Forschungsbericht 2025 - Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik
Mehrere genetische Wege zum Musikgenuss
Abteilung Kognitive Neurowissenschaften
Max-Planck-Institut für Psycholinguistik, Nijmegen
Abteilung Language and Genetics
Man stelle sich vor, man hört großartige Musik. Man nimmt jede Note wahr, jede Veränderung in der Dynamik – und bleibt doch völlig unberührt. Keine Emotion regt sich, kein Schauer läuft einem über den Rücken, keine Träne wird vergossen. Für viele mag dieser Gedanke befremdlich wirken, schließlich gehört das Hören von Musik zu den angenehmsten Erfahrungen überhaupt. Doch für einen bedeutenden Teil der Bevölkerung ist es alltägliche Realität, dass eine angenehme Reaktion auf Musik ausbleibt.
Diese selektive Unfähigkeit, Freude an Musik zu empfinden, obwohl die Wahrnehmung von Musik und die allgemeine Verarbeitung von Belohnungen normal funktionieren, wird als musikalische Anhedonie bezeichnet. In den vergangenen zehn Jahren hat die Forschung dazu neue Perspektiven eröffnet, wie Erlebnisse als angenehm (oder eben nicht) empfunden werden. Vorangegangene Studien zeigten, dass Personen mit geringer Empfänglichkeit für musikalische Belohnung (dem Kennzeichen musikalischer Anhedonie) beim Musikhören eine geringere Hautleitfähigkeit aufweisen und seltener Gänsehautreaktionen („Chills“) erleben. In klassischen Belohnungsaufgaben reagieren sie jedoch normal [1]. Spätere Arbeiten identifizierten Unterschiede in der Vernetzung zwischen auditorischem Cortex und subkortikalen Belohnungsarealen als neuronale Grundlage dieses selektiven Phänomens [2]. Die neuronale Brücke von der musikalischen Wahrnehmung zum musikalischen Genuss scheint bei Menschen mit besonders geringer Sensibilität für Musik verändert zu sein.
Doch die grundlegendere Frage blieb offen: Warum unterscheiden sich Menschen überhaupt so stark darin, wie viel Freude sie an Musik empfinden? Diese Frage zu beantworten, würde uns dem Verständnis einer Fähigkeit näherbringen, die Darwin zufolge zu den geheimnisvollsten gehört, mit denen der Mensch ausgestattet ist [3]. Zugleich könnte sie dazu beitragen, ein breiteres und bislang nicht vollständig verstandenes Phänomen besser zu verstehen: wie aus Sinneseindrücken Genuss entstehen kann.
In einem gemeinsamen Projekt des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik, des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik und des Karolinska-Instituts – und unterstützt durch die Max Planck School of Cognition – haben wir uns dieser Herausforderung gestellt [4] und mithilfe eines genetisch informativen Studiendesigns und multivariater genetischer Modellierung die Daten von mehr als 9.000 schwedischen Zwillingen analysiert. Dabei hat sich erstmals eine vielfältige Landschaft genetischer Einflüsse auf das Musikerleben gezeigt.
Mehrere genetische Wege zur (musikalischen) Belohnung
Die Ergebnisse unserer Studie lassen sich in drei zentrale Befunde zusammenfassen. Erstens ist mehr als die Hälfte der individuellen Unterschiede im Musikgenuss erblich. Der Großteil dieser genetischen Varianz scheint zudem unabhängig von der allgemeinen Sensibilität für Belohnungen zu sein. Das bedeutet: Die meisten genetischen Varianten, die musikalischen Genuss beeinflussen, wirken vermutlich eigenständig und nicht einfach als Folge einer allgemein stärkeren Empfänglichkeit für angenehme Erfahrungen.
Zweitens überschneiden sich genetische Einflüsse auf die Sensibilität für musikalische Belohnung nur in begrenztem Maße mit jenen, die mit musikalischen Wahrnehmungsfähigkeiten zusammenhängen. In unserer Studie wurden letztere objektiv gemessen – als Fähigkeit zur Unterscheidung von Melodie, Tonhöhe und Rhythmus. Die Fähigkeit, Musik gut zu hören, und die Fähigkeit, sich von ihr bewegen zu lassen, sind genetisch nur teilweise miteinander verbunden, aber in erheblichem Maße voneinander unabhängig. Dieser Befund spiegelt das klinische Profil der musikalischen Anhedonie wider: Die Wahrnehmung ist intakt, doch die emotionale Reaktion bleibt aus.
Drittens – und besonders bemerkenswert – unterscheiden sich genetische Einflüsse teilweise sogar zwischen verschiedenen Facetten des Musikgenusses: den hervorgerufenen Emotionen, der Fähigkeit, die eigene Stimmung zu regulieren, dem Drang, neue Musik zu entdecken, dem sensomotorischen Vergnügen sowie den sozialen Belohnungen musikalischer Erfahrung. Alle diese Facetten scheinen erblich zu sein und teilen einige genetische Grundlagen, doch es gibt nicht den einen genetischen Faktor, der sie alle bestimmt. Die vielen DNA-Varianten, die beeinflussen, ob jemand bei einer Melodie zu Tränen gerührt wird, sind möglicherweise nicht dieselben, die eine andere Person zum Tanzen bringen – oder einer dritten ein Gefühl von Verbundenheit durch gemeinsames Musikhören vermitteln.
Wenn Wahrnehmung zu mehr wird
Ein Ergebnis sticht besonders hervor, weil es weiterreichende Bedeutung hat. Die Tatsache, dass die Sensibilität für Musik von anderen genetischen Einflüssen geprägt ist als die Wahrnehmung und die allgemeine Belohnungsverarbeitung es sind, legt nahe: Zukünftige genomische Studien zur Sensibilität für musikalische Belohnung könnten als Modellsystem dienen, um besser zu verstehen, wie aus Wahrnehmung „mehr“ wird – und warum dies bei manchen Menschen nicht geschieht. Tatsächlich bieten unsere Ergebnisse eine genetische Perspektive auf aktuelle kognitionswissenschaftliche und neurobiologische Theorien darüber, wie Wahrnehmung als angenehm erlebt werden kann [5]. Angenehme Erfahrungen hängen sowohl vom allgemeinen Funktionieren des Belohnungssystems als auch von spezifischen Wechselwirkungen zwischen Wahrnehmungs- und Belohnungsnetzwerken im Gehirn ab. Unsere Ergebnisse legen die Hypothese nahe, dass genetische Varianten zur besonderen entwicklungsbedingten Verschaltung solcher Netzwerke beitragen könnten.
Literaturhinweise
DOI: 10.1016/j.cub.2014.01.068
DOI: 10.1073/pnas.1611211113
DOI: 10.1038/s41467-025-58123-8
DOI: 10.1016/j.tics.2025.06.015












