Paranthropus und Australopithecus in Südafrika bewegten sich unterschiedlich fort

Anders als ältere Australopithecus im südlichen Afrika kombinierte Paranthropus robustus aufrechten Gang mit häufigem Klettern

11. Mai 2026

Auf den Punkt gebracht 

  • Unterschiede in der Fortbewegung: Die innere Knochenstruktur der unteren Extremität von Paranthropus robustus ähnelt stärker der afrikanischer Menschenaffen. Dies deutet auf eine häufigere Beugung von Sprunggelenk, Knie und Hüfte hin, was für das Klettern erforderlich ist, als bei Australopithecus aus Sterkfontein. P. robustus könnte an ein vielfältigeres Fortbewegungsrepertoire bei kleinerem Aktionsraum angepasst gewesen sein, während Australopithecus aus Sterkfontein offenbar konsequenter aufrecht am Boden fortbewegte.
  • Eigene ökologische NischeP. robustus verband offenbar den aufrechten Gang am Boden mit häufigem Klettern – im Unterschied zu Australopithecus, der offenbar stärker auf zweibeinige Fortbewegung angewiesen war. Die beiden Taxa nutzten daher unterschiedliche ökologische Nischen. Diese Ergebnisse werfen zudem die Frage auf, ob auch Paranthropus boisei in Ostafrika häufig stark gebeugte Haltungen von Hüfte, Knie und Sprunggelenk einnahm – und damit, ob ähnliche Bewegungsmuster möglicherweise für die Gattung im weiteren Sinne charakteristisch waren.
  • Nicht-lineare Evolution: Die Hinweise auf häufiges Klettern bei P. robustus, der später als Australopithecus aus Sterkofontein lebte, deuten auf eine nicht-lineare Entwicklung der Zweibeinigkeit in der Homininenlinie.

Paranthropus robustus war eine frühe Homininenart, die vor etwa zwei Millionen Jahren im südlichen Afrika lebte. Sie existierte zeitgleich mit frühen Vertretern Homo, jener Gruppe, die direkt zum modernen Menschen führte, und folgte auf ältere Homininen wie Australopithecus aus Sterkfontein Member 4, die vor rund 3,5 bis 3,4 Millionen Jahren lebten. Die Seltenheit gut erhaltener, artdiagnostischer Skelettelemente jenseits des Schädels hat die Rekonstruktion der Biologie von P. robustus im südafrikanischen Fossilbestand lange erschwert.

Viele fossile Funde von P. robustus stammen aus der Swartkrans-Höhle, einer Fundstätte für fossile Homininen unweit von Johannesburg und Pretoria in Südafrika. Seit Beginn der Forschungsarbeiten in Swartkrans im Jahr 1948 wurden dort zahlreiche Schädel- und Zahnreste geborgen, die dieser Art zugeschrieben werden. Auf ihrer Grundlage konnten bereits viele Erkenntnisse über die Ernährung und mögliche soziale Organisation von P. robustus gewonnen werden. So deuten die extrem kräftigen Kiefer und der dicke Zahnschmelz von P. robustus darauf hin, dass diese Art auch mit minderwertiger Nahrung zurechtkam, die schwer zu kauen war. Viele Australopithecus-Funde aus Sterkfontein, etwa einen Kilometer von der Swartkrans-Höhle entfernt, weisen dagegen weniger spezialisierte Kiefer und Zähne auf. Dies legt nahe, dass sie wahrscheinlich weniger stark auf derart mechanisch anspruchsvolle Nahrung angewiesen waren.

Obwohl frühere Studien auf Gestaltunterschiede hingewiesen haben, ging man lange davon aus, dass die Fortbewegung beider Gruppen insgesamt recht ähnlich war. Die Morphologie ihrer unteren Extremitäten deutete auf Zweibeinigkeit als wichtigste Form der Fortbewegung am Boden hin, während Merkmale der oberen Extremitäten auf einen Anteil an Aktivität in den Bäumen schließen ließen.

Vor Kurzem wurde eine zusammengehörige untere Extremität aus Swartkrans Member 1, bestehend aus einem Teil des Beckens, einem nahezu vollständigen Oberschenkelknochen und einem vollständigen Schienbein, P. robustus zugeordnet. Dieser Fund eröffnet erstmals tiefere Einblicke in die Lebensweise dieser Art. Während die äußere Form der Knochen klare Anpassungen an den aufrechten Gang erkennen lässt, untersuchten Cazenave et al. (2026) die Knochendicke und die innere Kochenstruktur, um zu erforschen wie sich P. robustus in seiner Umwelt fortbewegte. Das anpassungsfähige Knochengewebe reagiert auf mechanische Belastung oder Beanspruchung von Knochen und Gelenken während des Lebens.

Was lernen wir aus den neuen Erkenntnissen?

Die meisten P. robustus-Fossilien sind Schädel und Zähne. Über das Aussehen des übrigen Skeletts ist deutlich weniger bekannt. Die ersten zusammengehörigen Hüft-, Oberschenkel- und Schienbeinknochen von Paranthropus robustus (SWT1/HR-2), liefern daher dringend benötigte Informationen über den Bau der unteren Extremität dieser Art und auch darüber, wie sie sich in ihrer Umwelt fortbewegte.

Ein internationales Forschungsteam, dem auch mehrere Forschende aus der Abteilung für Menschliche Ursprünge am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig angehören, zeigt nun, dass die innere Knochenstruktur von Hüfte, Knie und Sprunggelenk dieses Individuums derjenigen heutiger afrikanischer Menschenaffen ähnelt. Marine Cazenave erklärt: „Diese Ergebnisse zeigen, dass P. robustus zwar zweifellos zweibeinig war, während seines Lebens aber auch häufiger stärker gebeugte Haltungen von Hüfte, Knie und Sprunggelenk einnahm – und damit Haltungen, die für das Klettern notwendig sind. Dies war offenbar deutlich ausgeprägter als bei den älteren Australopithecus-Arten aus derselben Region.“ Travis Rayne Pickering, Professor an der University of Wisconsin–Madison und leitender Forscher in Swartkrans, ergänzt: „Zusammen mit den Unterschieden, die an Schädeln und Zähnen der beiden Taxa beobachtet wurden, deuten die vorliegenden Ergebnisse darauf hin, dass P. robustus aus Swartkrans Member 1 eine andere ökologische Nische nutzte als Australopithecus aus Sterkfontein Member 4.“

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