Forschungsbericht 2010 - Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Wie informiert ist die europäische Öffentlichkeit über den Nutzen der Früherkennung von Brust- und Prostatakrebs?

Autoren
Feufel, Markus; Gigerenzer, Gerd
Abteilungen

Harding Zentrum für Risikokompetenz (Dr. Wolfgang Gaissmaier)
MPI für Bildungsforschung, Berlin

Zusammenfassung
Wissenschaftler des Harding Zentrums für Risikokompetenz am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung untersuchten, wie gut die europäische Öffentlichkeit über den Nutzen der Krebsfrüherkennung informiert ist. An der Studie nahmen mehr als 10.000 Bürgerinnen und Bürger aus neun europäischen Ländern teil. Die Ergebnisse verblüffen: Die Europäer erweisen sich als mangelhaft informierte Optimisten in Sachen Früherkennung.

Das Arzt-Patienten-Verhältnis hat in den letzten Jahrzehnten einen substanziellen Wandel erlebt. Vor den 1950er-Jahren war dies ein sehr einseitiges Verhältnis, in dem der Arzt fast ausschließlich alleine entschied und versuchte, potenziell negative Information vom Patienten fernzuhalten. Heute hingegen legen viele Patientinnen und Patienten nicht nur großen Wert darauf, mit in die Entscheidung einbezogen zu werden, sondern haben auch das Anrecht, von medizinischer Seite über die Vor- und Nachteile einer medizinischen Behandlung aufgeklärt zu werden (Berufsverordnung deutscher Ärzte §8: Aufklärungspflicht). In Deutschland hat das Bundesministerium für Gesundheit die Stärkung der Patientensouveränität zum „nationalen Gesundheitsziel“ erklärt. Aber sind die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland und Europa wirklich ausreichend informiert, um kompetent entscheiden zu können?

In Ländern mit modernen Gesundheitssystemen müssen Frauen und Männer zum Beispiel entscheiden, ob sie an regelmäßigen Untersuchungen zur Früherkennung von Brust- oder Prostatakrebs teilnehmen möchten. Da diese Untersuchungen mit Risiken, wie zum Beispiel Überbehandlung, verbunden sind, müssen Patienten den potenziellen Nutzen dieser Untersuchungen kennen, um angemessene Entscheidungen treffen zu können. Idealerweise sollten Ärzte, Informationsbroschüren und andere Informationsquellen Patienten helfen, den Nutzen solcher Untersuchungen richtig einzuschätzen. Jedoch zeigen Umfragen, dass zum Beispiel 56 Prozent der deutschen Frauen fälschlicherweise der Meinung sind, dass Brustkrebs durch Früherkennungsuntersuchungen (Mammografie) verhindert werden kann [1].

Eine Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung erfasste, was Bürger in neun europäischen Ländern über den Nutzen der Krebsfrüherkennung wissen [2]. Die Studie beantwortete zwei Fragen:

1. Schätzen Frauen den Nutzen der Mammografie und Männer jenen des prostataspezifischen Antigen-Tests (PSA-Test) realistisch ein?
Dazu wurden Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach dem Nutzen in Form der oft kommunizierten krebsspezifischen Sterblichkeitsreduktion (nicht nach der Reduktion der Gesamtkrebssterblichkeit) befragt.

2. Woher beziehen Bürger ihre Informationen?
In diesem Zusammenhang wurde auch untersucht, ob die Häufigkeit, mit der man Informationen von einer bestimmten Quelle erhält, das Verständnis des tatsächlichen Nutzens der betreffenden Früherkennungsuntersuchung verbessert.

Für die Studie wurde eine repräsentative Gruppe von insgesamt 10.228 Personen aus acht EU-Ländern (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Niederlande, Österreich, Polen und Spanien) und dem europäischen Teil Russlands befragt. Die Daten wurden durch die Gesellschaft für Konsumforschung e.V. (GfK) von September bis Dezember 2006 als Teil der europäischen Verbraucherstudie 2007 erhoben [3].

Wie viel wissen Frauen über den Nutzen des Mammografie-Screenings zur Früherkennung von Brustkrebs?

Studien zeigen, dass ohne Mammografie etwa 5 von 1.000 Frauen an Brustkrebs sterben. Mit Mammografie sterben etwa 4 von 1.000 Frauen an Brustkrebs. Die Reduktion der Brustkrebssterblichkeit durch Mammografie entspricht folglich einer Brustkrebstoten weniger auf je 1.000 Frauen mit regelmäßiger Mammografie (Abb. 1). Insgesamt haben dies nur 1,5 Prozent der befragten Frauen richtig eingeschätzt. Dass Mammografien keinen Einfluss auf die Brustkrebssterblichkeit haben, gaben 6,4 Prozent der Frauen an. Die große Mehrheit der Frauen (etwa 92 Prozent) überschätzte den Nutzen um mindestens das Zehnfache oder konnte keine Antwort geben. In EU-Ländern (ohne Russland) war dieser Anteil noch höher (etwa 96 Prozent). In Russland hingegen, wo Mammografietechnik nicht überall verfügbar ist, war die Anzahl derjenigen, die deren Nutzen überschätzt haben, mit 82 Prozent am geringsten.

