Was Sand über Gesellschaft, Macht und Küsten verrät

Die Forschungsgruppe S.AND am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung untersucht, wie Sand das Leben in Küstenregionen prägt

Auf den Punkt gebracht

  • Sand und Gesellschaft: Sand prägt das Leben in Küstenregionen stark, etwa als Baustoff und Grenze zwischen Meer und Land, und spiegelt soziale, politische und ökologische Verhältnisse wider.
  • Wirtschaftliche Bedeutung: Sandabbau bietet vielen Menschen in Küstenregionen und ländlichen Gebieten eine Lebensgrundlage. Das ist aber auch mit sozialen und ökologischen Herausforderungen verbunden.
  • Forschungsansatz: Die Forschungsgruppe S.AND untersucht die sozialen und politischen Wechselwirkungen zwischen Menschen und Sand in Küstenregionen am Indischen Ozean.

Text: Sabine Fischer

Hinter dem Strand beginnen die Mauern. Mombasa, eine der wichtigsten Hafenstädte Kenias, lockt mit ihren Sandstränden seit Langem Urlauberinnen und Urlauber an. An die Küstenlinie der Stadt drängen sich zahlreiche Hotels, die vor Gezeiten, Erosion und dem steigenden Meeresspiegel geschützt werden sollen. Deshalb bauen Betreibende hohe Mauern, die sie häufig erneuern und ausbessern müssen – ein endloser Wettbewerb mit der Natur. 

Die Fischereicommunity in Mombasa sieht das kritisch. Auch sie ist auf den Zugang zum Strand angewiesen: An den sogenannten „Fish Landing Sites“ legen ihre Boote an. Ein Fischer erzählt Teresa Cremer, Doktorandin am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung und Mitglied der DFG-Emmy-Forschungsgruppe S.AND, dass sein Platz durch die Hotels verdrängt werde. „Er war ratlos, warum die Hotelbetreibenden so nah am Wasser bauen und auf vermeintliche Schutzmaßnahmen wie Mauern setzen, die der Kraft des Meeres langfristig nicht standhalten“, so Cremer.

Wie prägt Sand das Leben in Küstenregionen?

Für viele Menschen in Mombasa ist Sand ein zentraler Bestandteil des urbanen Lebens, ob als Baustoff für die Stadtentwicklung oder als fließende Grenze zwischen Meer und Land. Am Strand manifestieren sich im Leben mit dem Rohstoff ökologische, soziale oder politische Gemengelagen. Damit ist die Stadt keine Ausnahme: Weltweit werden Küstenregionen von ihrer Beziehung zu Sand geprägt.

„Wir wollen verstehen, wie Sand das Leben in diesen Regionen prägt und welche Wechselwirkungen es dabei gibt“, sagt Lukas Ley, der die Forschungsgruppe S.AND leitet. Gemeinsam mit drei Doktorandinnen und Doktoranden nimmt er Küstenregionen, vor allem am Indischen Ozean, unter die Lupe: Welche sozialen Praktiken, welche politischen und ökonomischen Beziehungen, Reibungen und Netzwerke entstehen durch die Beziehung zwischen Mensch und Sand vor Ort? Insbesondere interessiert die Gruppe sich für die soziale Dimension von Sand: „Wie Personen damit in Berührung kommen, ist kein Zufall. Das hat mit Machtverhältnissen und Geschichte zu tun und spiegelt gesellschaftliche Verhältnisse“, so Ley.

Beobachten und Analysieren: Sozialwissenschaft erkundet die Beziehung von Mensch und Sand

Auf Forschungsreisen nähern sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dem Thema an. Sie werden zu begleitende Beobachtenden, werten Archivmaterial aus und führen Interviews durch. „Als Sozialwissenschaftler*innen versuchen wir, das Prozesshafte einzufangen. Dafür nutzen wir keine statistischen Daten, sondern versuchen zu verstehen, wie Kultur praktiziert wird und wie Bedeutung entsteht“, fasst Ley zusammen.

Wie individuell die Küstenregionen von ihrer Beziehung zu Sand geprägt werden, zeigt ein Blick in die Forschung der Teammitglieder von S.AND. „Selbst wenn Sand oft eine ähnliche Art von Infrastruktur schafft, bedeutet er an jedem Ort etwas anderes und verhilft Menschen zu unterschiedlichen Chancen und Sichtweisen“, erklärt Ley. In Marseille zum Beispiel werden rund 20.000 Tonnen Sand und feineres Sediment jährlich aus kleineren städtischen Häfen entfernt. Doch als Baumaterial sind diese Sedimente aufgrund ihrer feinen Körnung und Verschmutzung unbrauchbar. „Das Sediment wird lediglich abgetragen, damit sich Hafen- und Stadtinfrastruktur dort weiterentwickeln können“, sagt Ley.

Von Marseille bis Mombasa: Sand bedeutet an jedem Ort etwas anderes

Während der überschüssige Sand bis zum Jahr 2000 oft zurück ins Meer gekippt werden konnte, verbieten heute strengere Gesetze dieses Vorgehen und stellen die Küstenregion vor die Frage: Wohin mit den Sedimenten, die mit Schwermetallen belastet sind oder denen für Menschen gefährliche Chemikalien anhaften? „Für meine Forschung begleite ich Abgrabungen und beobachte, wie punktuell gegen die Verunreinigung der Küstengewässer angegangen wird.“

Auch Teresa Cremers Forschung in Mombasa zeigt, wie tiefgreifend die Region von ihrer Beziehung zu Sand durchzogen ist. Das Geflecht lässt sich bis ins Landesinnere verfolgen. Am Straßenrand entdeckte Cremer Märkte, auf denen Händler Sand und andere Baumaterialien verkauften. „Das sind trubelige Orte, an denen Menschen direkt mit Sand in Kontakt kommen. Viele der jungen Männer dort machen Witze, dass sie durch das Sandschleppen nicht mehr im Fitnessstudio trainieren müssen“, erzählt sie. Die Menschen hätten hier Räume eingenommen, die ihnen die Stadt offiziell nicht zur Verfügung stelle. Daran erkenne man, wem im städtischen Raum Sichtbarkeit zugesprochen werde – und wem nicht.

„Für viele Menschen ist die Arbeit mit Sand zu ihrem Lebensunterhalt geworden“

Ein Stück weiter im ländlichen Raum liegen zudem Sandabbaugebiete, in denen teils bis zu 15 Meter tiefe Kuhlen  zerklüftete Kraterlandschaften bilden. „Das Land liegt nicht nur in der Hand eines einzigen Investors, sondern es entscheiden sich häufig Familien selbst, ihr Stück Land zu verkaufen und für den Abbau freizugeben“, sagt Cremer. Für viele Personen vor Ort werden diese futuristischen Landschaften so zu ihrem Arbeitsplatz, angekurbelt durch den konstanten Druck und Bedarf der Bauindustrie an diesem zentralen Rohstoff. „Für sie ist das ihr Lebensunterhalt geworden“, so Cremer.

Inzwischen ist sie wieder zurück in Deutschland. Auch die anderen Teammitglieder haben ihre Feldforschung abgeschlossen und arbeiten daran, ihre Beobachtungen aufzuarbeiten. „Das ist ein Analyseprozess, den wir sowohl im Austausch als auch individuell angehen, und bei dem wir jetzt unsere Transkriptionen und Feldnotizen auswerten“, sagt Ley.

Die ungekürzte Version des Artikels finden Sie im Magazin MaxPlanckForschung Ausgabe 2, 2026.

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