisher an Legitimation ausgerichtete Sichtweise. Auch wenn Vergangenheit natürlich in den Vererbungsdiskurs eintrat, so tat sie dies doch entweder als eine Bedrohung in Form von „Rückschlägen“, von Degeneration oder als ein Erbe, ein „Kapital“, das von jeder Generation erneut angeeignet werden muss. Das 20. Jahrhundert harrt im Projekt noch einer eingehenden Untersuchung.

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