Forschungsbericht 2007 - Bibliotheca Hertziana - Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte

Agenten, ein neues Forschungsfeld im Bereich der historischen Komparatistik: Der Fall des römischen Antiquars Johann Friedrich Reiffenstein (1719–1793)

Autoren
Prof. Dr. Christoph Frank,
Abteilungen
Zusammenfassung
Agenten sind in jüngster Zeit zu einem Gegenstand der historischen mitunter auch kunsthistorischen Forschung geworden. Auf der Grundlage der Korrespondenz des römischen Agenten Johann Friedrich Reiffenstein (1719–1793), die aus deutschen, italienischen und russischen Archiven rekonstruiert wurde, unternimmt das Forschungsprojekt an der Bibliotheca Hertziana den Versuch, die Kommunikationsmuster des Transfers von künstlerischen und wissenschaftlichen Konzepten aus dem Rom der Aufklärung an die nord- und osteuropäische Peripherie darzulegen.

In der Kulturtransferforschung mit ihrer Schwerpunktsetzung auf literarischen Übersetzungen als grenzüberschreitende Medien einer transnationalen Kommunikation sind Agenten zunehmend in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Zu diesen Agenten zählt auch der römische Antiquar Johann Friedrich Reiffenstein. Das Agententum hatte viele Facetten: Es handelte einerseits mit Informationen und Nachrichten, andererseits aber auch mit Objekten – von Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs bis hin zu Kunstwerken – und beeinflusste damit europaweit direkt oder auch indirekt das Marktgeschehen. Die Bedeutung der Agenten für die Entstehung von Bibliotheken, Kunstsammlungen, aber auch von wissenschaftlichen Sammlungen in der Frühen Neuzeit ist bislang kaum untersucht worden. Dabei verbirgt sich doch hinter der Figur des europaweit tätigen Kulturvermittlers die wissenschaftsgeschichtlich wichtige Frage, welchen Anteil die Aufklärung und die sich neuerlich differenzierenden Marktmechanismen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an der zunehmenden Verwissenschaftlichung von einzelnen Sammlungs- oder Wissenskulturen, nicht zuletzt auch der Kunstgeschichte, haben konnten.

Rom: „Hauptstadt der Welt“ im 18. Jahrhundert

Das im Zeitraum Dezember 2002 bis November 2005 an der Bibliotheca Hertziana (Abteilung Professor Elisabeth Kieven) in Kooperation mit dem Forschungszentrum Europäische Aufklärung, Potsdam, und der Russischen Akademie der Wissenschaften, Institut für Universalgeschichte, Moskau, durchgeführte Projekt ist dem römischen Antiquar Johann Friedrich Reiffenstein gewidmet. Reiffenstein lebte von 1767 bis zu seinem Tod im Oktober 1793 in den von Federico Zuccari ausgemalten Erdgeschossräumen des Palazzo Zuccari – dem heutigen Sitz der Bibliotheca Hertziana – in Rom (Abb. 1). Das maßgeblich von der Fritz-Thyssen-Stiftung geförderte Forschungsprojekt wird mittlerweile an der Università della Svizzera italiana fortgesetzt.

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Platzfront des Palazzo Zuccari, Wohnort Johann Friedrich Reiffensteins (1767-93), Foto um 1871.

