Forschungsbericht 2025 - Kunsthistorisches Institut in Florenz - Max-Planck-Institut

Art Histories, Catastrophes, (Heritage), Ecologies [AC(H)E]: ein Kooperationsprojekt zur Rolle der Kunstgeschichte im Anthropozän

Autoren
Sterpetti, Lunarita; Wolf, Gerhard
Abteilungen

Kunsthistorisches Institut in Florenz - Max-Planck-Institut, Florenz, Italien

Zusammenfassung
Unser Projekt fragt in (trans-)disziplinärer Perspektive nach der Kunstgeschichte im Anthropozän. Dies schließt ein, ihre Methoden, Objekte und Forschungsfelder zu überdenken, und fragt nach ihrem potenziellen Beitrag zur Rettung des Planeten als Lebensraum von Menschen und nicht-menschlichen Organismen, von Biosphäre und Technosphäre. Unser Projekt beteiligt sich daran, eine ökologisch orientierte Kunstgeschichte als offene Agenda auszuarbeiten und zu etablieren, die konzeptionelle und empirische Arbeit miteinander verknüpft sowie Fragen von heritage und Umgang mit Katastrophen adressiert.

Kunstgeschichte angesichts der ökologischen Krise neu denken

Mit unserem Projekt zielen wir auf eine grundlegende Neuausrichtung der Methoden, Gegenstände und Untersuchungsfelder der Kunstgeschichte, um das Potenzial der Disziplin im Umgang mit den Herausforderungen der ökologischen Krise(n) sichtbar zu machen: den Schutz des Planeten, verstanden als prekäre Umwelt von menschlichen und nicht-menschlichen Protagonisten, von Biosphäre und Technosphäre. Diese Perspektiven werden in eine umfassende Reflexion über Umwelten integriert, die die europäische Tradition, in der ökologische und ästhetische Theorien vielfach miteinander verflochten sind, mit einer kritischen Analyse zeitgenössischer Diskurse in einer transkulturellen Perspektive in Dialog bringt. In diesem Rahmen verknüpfen wir Restaurierungstheorien, das Konzept lebendiger Materie, Raumforschung sowie unterschiedliche Wissenssysteme, einschließlich der Denkmodelle und Praktiken indigener Kulturen.

Auf diese Weise trägt unser Projekt zur Etablierung einer Eco-Art History bei, verstanden als kollaboratives Unterfangen und als offene Agenda, die konzeptuelle und empirische Arbeit miteinander verbindet. Sein zentrales Interesse gilt der „Zukunft der Vergangenheiten“: Statt die künstlerische Produktion oder das „Machen“ von Artefakten zu rekonstruieren, rückt es die Geschichte und den gegenwärtigen Zustand von Monumenten und Objekten aller Art in den Fokus. AC(H)E schließt daher die Geschichte der Konservierung, die damit verbundenen Theorien und Praktiken sowie die Politiken und Prozesse der Touristifizierung von heritage ein (das „H“ in Klammern im Projekttitel). Ziel ist es, die Zusammenarbeit zwischen Kunstgeschichte, Heritage Studies und den an der Verwaltung von Monumenten und Orten beteiligten Akteur:innen unter den Bedingungen der ökologischen Krise zu intensivieren.

Die Kunstgeschichte, wie wir sie in unserem Projekt verstehen, umfasst alle visuellen Medien und Modi der Bildproduktion ebenso wie Design und Architektur, auch Städtebau und Landschaftsarchitektur. Im Zentrum des Interesses stehen die Wechselbeziehungen zwischen Repräsentationen, Medialisierungsprozessen und materiellen Manifestationen. Von grundlegender Bedeutung ist die Feldforschung, die sich in Workshops, kürzeren Aufenthalten an spezifischen Orten sowie im Aufbau lokaler Netzwerke entfaltet. Diese dienen dem Austausch mit Gemeinschaften, die von katastrophalen Ereignissen der Vergangenheit und Gegenwart betroffen sind, und der Analyse sowohl unmittelbarer Reaktionen als auch langfristiger Prozesse der Memorialisierung.

