VR-Simulationen können langfristiges Denken steigern

Eine Studie zeigt, wie digitale Werkzeuge helfen, eine Vorstellung von der eigenen Zukunft zu entwickeln

10. Juni 2026

Auf den Punkt gebracht:

  • Zukunftsorientierung: Digitale Methoden wie Smartphone-Apps und Virtual Reality (VR) helfen, die Verbindung zum zukünftigen Selbst zu stärken und fördern langfristiges Denken und Zielerreichung.
  • Zielerreichungen im Fokus: 321 Studierende nutzten drei verschiedene Möglichkeiten zur Zielerreichung; in einer Gruppe arbeiteten die Teilnehmenden mit einer Smartphone-App, in einer anderen nutzten sie Virtual-Reality-Technologie. Beide digitalen Gruppen verbesserten ihre Identifikation mit dem zukünftigen Selbst, Effekte hielten teilweise bis zu sechs Monate an.  VR ermöglichte eine intensivere Erfahrung durch Perspektivenwechsel auf das eigene Zukunfts-Ich.
  • Anwendung: Digitale Interventionen könnten Bildung und Gesundheitsvorsorge stärken, indem sie junge Erwachsene in wichtigen Lebensphasen unterstützen und Resilienz sowie Wohlbefinden fördern.

Zukunftsorientiertes Denken ist wichtig für kluge Entscheidungen, Studienerfolg und psychisches Wohlbefinden. Trotzdem fällt es vielen Menschen schwer, im Sinne ihres zukünftigen Selbst zu handeln, und sie entscheiden sich häufig lieber für schnelle Belohnungen als für langfristige Vorteile. Ein Forschungsteam rund um den Max-Planck-Wissenschaftler Jean-Louis van Gelder hat nun untersucht, wie digitale Interventionen helfen können, die Verbindung zum späteren Ich zu stärken. Die Studie ist in der Fachzeitschrift Journal of Medical Internet Research erschienen. 

Für die Studie hat das Team 321 Erstsemesterstudierende zufällig auf drei Gruppen verteilt. Ihre Aufgabe bestand darin, sich persönliche Ziele zu setzen: eines für das kommende Jahr und ein weiteres für den kommenden Monat. Darüber hinaus legten sie ein Ziel für die kommende Woche fest, als ersten Schritt zur Erreichung ihres Monatsziels. Der Forschenden unterstützte sie bei der Formulierung dieser Ziele und stellten sicher, dass die gesetzten Ziele konkret, messbar und anspruchsvoll (aber dennoch erreichbar) waren.  Eine Gruppe nutzte dafür eine Smartphone-App, eine anderen nutzte Virtual-Reality-Technologie. Die Kontrollgruppe setzte ihre Ziele auf andere Weise.

Über einen Zeitraum von drei Wochen beschäftigten sich die Teilnehmenden der App- und VR-Gruppen mit digitalen Avataren ihres zukünftigen Ichs, führten angeleitete Gespräche und reflektierten in Übungen über ihr späteres Leben. Die VR-Technik ermöglichte es darüber hinaus, die Perspektive des eigenen Zukunfts-Ichs einzunehmen, was die Erfahrung noch intensiver machte.

Die Ergebnisse zeigen: In beiden Gruppen mit digitaler Unterstützung wuchs die Identifikation mit dem eigenen zukünftigen Ich spürbar an. Die Teilnehmenden fühlten sich stärker mit ihrem späteren Selbst verbunden, ihr Bild davon wurde klarer und sie erlebten die Vorstellung ihres künftigen Ichs intensiver. Besonders während der dreiwöchigen Intervention waren diese Effekte deutlich, teilweise ließen sie sich auch noch sechs Monate später beobachten – vor allem, was die Gefühlslage gegenüber dem eigenen zukünftigen Ich betrifft.

Ein weiterer wichtiger Befund: Die Teilnehmenden der VR-Gruppe konnten ihre Ziele häufiger erreichen. Wer mit VR arbeitete, berichtete deutlich bessere wöchentliche Zielerfolge. Das lässt darauf schließen, dass immersive digitale Erlebnisse psychologische Veränderungen schneller in konkretes Handeln übersetzen. Im Gegensatz dazu ließ sich dieser Effekt in der App-Gruppe nicht feststellen. Wahrscheinlich hatte das auch damit zu tun, dass die VR-Gruppe persönliche Begleitung und strukturiertes Feedback erhielt, während die App-Gruppe größtenteils selbstständig arbeitete.

Menschen erleben ihre Zukunft, statt sie sich nur auszumalen – das macht es gerade für jene einfacher, denen langfristige Planung sonst schwerfällt.
Jean-Louis van Gelder

Jean-Louis van Gelder, einer der Autoren der Studie, sieht großes Potenzial in diesen digitalen Methoden: „Wenn Menschen ihr zukünftiges Selbst nicht nur sehen und hören, sondern sogar selbst werden können, wird die Zukunft plötzlich greifbar.“ Er unterstreicht: „Der echte Gewinn steckt nicht allein in der Technik. Entscheidend ist, dass sie das Nachdenken über die eigene Zukunft erleichtert. Menschen erleben ihre Zukunft, statt sie sich nur auszumalen – das macht es gerade für jene einfacher, denen langfristige Planung sonst schwerfällt.“

Zwar zeigte sich durch die Intervention kein Einfluss auf Bereiche wie selbstschädigendes Verhalten, Impulsivität oder Studienleistungen, doch die kurzfristigen Verbesserungen bei der Identifikation mit dem späteren Ich und beim Engagement für Ziele sind vielversprechend. Digitale Werkzeuge könnten so einen leicht zugänglichen und wirksamen Einstieg bieten, um langfristige Ziele und Wohlbefinden zu fördern – insbesondere in der Bildung und Gesundheitsvorsorge.

Gesellschaftliche Bedeutung

Diese Ergebnisse eröffnen neue Chancen, junge Erwachsene in entscheidenden Lebensphasen wie dem Studienstart oder dem Einstieg ins Berufsleben zu unterstützen. Digitale Interventionen machen zukunftsorientiertes Denken greifbarer und intensiv. Schulen, Hochschulen und Gesundheitseinrichtungen könnten solche Methoden nutzen, um ihre Zielgruppen widerstandsfähiger zu machen, ihre Leistungen zu steigern und Risiken zu verringern. Werden diese digitalen Ansätze weiterentwickelt, könnten sie zu effektiven Werkzeugen werden, mit denen Menschen ihr ganzes Leben lang ihre Ziele verfolgen und ihr Wohlbefinden stärken.

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