Der aus Ostpreußen stammende Agent war der Forschung bislang lediglich als Cicerone Goethes während dessen Italienischer Reise 1786 bis 1788 und der sich daran anschließenden Italienreisen Johann Gottfried Herders und Anna-Amalias von Sachsen-Weimar 1788 bis 1790 bekannt. Seit 1762 war er dauerhaft in Rom ansässig. Dort lernte er den deutschen Antiquar und Archäologen Johann Joachim Winckelmann (1717–1768) kennen, den herausragenden Begründer der Kunstgeschichte, der zeitweilig ebenfalls im Palazzo Zuccari lebte. Diese Verbindung veranlasste ihn, auf Dauer in der Ewigen Stadt zu bleiben, wo er sich als international tätiger Antiquar und Kunstagent etablierte. Zu seinen Korrespondenzpartnern zählten der in Paris ansässige Enzyklopädist Friedrich Melchior Grimm (ein enger Freund Diderots) genauso wie die russische Kaiserin Katharina II. oder Johann Wolfgang Goethe. Im Verlauf des Projektes wurde in deutschen, italienischen und vor allem russischen Archiven erstmalig der umfangreich überlieferte Briefwechsel dieses Mediators erforscht und umfassend rekonstruiert. Zusammen mit weiteren Briefwechseln bildet er die Grundlage für eine umfangreiche Monografie, in der hauptsächlich römische künstlerische und sammlungsgeschichtliche Konzepte aus dem Zeitraum von 1762 bis 1793 untersucht werden. Zugleich wird beschrieben, wie diese Konzepte nach Nord- und Osteuropa vermittelt wurden.

Der europäische Kunsthandel war im Begriff, sich zunehmend zu systematisieren. Die neuen Medien der Reproduktionsgrafik, der periodischen Zeitschriften und einer neueren Historiografie, die sich zuweilen aus Sammlungsverzeichnissen oder Auktionskatalogen ableitete, waren dabei entscheidende Faktoren. Diese Entwicklung und der wachsende Einfluss der Aufklärung verlangten vom Kunstagenten, der ein klassischer Kulturvermittler war, ästhetischen aber auch wissenschaftlichen Neuerungen aufgeschlossen zu begegnen. Die neuen Medien der Reproduktionsgrafik, die insbesondere in den 1750er-Jahren einen enormen Aufschwung nahmen, erlaubten dem Auftraggeber erstmalig auch über große Entfernungen hinweg Kunstwerke auszuwählen und zu kontrollieren – in einer Weise, wie es zuvor nicht möglich gewesen war. Der Amateur konnte sich auch fernab der großen Kunstzentren zum Connaisseur weiterbilden und -entwickeln.

Es war nicht länger der Agent allein, der eine Sammlung aufbaute und bis ins Detail bestimmte. Er sah sich vielmehr gezwungen, in ein komplexes Wechselspiel einzutreten, an dessen Ende der moderne Kunstmarkt mit seinen bisweilen scheinbar widersprüchlichen Markt- und Wissenschaftsmechanismen steht. So konnte die Konstitution einer auf den ersten Blick provinziellen Sammlung an der europäischen Peripherie durchaus von Bedeutung für die Entwicklung des römischen Kunstmarktes sein. Reiffensteins Agentenrolle war die eines Beobachters, Ratgebers und nicht zuletzt die eines Vermittlers von kulturellen Eindrücken und Konzepten at home and abroad. Sein Wirken sollte von ungeahnter Bedeutung für die Entstehung der wissenschaftlichen Disziplin der Kunstgeschichte sein. Dass sich dies in weiten Teilen in den Räumen der heutigen Bibliotheca Hertziana abspielte, ist vielleicht mehr als nur eine Fußnote der Geschichte (Abb. 2).

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Das große Höllenmaul an der Via Gregoriana, Eingang zu Johann Friedrich Reiffensteins römischem Garten (1767–1793).

Kunstvermittlung zwischen den Metropolen und der Peripherie

Im Rahmen des hier skizzierten Forschungsprojekts und auch einiger anderer Projekte zur Rolle der Kultur- und Kunstvermittler Denis Diderot, Friedrich Melchior Grimm, Rudolph Erich Raspe und Johann Georg Wille, allesamt herausragende Vertreter der Aufklärung, werden wichtige Fragen der Kunstgeschichte untersucht. Es ist zu klären, wie sich das frühneuzeitliche Agententum zum Kulturtransfer von den Metropolen Rom, Paris und London zu den nord- und osteuropäischen Peripherien verhält und wie sich vor dem Hintergrund einer differenzierten Auftraggeberlage die Peripherie zum Zentrum versteht beziehungsweise welche Wirkung das Agententum in den jeweiligen Zentren entwickeln konnte. Es spricht einiges dafür, dass sich die europäischen Kulturbeziehungen eher multilateral als nur bilateral entwickelten, wie es der historische Überlieferungsstand bislang vermuten ließ. Rom bietet sich nahezu ideal als Ausgangspunkt einer solchen Untersuchung an, insofern es in den Jahrzehnten vor der Französischen Revolution das vielleicht herausragende Carrefour l’Europe darstellte oder, in Goethes Worten, „die Hauptstadt der Welt“.

