Jürgen Habermas – ein Denker, der Deutschland prägte
Zum Tod des Philosophen, der von 1971 bis 1981 Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt war
Am 14. März 2026 ist Jürgen Habermas in Starnberg gestorben, 96 Jahre alt. Mit ihm ist ein Denker gegangen, der die intellektuelle und politische Kultur der Bundesrepublik über sieben Jahrzehnte mitgeformt hat – und der die Fragen, die er stellte, bis zuletzt nicht losließ.
Ein Nachruf von Jürgen Renn
Jürgen Habermas gehörte zu jener Generation, die den Nationalsozialismus noch bewusst erlebt hatte und danach das beengende Klima der Restauration erfuhr – das Beschweigen der Verbrechen, das Fortbestehen autoritärer Haltungen. Als er 1953 als junger Doktorand in der Frankfurter Allgemeinen öffentlich gegen die Neuveröffentlichung von Heideggers Vorlesungen aus der NS-Zeit protestierte, markierte das den Beginn einer Haltung, die sein Leben lang anhielt: dass Wissenschaft und Philosophie sich ihrer eigenen Geschichte und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht entziehen dürfen. Aus diesem Impuls entstanden auch die sozialwissenschaftlichen Gründungen der Max-Planck-Gesellschaft in den 1960er Jahren – das Institut für Bildungsforschung in Berlin ebenso wie das Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg waren Versuche, traumatische Erfahrungen in zukunftsgerichtete, kritische Wissenschaft zu verwandeln.
In seiner Habilitationsschrift Strukturwandel der Öffentlichkeit (1961) untersuchte Habermas, wie demokratische Öffentlichkeit entsteht, wie sie von Kommerzialisierung und Machtinteressen unterhöhlt wird – und unter welchen Bedingungen sie sich erneuern kann. Eine Diagnose, die im Zeitalter algorithmischer Filterblasen und gezielter Desinformation mit neuer Schärfe wiederkehrt. Sein Hauptwerk Theorie des kommunikativen Handelns (1981) entwickelte daraus eine umfassende Gesellschaftstheorie: Vernunft verwirklicht sich nicht im isolierten Subjekt, sondern allein in der unerzwungenen Verständigung zwischen Menschen.
Diese Überzeugung war nicht nur Theorie, sie war Haltung. Habermas hat die Debatten seiner Zeit nicht von außen beobachtet, er hat sich in sie eingemischt – im Historikerstreit, in der Nachrüstungsdebatte, beim europäischen Einigungsprojekt, in der Finanzkrise, gegenüber dem Erstarken autoritärer Bewegungen. Für dieses lebenslange öffentliche Engagement erhielt er 2001 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels – eine Auszeichnung, die nicht dem Werk allein galt, sondern der Verbindung von Werk und Haltung, die sein Leben ausmachte. Noch im vergangenen Jahr widersprach er der Idee, ein KI-System zur Konfliktlösung nach ihm zu benennen: man könne die menschliche Verständigung nicht an eine Maschine delegieren. Es war eine seiner letzten öffentlichen Äußerungen – und eine bezeichnende.
Ein Jahrzehnt in Starnberg
Die Max-Planck-Gesellschaft berief Jürgen Habermas 1971 zum Wissenschaftlichen Mitglied und Direktor des Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg – gegen erhebliche Widerstände, die sich an seiner politischen Position festmachten. Die Berufung war gleichwohl folgerichtig: Das Institut, das Carl Friedrich von Weizsäcker 1967 entworfen hatte, stellte genau jene Fragen, die Habermas beschäftigten, und es tat dies mit einem für die Max-Planck-Gesellschaft einzigartigen interdisziplinären Anspruch. Weizsäcker verantwortete einen Arbeitsbereich, der Kriegsverhütung und Strategie, Grundlagen der Quantentheorie und Wissenschaftsgeschichte umfasste; Habermas leitete einen zweiten, der sich mit den Krisenpotenzialen spätkapitalistischer Gesellschaften, der Krisenbehandlung durch den Staat und der Ontogenese von Moralbewusstsein befasste. Es war kein rein sozialwissenschaftliches Institut – es war der Versuch, Naturwissenschaft, Philosophie und Gesellschaftstheorie unter dem Leitgedanken zu vereinen, dass die Wissenschaft die Folgen ihres eigenen Tuns zum Gegenstand der Forschung machen müsse. Ein Mitarbeiter erinnerte sich: „Die Mitarbeiter wollten die großen Probleme der Welt lösen mit einer ganz neuen Form von Wissenschaft.“ Die Forschungen dieser Jahre flossen unmittelbar in die Theorie des kommunikativen Handelns ein, die Habermas 1981 – in seinem letzten Jahr als Direktor – veröffentlichte.