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Original 1508154835
Wissenschaftlich bestätigte Zahlen zur Sterblichkeitsreduktion durch regelmäßige Mammografie [4].
Wissenschaftlich bestätigte Zahlen zur Sterblichkeitsreduktion durch regelmäßige Mammografie [4].

Die größte Überschätzung wurde in Frankreich, den Niederlanden und Großbritannien beobachtet, wo mehr als 40 Prozent der Teilnehmerinnen schätzten, dass sich die Sterblichkeit um 100 bis 200 pro 1.000 Brustkrebstote reduziert. In diesen drei Ländern ist der Anteil der Frauen, die sich regelmäßig einer Mammografie unterziehen, generell hoch. Interessant ist auch, dass in der Hauptzielgruppe für Brustkrebsfrüherkennung (Frauen zwischen 50 und 69 Jahren) mehr Frauen den Nutzen überschätzt haben als in der Gruppe der jüngeren Frauen. In allen Ländern (außer Russland) war bei den 50- bis 69-Jährigen der Anteil der Frauen, die den Nutzen richtig eingeschätzt haben, geringer als in allen anderen Altersgruppen.

Wie viel wissen Männer über den Nutzen von PSA-Tests zur Früherkennung von Prostatakrebs?

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Original 1508154835
Wissenschaftlich bestätigte Zahlen zur Sterblichkeitsreduktion durch regelmäßige PSA-Tests, ermittelt durch eine europäische und eine US-amerikanische Studie [5, 6]. Die europäische und die Studie in den USA unterscheiden sich in Bezug auf die Untersuchungshäufigkeit der Probanden mit PSA-Tests (ungefähr alle 4 Jahre für die 9 Jahre dauernde europäische Studie und jedes Jahr für die 6 Jahre dauernde Studie in den USA).
Wissenschaftlich bestätigte Zahlen zur Sterblichkeitsreduktion durch regelmäßige PSA-Tests, ermittelt durch eine europäische und eine US-amerikanische Studie [5, 6]. Die europäische und die Studie in den USA unterscheiden sich in Bezug auf die Untersuchungshäufigkeit der Probanden mit PSA-Tests (ungefähr alle 4 Jahre für die 9 Jahre dauernde europäische Studie und jedes Jahr für die 6 Jahre dauernde Studie in den USA).

Die beste Schätzung des Nutzens der sogenannten PSA-Tests ist kein oder ein Prostatakrebstoter weniger unter 1.000 Männern, die sich dieser Untersuchung regelmäßig unterziehen. Unter den Männern haben nur 11 Prozent die ungefähre Reduktion der Prostatakrebssterblichkeit durch PSA-Tests (0 bis 1 weniger Prostatakrebstote auf je 1.000 Männer mit regelmäßigem PSA Test, Abb. 2) richtig eingeschätzt. Wie bei den Frauen hat die große Mehrheit (89 Prozent) den Nutzen überschätzt oder wusste keine Antwort. In Frankreich, Österreich, den Niederlanden, Spanien und Großbritannien überschätzten zwischen 34 und 41 Prozent der Männer den Nutzen von PSA-Tests auf 100 bis 200 weniger Prostatakrebstote. Mit 77 Prozent war der prozentuale Anteil von zu optimistischen Schätzungen in Russland am geringsten. Ähnlich wie bei den Frauen war bei den 50- bis 69-Jährigen der Anteil derjenigen, die den Nutzen von PSA-Tests richtig einschätzten, nicht besser als für Männer insgesamt. Der Anteil an Männern, die (richtig) schätzten, dass entweder ein oder kein Leben gerettet wird, sank von 11 Prozent in allen Altersgruppen auf 9 Prozent für Männer im Alter zwischen 50 und 69 Jahren.

Sorgt mehr Information für eine bessere Einschätzung?

Die Antwort ist nein. Wie oft Frauen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien Österreich, Polen, Russland und Spanien eine Quelle konsultierten, war für keine Informationsquelle mit einer besseren Einschätzung des eigentlichen Nutzens korreliert. Im Gegenteil, deutsche Frauen, die häufiger Broschüren von Gesundheitsorganisationen lesen oder häufiger ihren Hausarzt oder ihren Apotheker konsultieren, überschätzten den Nutzen von Früherkennung stärker als Frauen, die sich seltener über diese Quellen informieren. Die einzigen Quellen, deren häufige Verwendung mit einer verbesserten Einschätzung des Nutzens im Zusammenhang stand, waren die Verbraucherberatung in den Niederlanden und Italien sowie die Patientenberatung und Selbsthilfegruppen in Italien.