Die umfassende Rekonstruktion von Briefwechseln, wie sie jetzt im Falle Reiffensteins aus west- und osteuropäischen Archiven vorliegt, eröffnet eine Perspektive auf einen europäischen Kulturraum, in dem sich übergreifende kulturelle Angebote und Aktivitäten wie beispielsweise der Nachrichten-, Buch- und Kunsthandel entwickeln konnten. Besonders wichtig ist, die kosmopolitisch orientierten Verhaltens- und Geschmacksmuster zu erörtern. Dabei muss der Einfluss des Marktes, der Finanz- und Kommunikations- beziehungsweise Postsysteme auch im Umgang mit den frühneuzeitlichen Eliten berücksichtigt werden. Das umfassende diplomatische und kulturelle Agentennetzwerk Katharinas II. von Russland (reg. 1762–1796) belegt dies beispielhaft (Abb. 3). Angesichts eines stetig wachsenden Drucks infolge einer fortschreitenden Öffnung der Gesellschaft waren die Eliten des 18. Jahrhunderts gezwungen, sich kulturell neu zu formieren. Wie der Fall Voltaire belegt, waren sie schon längst nicht mehr in der Lage, diese gesellschaftliche Entwicklung zu kontrollieren. In diesem Kontext ist das Agententum ein vielversprechender Forschungsgegenstand. Aus ihm lässt sich ein Ansatz ableiten, der hilft, die Frage zu beantworten, wer in der ausgehenden Aufklärung im engeren Sinne die kulturellen Vorgaben machte, das heißt, wer den kulturellen Prozess – auch als Wissensprozess – überhaupt erst in Gang setzte.

Parallel zur institutionellen Ausgestaltung der europäischen Handelsmärkte im gleichen Zeitraum – aber auch unter dem Einfluss der einsetzenden Aufklärung – ist zu beobachten, wie das Handlungs- oder Aktionsprofil des Agenten immer professioneller und spezialisierter wird.

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St. Petersburg, Eremitage, Raffel-Loggien.

Originalveröffentlichungen

1.
H. Cools, M. Keblusek, B. Noldus, B. (Hg.):
BadelochYour Humble Servant. Agents in Early Modern Europe.
Hilversum 2006.
2.
M. Espagne:
Die Rolle der Mittler im Kulturtransfer.
In: Kulturtransfer im Epochenumbruch Frankreich – Deutschland 1770 bis 1815. (Hg.) H.-J. Lüsebrink, R. Reichardt. Bd. 1, 1997, 309–329.
3.
M. Espagne:
Transferts culturels triangulaires à l'époque des Lumières: Paris - Berlin - Saint-Pétersbourg.
In: Französische Kultur – Aufklärung in Preußen: Akten der internationalen Fachtagung vom 20./21. September 1996 in Potsdam. (Hg.) M. Fontius, J. Mondot. Berlin 2001, 55–67.
4.
Chr. Frank:
„Plus il y en aura, mieux ce sera“ – Caterina II di Russia e Anton Raphael Mengs. Sul ruolo degli agenti „cesarei“ Grimm e Reiffenstein.
In: Mengs. La scoperta del Neoclassico. (Hg.) S. Roettgen. Ausstellungskat., Palazzo Zabarella, Padua, 2001, 86-95.
5.
U. Kölving, J. de Booy, Chr. Frank:
Friedrich Melchior Grimm, Correspondance littéraire, tome 1, 1753-1754.
Edition critique par Ulla Kölving avec la collaboration de Jean de Booy et Christoph Frank, Ferney-Voltaire, 2006.
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