Kuddelmuddel der Kulturen

Basira Mir Makhamad vom Max-Planck-Institut für Geoanthropologie in Jena reist für ihre Forschung regelmäßig nach Zentralasien. Anhand von Pflanzensamen, die sie an archäologischen Ausgrabungsstätten entlang der Seidenstraße findet, rekonstruiert die gebürtige Kirgisin die Entwicklung der Landwirtschaft und die Ernährungsgewohnheiten ihrer Vorfahren.

Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Fragen wie diese sind für einen Teenager wohl ganz normal. Für mich waren sie damals von zentraler Bedeutung: Ich stamme aus Kirgisistan und bin in einer multikulturellen Familie auf gewachsen, mit einer russischstämmigen Mutter und einem afghanischen Vater. Christliche Feste haben wir genauso gefeiert wie muslimische, und neben meiner Muttersprache Russisch habe ich als Kind auch Kirgisisch und ein bisschen Farsi gelernt. Dieses kulturelle Kuddelmuddel war letztlich wohl der Grund dafür, dass ich Archäobotanikerin geworden bin: Ich wollte mehr über die Vergangenheit meiner Vorfahren und damit meine eigene Identität erfahren.

Nach der Schule habe ich mich an der American University of Central Asia in Bischkek für ein Anthropologiestudium beworben. Viermal bin ich abgelehnt worden, weil mein Englisch nicht gut genug war. Ich habe mich aber nicht davon abbringen lassen und es ein fünftes Mal probiert. Schließlich dachten sie wohl, wenn jemand so verrückt ist, dann spricht das für echtes Interesse und Durchhaltevermögen. Ich bekam den Studienplatz und durfte dazu auch noch kostenfrei studieren.

Die Überreste von Pflanzen aus früheren Zeiten sind wie ein Fenster in die Vergangenheit: Mit ihrer Hilfe können wir nicht nur herausfinden, was die Menschen damals angebaut und gegessen haben. Wir können auch die alten Handelswege nachvollziehen und zeigen, wie sich Ernährung und Landwirtschaft mit der Zeit verändert haben, nicht zuletzt aufgrund des trockener werdenden Klimas. Das liefert uns wertvolle Hinweise für die Gegenwart, ganz besonders in Zeiten der Erderwärmung. Für meine Forschung reise ich zu verschiedenen Grabungsorten in Zentralasien, darunter Buchara im Südwesten Usbekistans, wo bereits seit mindestens 2500 Jahren Menschen siedeln. Die wunderschöne Altstadt Bucharas zählt heute zum Unesco-Weltkulturerbe. Die Grabungsstätte liegt im Stadtzentrum, in der Nähe der Zitadelle. Während die Archäologen dort nach menschlichen Artefakten graben, sammle ich das Sediment von Feuerstellen und aus Sickergruben. Die Ablagerungen enthalten Nahrungsreste und Fäkalien und damit auch Getreidekörner, Samen von Gewürzpflanzen oder Obstkerne, die dort seit Jahrhunderten schlummern. Schicht für Schicht arbeite ich mich in die Vergangenheit vor, bis in die Zeit von Dschingis Khan und weit darüber hinaus. Um die Pflanzenreste herauszulösen, nutze ich das Flotations verfahren: Dabei wird das Sediment mit Wasser aufgeschlämmt, sodass die schweren mineralischen Bestandteile zu Boden sinken, während sich die leichteren Samen an der Oberfläche sammeln. Mit einem feinen Sieb schöpfe ich sie ab und breite sie zum Trocknen aus.

Als Nächstes geht es darum, die Funde zu identifizieren. Und damit fängt die Arbeit erst richtig an! Noch vor Kurzem saß ich dafür bis zu 10 Stunden ununterbrochen am Mikroskop. Schließlich hat meine Augenärztin ein Machtwort gesprochen: Weil sich meine Kurzsichtigkeit dadurch stark verschlechtert hatte, darf ich mittlerweile nur noch zwei Stunden am Stück ins Mikroskop schauen und muss meine Augen zwischendurch mit anderen Tätigkeiten entlasten. Doch trotz des mühsamen Auszählens: Es macht mich traurig, dass die traditionellen Methoden der Archäobotanik mehr und mehr verschwinden – und das, ob wohl sie kostengünstig und dabei sehr zuverlässig sind. Stattdessen fließen Fördermittel größtenteils in Projekte, die auf molekulare Verfahren setzen. Führende Wissenschafts-einrichtungen, darunter unser Institut, geben ihre archäobotanische Forschung auf.

In meiner Heimat hat man es als Archäobotanikerin erst recht nicht leicht: Frauen sollen am besten zu Hause bleiben, allenfalls Lehrerin, Kindergärtnerin oder Ärztin werden. Meine Arbeit wird dagegen nicht ernst genommen: Wenn ich Leuten davon erzähle, kommt etwa der Kommentar, ob ich nicht lieber mal vor beikommen und den Garten umgraben will. Selbst in meiner aufgeschlossenen Familie gab es anfangs viele Diskussionen: Mein Vater träumte davon, dass ich eine Diplomatenlaufbahn einschlage, meine Mutter wollte, dass ich Medizin studiere. Meiner Großmutter wäre es am liebsten gewesen, wenn ich in ihre Fuß stapfen getreten und Buchhalterin geworden wäre. Mittlerweile haben sich aber alle damit abgefunden, dass ich meinen eigenen Weg gehe. Und sollte es mit der Wissenschaft auf Dauer doch nicht klappen, wäre Buchhaltung ja immer noch eine Option, meint meine Oma. 

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