Doris Tsao und Winrich Freiwald erhalten den International Prize for Translational Neuroscience
Forschende werden für ihre wegweisenden Erkenntnisse zu den neuronalen Grundlagen der Gesichts- und Objekterkennung geehrt
Auf den Punkt gebracht
- Doris Tsao von der University of California, Berkeley, und Winrich Freiwald von der Rockefeller University in New York werden mit dem Preis für Translationale Neurowissenschaften 2026 der Gertrud Reemtsma Stiftung ausgezeichnet.
- Die Preisträger erhalten den Preis für ihre Erforschung der neuronalen Prozesse im Gehirn zur Erkennung von Gesichtern und dem daraus folgenden Sozialverhalten. Ihre Erkenntnisse haben zentrale Bedeutung für die Entwicklung neuer Therapien bei neurologischen und psychischen Erkrankungen.
- Die Preisverleihung findet am 25. Juni 2026 im Bucerius Kunst Forum in Hamburg statt.
Doris Tsao und Winrich Freiwald haben aufgedeckt, wie das menschliche Gehirn Gesichter erkennt, und ein Netzwerk aus sechs miteinander hierarchisch verknüpften Hirnarealen identifiziert, das sogenannte „Face-Patch-System“. Doris Tsao hat den Code entziffert, mit dem wenige spezialisierte Nervenzellen im Temporallappen der Hirnrinde die Vielfalt an Gesichtern repräsentieren. Sie hat also das Wörterbuch entdeckt, das die Aktivität dieser Nervenzellen gewissermaßen in einzelne Gesichter übersetzt. Mithilfe dieses Wörterbuchs ist es ihr und ihrem Team gelungen, anhand der Aktivität der Nervenzellnetzwerke zu rekonstruieren, welches Gesicht gesehen wurde. Diese Netzwerke sind Teil eines umfassenden Systems zur Identifizierung von Objekten. Die Erkenntnisse tragen zu unserem Verständnis darüber bei, wie das Gehirn Gesichter und andere komplexe Objekte so exakt erkennen kann. Darüber hinaus eröffnen sie neue Wege für die Behandlung von Störungen wie der Gesichtsblindheit (Prosopagnosie) und tragen zur Entwicklung von Neuroprothesen bei.
Winrich Freiwald hat zusammen mit Doris Tsao entdeckt, dass visuelle Informationen schrittweise zu stabilen Repräsentationen eines Gesichts abstrahiert werden. Weiter hinten liegende Areale der Hirnrinde verarbeiten dabei Details, die vom Blickwinkel des Betrachters abhängen. In den mittleren Regionen sind die Gesichtsmerkmale bereits teilweise unabhängig von der Perspektive, bis sie in den vorderen Arealen vollständig unabhängig vom Blickwinkel sind. Seine Arbeiten belegen zudem, dass Gesichter durch die Aktivität von Nervenzellgruppen repräsentiert werden. Darüber hinaus hat er aufgedeckt, wie die Erkennung von Gesichtern mit Gedächtnis, Gefühlen und Sozialverhalten verknüpft ist. Er hat beispielsweise Nervenzellen am vorderen Ende des Schläfenlappens identifiziert, die selektiv auf vertraute Personen reagieren. Dies zeigt, wie visuelle Wahrnehmung mit Gedächtnisinhalten verknüpft wird. Die Erkenntnisse sind auch hilfreich für das Verständnis von neurologischen Erkrankungen wie Autismus-Spektrum-Störungen, bei denen die Verbindung zwischen Wahrnehmung und Sozialverhalten beeinträchtigt ist.
Der Preis für Translationale Neurowissenschaften der Gertrud Reemtsma Stiftung wird jährlich an zwei Forschende vergeben, die mit ihren grundlegenden neurowissenschaftlichen Erkenntnissen maßgebliche Impulse für die klinische Praxis gegeben haben. Der Preis ist mit 60.000 Euro dotiert.
Über die Preisträger
Doris Tsao leitete nach ihrem Studium am California Institute of Technology und ihrer Promotion an der Universität Harvard zwischen 2004 und 2008 eine Forschungsgruppe an der Universität Bremen. Anschließend kehrte sie ans California Institute of Technology zurück. Seit 2021 ist Doris Tsao Professorin an der Universität von Kalifornien in Berkeley. Sie ist darüber hinaus leitende Wissenschaftlerin von Astera Neuro – einer Forschungsinitiative des Astera Institute, die darauf abzielt, grundlegende Geheimnisse des Gehirns zu entschlüsseln.
Winrich Freiwald hat an der Georg-August-Universität Göttingen und der Eberhard-Karls-Universität Tübingen studiert und am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt promoviert. Nach Forschungsaufenthalten am MIT und der Harvard University leitete er von 2004 bis 2008 eine Forschungsgruppe an der Universität Bremen. Seit 2009 arbeitet er an der Rockefeller Universität in New York.












