Anthropozän: Ablehnung neu aufgerollt
Forschende am Max-Planck-Institut für Geoanthropologie kritisieren, wie die Entscheidung gegen das Anthropozän als geologische Epoche zustande kam, und fordern eine unabhängige Überprüfung
Auf den Punkt gebracht
Streit um das Anthropozän: Die Internationale Union für Geowissenschaften (IUGS) lehnte 2024 den Vorschlag ab, das Anthropozän als neue geologische Epoche anzuerkennen, obwohl jahrzehntelange Forschungen den Einfluss des Menschen auf die Systeme der Erde belegen.
Kritik am Verfahren: Forschende des Max-Planck-Instituts für Geoanthropologie weisen auf verfahrensrechtliche Mängel hin, darunter mangelnde Transparenz und ein ungültiges Abstimmungsverfahren.
Fehlende Einsicht: Ein interner Ethikbericht, der sich mit den kritisierten Vorgängen befasst, ist laut den Autoren bis heute nicht öffentlich zugänglich.
Forschende des Max-Planck-Instituts für Geoanthropologie kritisieren in einem aktuellen Beitrag in Earth’s Future das Verfahren, mit dem das Anthropozän 2024 als neue geologische Epoche abgelehnt wurde. Sie fordern die Internationale Union für Geowissenschaften (IUGS) auf, relevante Unterlagen offenzulegen und den Entscheidungsprozess unabhängig überprüfen zu lassen.
Der Begriff Anthropozän wurde im Jahr 2000 geprägt und beschreibt den Menschen als maßgeblichen Treiber von Veränderungen im Erdsystem. Seitdem hat das Konzept in Wissenschaft, Gesellschaft, Kultur und Recht an Bedeutung gewonnen. Die Anthropocene Working Group (AWG) schlug vor, das Anthropozän auch formal als geologische Epoche anzuerkennen. Dieser Vorschlag wurde 2024 von der IUGS abgelehnt.
Ein aktueller wissenschaftlicher Kommentar von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Geoanthropologie (MPI-GEA) fordert die IUGS dazu auf, die relevanten Unterlagen vollständig offenzulegen und den Entscheidungsprozess einer unabhängigen Überprüfung zu unterziehen. Die Autoren dokumentieren darin Verfahrensverstöße, die ihrer Ansicht nach Zweifel an der Legitimität der Entscheidung der IUGS aufwerfen.
„Uns geht es nicht um die Ablehnung an sich. Ein Vorschlag kann durchaus zu Recht abgelehnt werden”, sagt Georg Schäfer, Erstautor des Artikels. „Das Problem ist, dass nie eine angemessene wissenschaftliche Begründung veröffentlicht wurde und schwerwiegende Vorwürfe über Unstimmigkeiten im Verfahren ungeklärt bleiben.”
Konkret kritisieren die Autoren das Begutachtungsverfahren, bei dem die AWG nach ihrer Darstellung keine Möglichkeit hatte, auf Kommentare zu reagieren oder ihren Vorschlag zu überarbeiten. Zudem stellen sie die Gültigkeit der Abstimmung infrage. Nach ihrer Auffassung war die Mehrheit der abgegebenen Stimmen nach den Regeln des zuständigen Gremiums ungültig. Ein interner Ethikbericht, der sich mit den kritisierten Vorgängen befasst, ist bis heute nicht öffentlich zugänglich.
„Der Vorschlag, das Anthropozän als geologische Epoche anzuerkennen, erfordert Transparenz und Verfahrenslegitimität”, sagt Jürgen Renn, Gründungsdirektor des MPI-GEA. „Wenn Entscheidungen über eine vom Menschen verursachte planetare Krise hinter verschlossenen Türen getroffen werden können, wichtige Dokumente zurückgehalten werden und die öffentliche Kommunikation vage oder widersprüchlich ist, dann wird die Fähigkeit der Geowissenschaften geschwächt, zum gesellschaftlichen Verständnis von Veränderungen im Erdsystem beizutragen.“













