Forschungsbericht 2009 - Max-Planck-Institut für Ökonomik (1993 bis 2014)

Unternehmensorganisation und menschliches Verhalten

Autoren
Cordes, Christian
Abteilungen

Evolutionsökonomik (Prof. Dr. Ulrich Witt)
MPI für Ökonomik, Jena

Zusammenfassung
Firmen existieren auch deshalb, weil sie einen geeigneten Rahmen für eine Unternehmenskultur bieten, die die menschliche Neigung zu kooperativem Verhalten in Gruppen fördert. Forscher am Max-Planck-Institut für Ökonomik untersuchen die Rolle solcher evolvierter menschlicher Verhaltensdispositionen im organisationalen Kontext aus naturalistischer Perspektive, wobei Erkenntnisse aus anderen Disziplinen, etwa der Psychologie oder der Anthropologie, herangezogen werden. Die Erkenntnisse erweitern das Verhaltensmodell in der Theorie der Unternehmung.

Unternehmensorganisationen und das Verhalten ihrer Mitglieder werden in den Wirtschaftswissenschaften häufig unter der Annahme mehr oder weniger rationaler, von Eigeninteressen geleiteter, autonomer Individuen analysiert. Diese Betrachtungsweise erklärt allerdings nicht, warum viele Menschen sich über ihre persönlichen Interessen und über vertragliche Vereinbarungen hinaus für die Ziele eines Unternehmens oder ihrer Organisation engagieren. Gewinnstreben und materielle Anreize sind offensichtlich nicht die einzigen Determinanten für den Erfolg eines Unternehmens.

Welche Bedeutung haben die – in der Natur einzigartige – menschliche Neigung zur Kooperation, die Übertragung und Weiterentwicklung kultureller Inhalte durch Prozesse sozialen Lernens, und welche Rolle spielt der Entrepreneur (Unternehmer) in Firmenkulturen und bezüglich des Funktionierens von Firmen [1, 2, 3, 4]? Diese Fragen wollen Forscher am Max-Planck-Institut für Ökonomik mit Hilfe eines naturalistischen Ansatzes klären, der Erkenntnisse aus anderen Disziplinen, wie zum Beispiel der Psychologie, der Anthropologie oder der Evolutionsbiologie, heranzieht. Außerdem setzen sie mathematische Methoden ein, um kulturelles Lernen in Gruppen abzubilden.

Die zentrale Hypothese des naturalistischen Ansatzes sagt aus, dass Unternehmensorganisationen jenseits mehr oder weniger anonymer Marktbeziehungen einen geeigneten Rahmen bieten, ein Kooperationsregime zu etablieren, das auf den pro-sozialen Dispositionen menschlicher Akteure beruht, etwa der Neigung, in Gruppen kooperatives Verhalten zu zeigen, deren Ursprünge in der menschlichen Entwicklungsgeschichte zu finden sind. Solche kognitiven Dimensionen werden in den traditionellen Unternehmenstheorien üblicherweise kaum betrachtet. Während der Entwicklungsgeschichte der Menschheit hingen Erfolg und Überleben immer auch von der Fähigkeit zur Kooperation in Gruppen ab; deshalb ist die Neigung zur Kooperation über einen Prozess genetisch-kultureller Koevolution fest in den Genen verankert. In modernen Unternehmen arbeiten heutzutage Menschen mit Prädispositionen und einer Sozialpsychologie, die sich von denen in den Stammesgesellschaften unserer Vorfahren nicht wesentlich unterscheiden.

Die Forscher beleuchten darüber hinaus die wichtige Rolle des Entrepreneurs in der Sozialisierung und der Implementierung geteilter kognitiver Interpretationsrahmen unter den Angestellten einer Firma. Der Entrepreneur – oder eine andere leitende Persönlichkeit in einem Unternehmen – stellt mit seinem Geschäftskonzept einen kognitiven Bezugsrahmen bereit, der von den Angestellten des Unternehmens adaptiert werden kann. Das stärkt den psychologischen Zusammenhalt innerhalb der Gruppe und die Identifikation mit dem Unternehmen und prägt die Firmenkultur. Zum anderen bietet sich der Entrepreneur oder Manager als prominentes Rollenmodell für soziales Lernen an [5].

