Rätsel aus der Frühzeit des Universums
Jinyi Shangguan, ehemals Wissenschaftler am Garchinger Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik, hat die Leitung einer Max-Planck-Partnergruppe am Kavli-Institut der Universität Peking übernommen. Gemeinsam mit seinem Team erforscht er supermassereiche schwarze Löcher – rätselhafte Objekte aus der Frühzeit unseres Universums.
Das Paranal-Observatorium in der chilenischen Atacamawüste ist für Astronominnen und Astronomen ein Traum: Fernab jeglicher Lichtverschmutzung und in großer Höhe gelegen, zählen die Beobachtungsbedingungen zu den besten der Welt. Ganz anders in meiner Heimat: Ich stamme aus Guiyang im Südwesten Chinas. Dort ist es oft neblig, und der Himmel ist bedeckt – für Sterngucker ein schwieriges Terrain. Als Kind lag meine Begeisterung für Astronomie daher also noch buchstäblich in den Sternen. An den Naturwissenschaften war ich aber schon früh interessiert. Meine Eltern haben mich gefördert und mir Bücher zu ganz unterschiedlichen Themen mitgebracht. Beide hatten eine Stelle in einer Fabrik. Dass ich Astronom geworden bin, war eine glückliche Fügung: Ich bekam einen Studienplatz am renommierten Kavli-Institut der Universität Peking und habe die Chance genutzt.
Heute leite ich eine eigene Arbeitsgruppe am Kavli-Institut. Mein Team und ich haben uns der Erforschung von schwarzen Löchern verschrieben. Unsere Daten sammeln wir am Paranal-Observatorium, dessen Herzstück das Very Large Telescope Interferometer (VLTI) ist. Dieses kombiniert das Licht mehrerer Teleskope zu einem einzigen, extrem scharfen „virtuellen“ Teleskop. Noch schärfer wird es dank Gravity+ – eines optischen Instruments, das als Upgrade für das VLTI dient. Geplant und gebaut wurde es von einem europäischen Konsortium unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für extraterrestrische Physik in Garching. Mit dieser genialen Technik gelingt es uns, das Unsichtbare sichtbar zu machen: Schwarze Löcher bleiben dem direkten Blick verborgen, verraten sich aber durch ihre gewaltige Anziehungskraft, die vorbeiziehende Sterne ablenkt, Gas zum Glühen bringt und sogar den Raum verformt. Die schwersten schwarzen Löcher erreichen die milliardenfache Masse unserer Sonne und haben ihren Ursprung in der Frühzeit des Universums. Wie aber konnten sie damals entstehen, so kurz nach dem Urknall? Das ist bis heute eines der großen Rätsel in der Astronomie. Um es zu lösen, soll das VLTI erweitert werden mit dem Ziel, die Auflösung nochmals um das Zehnfache zu steigern. Für solch ein ambitioniertes Projekt bietet die Max-Planck-Gesellschaft dank ihrer langfristigen Förderung ideale Forschungsbedingungen.
Bevor ich zurück nach Peking kam, war ich sechs Jahre lang Postdoc am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik – eine tolle und ziemlich turbulente Zeit: Ein Höhepunkt für mich war der Tag, an dem unser Forschungsgruppenleiter und Institutsdirektor Reinhard Genzel für die Beobachtung des schwarzen Lochs im Zentrum unserer Milchstraße den Nobelpreis bekam. Es war 2020, während der Corona-Pandemie. Unsere ganze Abteilung hatte sich im Besprechungsraum versammelt, um die Bekanntgabe der Preisträger auf der Leinwand live zu verfolgen. Alle trugen Masken. Doch trotz der Distanz: Das Gefühl, Teil dieses Teams zu sein, war unglaublich! Turbulent war es damals wegen der vielen Reisen: Zur Beobachtung schwarzer Löcher außerhalb der Milchstraße waren unserer Forschungsgruppe 17 Nächte Beobachtungszeit am VLTI bewilligt worden, verteilt auf zwei Jahre. Auf dem langen Weg von München nach Chile habe ich meist noch einen Zwischenstopp in Paris eingelegt, um meine Frau zu besuchen, die dort eine Stelle in der Finanzbranche hatte. Als unsere beiden Söhne auf der Welt waren, wurde es richtig kompliziert. Am liebsten hätte ich mich geteilt, um allem gerecht zu werden!
Seit ich gemeinsam mit meiner Familie in Peking lebe, ist zum Glück mehr Ruhe eingekehrt. An der hiesigen Universität hat sich während meiner Abwesenheit einiges verändert: Es gibt etliche neue Gebäude, und der Zugang zum Campus wird nun über eine automatische Gesichtserkennung geregelt. Unser Team in der Astronomie ist jetzt größer und vielfältiger aufgestellt. Mit meinen Garchinger Kolleginnen und Kollegen stehe ich weiterhin in engem Austausch. Erst kürzlich waren einige von ihnen zu einem Arbeitstreffen hier in Peking. Wir haben Vorträge gehört, zusammengesessen und Pläne geschmiedet. Ein Besuch der Chinesischen Mauer durfte natürlich nicht fehlen. Es war ein ziemlich nebliger Tag. Doch da wir nicht als Astronomen, sondern rein privat unterwegs waren, hat uns der Nebel ausnahmsweise nicht gestört.