Von der postkatastrophischen Rekonstruktion zur Ökologie der Bilder

AC(H)E konzentriert sich auf historische und zeitgenössische Katastrophen – Erdbeben, Pandemien, Vulkanausbrüche und Überschwemmungen – durch Feldforschung in katastrophischen und postkatastrophischen Kontexten, auf die Beteiligung an Debatten über nachhaltige Rekonstruktion und auf die Neubewertung der Rolle von Monumenten und Artefakten als integraler Bestandteile von Territorien und Umwelt. Unser Projekt analysiert, wie Landschaften historisch durch agrarische, pastorale oder touristische Ökonomien geprägt wurden, die besonders anfällig für ökologische Krisen sind, und untersucht die Auswirkungen von Praktiken und Politiken des care ebenso wie die Rolle von Imaging – Fotografie, digitalen Medien und Visualisierungen – in der öffentlichen Darstellung postkatastrophischer Umwelten. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Einbindung von Gemeinschaften und den Spannungen zwischen symbolischen Werten, institutionellen Eingriffen und lokalem Gedächtnis. In diesem Sinne fördert AC(H)E ein aktives, forschungsgeleitetes Engagement der Kunstgeschichte, etwa im Hinblick auf gefährdetes Kulturerbe und die Entwicklung einer Ökologie der Bilder im öffentlichen Raum, in sozialen Medien und anderen medialen Kontexten.

Gemeinsam forschen: von postseismischen Bildern zum institutionellen Gedächtnis

In diesem Gesamtrahmen werden die Forschungen der Wissenschaftler:innen von AC(H)E realisiert: von den von Saida Bondini untersuchten postseismischen Bildern, verstanden nicht als bloße Dokumentation, sondern als aktive Medien der Vermittlung, Resilienz und des Widerstands, über die von Marian Berthoud analysierten urbanen Transformationen nach den Erdbeben von Manila (1645) und Ostsizilien (1693) bis hin zur digitalen Kartierung des Erdbebens von L’Aquila (1703), die Chiara Capulli mithilfe von GIS und 3D-Rekonstruktionen in einer Verbindung von Kunstgeschichte und Digital Humanities entwickelt. Katherine Mills untersucht die materielle und soziale Rekonstruktion von Cuzco nach dem Erdbeben von 1650 und hebt die Rolle heterogener Handwerksgemeinschaften sowie die lokal-transregionale Dimension der urbanen Erneuerung hervor. Parul Singh analysiert die raumzeitlichen Ökologien der Pilgerpraktiken in Ayodhya und Varanasi, Nils Weber untersucht die Quarantänearchitektur im Mittelmeerraum als transregionale Antwort auf Pandemien, Ráhel Gyöngyvér Győrffy reflektiert über die instabilen Topografien der Erinnerung in Gibellina Nuova als posttraumatische Architektur. Lunarita Sterpetti forscht zum komplexen Verhältnis zwischen institutionellen Narrativen und lokalem Gedächtnis im Gebiet des Somma-Vesuvs anhand von Fallstudien zum Palazzo Medici in Ottaviano und dem Hotel Eremo und schlägt einen öko-ethischen Ansatz zum Kulturerbe vor. Gerhard Wolf befasst sich u. a. mit der theoretischen Konzeptualisierung des Projekts und der Rolle von Fotografie im öffentlichen Raum in postkatastrophischen Städten und Gemeinden.

Neben diesen individuellen Forschungen ist AC(H)E das Projekt The Southern Caucasus Regions: Heritage, Landscape and Narratives assoziiert, das gemeinsam von Annette Hoffmann, Gerhard Wolf, Ekaterina Gedevanishvili und Irene Giviashvili bearbeitet wird.

In ihrer Gesamtheit entwerfen diese Studien ein gemeinsames Forschungsfeld, in dem Katastrophen als Linse dienen, um Prozesse der heritage-Bildung als Teil von environments, Praktiken von care, Erinnerungspolitiken sowie die Beziehungen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren zu untersuchen.

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