Ähnliche Ergebnisse ergaben sich für den PSA-Test. Für österreichische, deutsche, niederländische, russische und spanische Männer gab es keine einzige Informationsquelle, bei der eine größere Verwendungshäufigkeit mit einer verbesserten Einschätzung des Nutzens der Prostatakrebsfrüherkennung einherging. Mit einer verbesserten Einschätzung des Nutzens waren lediglich Informationen von Krankenversicherungen in Frankreich, Polen und Italien assoziiert sowie Informationen aus dem Radio in Großbritannien.

Wir brauchen transparente Informationen über den Nutzen der Krebsfrüherkennung

Diese Studie hat gezeigt, dass die Mehrheit der Bürger von neun europäischen Ländern den Nutzen von Mammografie und PSA-Test nicht kennt, einschließlich der Frauen und Männer zwischen 50 und 69 Jahren, denen diese Untersuchungen oft empfohlen werden. Um informierte und rationale Entscheidungen treffen zu können, ist die adäquate Kenntnis des Nutzens jedoch unerlässlich. Für Bürger aus allen an dieser Studie beteiligten Ländern waren weder die häufige Konsultation von Gesundheitsbroschüren noch häufige Hausarztbesuche mit einem besseren Verständnis des Nutzens verbunden. Im Gegenteil: Der generelle Trend war ein leicht positiver Zusammenhang zwischen der Überschätzung des Nutzens dieser Verfahren und der Konsultationshäufigkeit von Hausärzten sowie dem Lesen von Gesundheitsbroschüren.

Aus der vorliegenden Studie ist nicht direkt ersichtlich, warum Frauen und Männer den Nutzen von Früherkennungsuntersuchungen so stark überschätzen. Jedoch geben Studien zur Risikokommunikation [7] Hinweise auf potenzielle Ursachen und Lösungen. Auf der einen Seite waren Ärzte neben Familie und Freunden die meistgenannte Informationsquelle. Studien haben belegt, dass Ärzte oft selbst nicht über den Nutzen von Früherkennung Bescheid wissen und damit möglicherweise zur Fehlinformation der Bevölkerung beitragen [7, 8].

Auf der anderen Seite haben Broschüren- und Medienanalysen gezeigt, dass medizinische Sachverhalte oft in verwirrender Form dargestellt werden [7]. Zum Beispiel ist gut belegt, dass sowohl Patienten als auch Ärzte Risiken besser einschätzen können, wenn diese als absolute Risikoreduktion (etwa von 5 auf 4 Krebstote von 1.000 untersuchten Personen) statt als relative Risikoreduktion (20 Prozent weniger Krebstote) dargestellt werden. Die Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung hat gezeigt, wie wichtig und notwendig eine verbesserte Kommunikation des Nutzens (aber auch der Risiken) von medizinischen Untersuchungen ist. Die in neun europäischen Ländern verfügbaren Informationsquellen sind bislang nicht geeignet, die wissenschaftlichen Erkenntnisse auf verständliche Weise an die Bürgerinnen und Bürger zu vermitteln. Somit sind die Voraussetzungen für informierte Entscheidungen durch informierte Patienten und Ärzte in Europa bisher nicht vorhanden.

Originalveröffentlichungen

1.
I. Naß-Griegoleit, B. Schultz-Zehden, M. Klusendick, J. Diener, H. Schulte:
Studie belegt hohe Akzeptanz des Mammographie-Screenings bei Frauen: Ergebnisse der ersten repräsentativen Studie in Deutschland.
Frauenarzt 50(6), 494–501 (2009).
2.
G. Gigerenzer, J. Mata, R. Frank:
Public knowledge of benefits of breast and prostate cancer screening in Europe.
Journal of the National Cancer Institute 101(17), 1216–1220 (2009).
3.
GfK-Nürnberg e.V., R. Frank:
Health in Europe.
European Consumer Study 2007 [in German]. GfK-Nürnberg, Nürnberg 2007.
4.
P.C. Gøtzsche, M. Nielsen:
Screening for breast cancer with mammography.
Cochrane Database Syst Rev. 4 (2006): CD001877.
5.
F. H. Schröder, J. Hugosson, M. J. Roobol et al.:
Screening and prostate-cancer mortality in a randomized European study.
New England Journal of Medicine 360(13), 1320–1328 (2009).
6.
G. L. Andriole, R. L. Grubb, S. S. Buys et al.:
Mortality results from a randomized prostate cancer screening trial.
New England Journal of Medicine 360(3), 1310–1319 (2009).
7.
G. Gigerenzer, W. Gaissmaier, E. Kurz-Milcke, L. M. Schwartz, S. Woloshin:
Helping doctors and patients to make sense of health statistics.
Psychological Science in the Public Interest 8(2), 53–96 (2007).
8.
H. G. Welch:
Should I Be Tested for Cancer?
University of California Press, Berkeley, CA 2004.
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