Ein formales Modell evolvierender Unternehmenskulturen liefert einige interessante Einsichten: Mit wachsender Gruppengröße sinkt der Einfluss des Entrepreneurs im Sozialisierungsprozess und damit das Niveau kooperativen Verhaltens in der Firma – oft eine kognitive Beschränkung des Firmenwachstums. Das Modell zeigt, dass Firmen relativ klein bleiben, und so ein hohes Kooperationsniveau innerhalb der Firma ermöglichen, wenn hohe potenzielle Kosten zu befürchten sind, die aus opportunistischem Verhalten resultieren würden. Dies mag ein Grund sein, warum etwa Unternehmen, die von selbständig und eigenverantwortlich arbeitenden Experten abhängen, eher klein sind. Die Möglichkeit, durch die Etablierung eines Kooperationsregimes in kleineren Firmen die potenziellen Kosten, die aus opportunistischem Verhalten resultieren können, unter Kontrolle zu halten, stellt sich auch in den entwickelten formalen Modellen kulturellen Lernens als größenbestimmender Faktor einer (angenommenen) gewinnmaximierenden Firma heraus. Abbildung 1 zeigt diesen systematischen Zusammenhang für verschiedene Werte von αE auf, dem charismatischen Potenzial des Entrepreneurs, welches dessen Einfluss in der Sozialisierung neuer Mitarbeiter und der Implementierung geteilter kognitiver Interpretationsrahmen misst.

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Der Zusammenhang zwischen der profitmaximierenden Größe einer Firma und den Kosten opportunistischen Verhaltens für verschiedene Werte von αE. Die gewinnmaximierende Firmengröße nimmt mit steigenden Kosten für opportunistisches Verhalten ab.

Je höher die Kosten opportunistischen Verhaltens sind, desto kleiner ist die profitmaximierende Größe des Unternehmens bei einem gegebenen charismatischen Potenzial des Entrepreneurs – ein Resultat, das von der traditionellen Unternehmenstheorie abweicht. In dieser wird eine positive Beziehung zwischen den Opportunismuskosten und der optimalen Firmengröße unterstellt, da die Kontroll- und Überwachungsmöglichkeiten innerhalb einer Firma als entscheidendes Mittel gegen opportunistisches Verhalten gesehen werden.

Die Ergebnisse dieses Forschungsprojekts leugnen nicht, dass Opportunismus eine wichtige Facette menschlichen Verhaltens in einem organisationalen Kontext ist. Aber darüber hinaus gibt es zweifellos weitere Triebkräfte, die das Verhalten von Menschen in Firmen und anderen Organisationen beeinflussen. Der hier präsentierte naturalistische Ansatz soll dazu beitragen, die Verhaltensmodelle, die in diesen Zusammenhängen zum Einsatz kommen, zu erweitern.

Originalveröffentlichungen

1.
C. Cordes:
Darwinism in Economics: From Analogy to Continuity.
Journal of Evolutionary Economics, 16(5), 529–541 (2006).
2.
C. Cordes, P. J. Richerson, R. McElreath, P. Strimling:
A Naturalistic Approach to the Theory of the Firm: The Role of Cooperation and Cultural Evolution.
Journal of Economic Behavior and Organization, 68(1), 125–139 (2008).
3.
C. Cordes, P. J. Richerson, R. McElreath, P. Strimling:
How Does Opportunistic Behavior Influence Firm Size?
Papers on Economics & Evolution 2006-18. Max Planck Institute of Economics, Jena 2006.
4.
C. Cordes:
The Role of “Instincts” in the Development of Corporate Cultures.
Journal of Economic Issues 41(3), 747–764 (2007).
5.
U. Witt:
Firms as Realizations of Entrepreneurial Visions.
Journal of Management Studies 44(7), 1125–1140 (2007).
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