Das Institut war von Beginn an umstritten, in der Max-Planck-Gesellschaft wie in der Öffentlichkeit, und es arbeitete unter dauerhaftem politischem Druck. Bemerkenswert war dabei auch der Versuch, die eigene Arbeitspraxis demokratisch zu organisieren – Freiräume, die vor allem Weizsäcker großzügig gewährte und die das Institut zu einem Laboratorium nicht nur des Denkens, sondern auch des wissenschaftlichen Arbeitens machten. Die Honorarprofessur, die Habermas an die Münchner Universität hätte binden sollen, wurde ihm verweigert. Nach Weizsäckers Emeritierung geriet das Institut in eine institutionelle Lage, aus der es keinen Ausweg fand: alle Versuche, durch neue Berufungen eine tragfähige Grundlage für einen Neuanfang zu schaffen, scheiterten. Im April 1981 erklärte Habermas seinen Rücktritt; im Mai beschloss der Senat die Schließung.
Das Erbe des Starnberger Instituts
Mit Starnberg ging eine utopische Phase der Max-Planck-Gesellschaft zu Ende: der Versuch, Grundlagenforschung und gesellschaftliche Transformation in einer Institution zu vereinen, die eigene Praxis eingeschlossen. Was folgte, war eine pragmatische Neuausrichtung. Aus dem sozialwissenschaftlichen Rumpfinstitut, das nach Habermas’ Rücktritt kurz weiterbestand, ging unter Franz Weinert das Max-Planck-Institut für psychologische Forschung in München hervor, an dem Habermas ab 1983 als Auswärtiges Wissenschaftliches Mitglied wirkte. 1985 gründete die Max-Planck-Gesellschaft das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln – empirisch ausgerichtet, analytisch distanziert zur Politik, und damit bewusst anders als Starnberg es gewesen war. Daneben hatte Habermas dem Fachbeirat des Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin angehört, jener zweiten großen Gründung der Max-Planck-Institut aus demselben Impuls, Wissenschaft und gesellschaftliche Verantwortung zusammenzudenken.
Die Frage, die Starnberg aufgeworfen hat, ist mit seiner Schließung nicht endgültig beantwortet worden: wie eine Wissenschaftsorganisation, die dem Erkenntnisfortschritt verpflichtet ist, zugleich der Reflexion über die gesellschaftlichen Folgen dieses Fortschritts gerecht werden kann – nicht als Pflichtübung, nicht delegiert an Ethikkommissionen, sondern als Dimension der Forschung selbst. Carl Friedrich von Weizsäcker sprach von der „Sicherung eines Raumes der Freiheit inmitten einer technokratisch verwalteten Welt“. Gemeint war nicht die Freiheit, ungestört forschen zu dürfen, sondern die Freiheit, die eigene Praxis zu befragen – die Fragen, die man stellt, die Institutionen, in denen man arbeitet, die Gesellschaft, der man dient, und die Folgen, die man verantwortet. Habermas hat diese Freiheit als Zumutung begriffen, die man auf sich nehmen muss. Das bleibt eine Herausforderung für die Max-Planck-Gesellschaft – und für jede Wissenschaftsorganisation, die ihre gesellschaftliche Verantwortung ernst nimmt.
Die Max-Planck-Gesellschaft gedenkt Jürgen Habermas in Dankbarkeit – für ein Jahrzehnt in Starnberg, das zu den kühnsten Kapiteln ihrer Geschichte gehört, und für ein Werk, das weit über dieses Jahrzehnt hinaus wirkt.













