"Es gibt nicht den einen, richtigen Weg in der Karriere – und es muss nicht immer geradeaus gehen"
Maren Nattermann, Leiterin der Forschungsgruppe „Synthetic Cofactors and orthogonal Metabolism“ am Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie, über Marjory Stephenson (1885–1948), Wegbereiterin der chemischen Mikrobiologie, die mit ihren bahnbrechenden Arbeiten zur bakteriellen Stoffwechselphysiologie dieses Feld als eigenständige Disziplin etablierte
Sie begründete eine wissenschaftliche Disziplin, die bis dahin keinen Namen hatte, verfasste das Standardwerk, das diese über Jahrzehnte prägen sollte, und gehörte 1945 zu den ersten beiden Frauen, die die Royal Society als Fellows aufnahm – nach fast 300 Jahren rein männlicher Tradition: die britische Forscherin Marjory Stephenson, Pionierin der chemischen Mikrobiologie.
Marjory Stephenson wurde 1885 in Burwell, einem kleinen Dorf in Cambridgeshire, als jüngstes von vier Kindern geboren. Ihr Vater, ein Landwirt mit echter Begeisterung für die „neuen Naturwissenschaften", die das viktorianische England erfasst hatten, legte früh den Grundstein für ihre Neugier. Dass sie außergewöhnlich begabt war, wurde rasch deutlich: Ein Stipendium brachte sie an die Berkhamsted High School for Girls, eine der wenigen Schulen in England, die Mädchen damals überhaupt naturwissenschaftlichen Unterricht anboten. 1903 begann sie am Newnham College in Cambridge ein Studium der Naturwissenschaften mit den Schwerpunkten Chemie, Physiologie und Zoologie.
Zu jener Zeit blieb Frauen der Zugang zu den regulären Universitätslaboren und Bibliotheken in Cambridge verwehrt. Stephenson und ihre Kommilitoninnen mussten daher speziell für Newnham eingerichtete Räume nutzen: das kleine Chemistry Laboratory im College sowie das Balfour Biological Laboratory for Women. Nach Abschluss des Studiums 1906 erhielt sie zwar den „Titel eines akademischen Grades“, nicht jedoch den Grad selbst – Cambridge verweigerte Frauen diese Anerkennung noch bis 1948.
Finanzielle Hürden zwangen sie den Traum eines Medizinstudiums aufzugeben. Es folgten einige ernüchternde Jahre als Lehrerin für Hauswirtschaftslehre, bis sie schließlich einen Platz in der Arbeitsgruppe des Biochemikers R. H. A. Plimmer am University College London fand, wo sie den Fettstoffwechsel und Darmenzyme untersuchte.
Im Ersten Weltkrieg meldete sich Stephenson freiwillig zum Roten Kreuz, arbeitete in Frankreich und Griechenland, entwickelte enzymangereicherte Diäten für Soldaten, die normale Rationen nicht vertrugen, und organisierte die Zubereitung von mehr als zwei Millionen Mahlzeiten. Für diese Leistung wurde sie später mit dem Orden MBE ausgezeichnet.
1919 kehrte sie nach Cambridge zurück und schloss sich dem Labor von Frederick Gowland Hopkins „Hoppy“ an. Der spätere Nobelpreisträger war Verfechter einer „dynamischen Biochemie“ , der Idee, dass der Stoffwechsel kein statisches System ist, sondern ein kontinuierlicher chemischer Prozess. Eine Überzeugung, die Stephensons eigenem Denken entgegenkam. Während die meisten Bakteriologen Mikroben damals noch nach Größe, Gestalt und Färbeverhalten klassifizierten, interessierte Stephenson sich für das, was in ihnen vorging. Bakterien, so ihre Überzeugung, waren keine passiven Objekte der Klassifikation – sondern hochkomplexe chemische Apparaturen. Um dies zu belegen, entwickelte sie präzise Versuchsanordnungen: Sie nutzte exakt definierte Nährmedien – sie „fütterte“ die Bakterien also mit bekannten chemischen Rezepturen – und konnte so minutiös verfolgen, was sie verbrauchten und was sie ausschieden. Damit legte Stephenson den Grundstein für die Erforschung des mikrobiellen Stoffwechsels.
1928 gelang Stephenson gemeinsam mit Leonard Stickland ein methodisch wegweisender Schritt: In zellfreien Extrakten — also außerhalb lebender Zellen — isolierten sie die Hydrogenase aus Bakterien wie Escherichia coli und wiesen nach, dass dieses Enzym molekularen Wasserstoff aktivieren und für Energieprozesse nutzbar machen kann. . Damit zeigten sie, dass bakterieller Stoffwechsel mit denselben biochemischen Methoden zu untersuchen ist wie der tierischer oder pflanzlicher Zellen: eine Pionierarbeit, die den Grundstein für die moderne Bioenergetik legte.
Wenige Jahre später charakterisierte das Duo die Formiat-Hydrogenlyase, ein Enzymsystem, das Ameisensäure in Wasserstoff und Kohlendioxid spaltet und eine Schlüsselrolle im Energiestoffwechsel unter Sauerstoffausschluss spielt.
Die vielleicht folgenreichste Beobachtung dieser Jahre war jedoch eine andere. Stephenson stellte fest, dass Bakterien bestimmte Enzyme nur dann produzieren, wenn die entsprechenden Substrate in ihrer Umgebung vorhanden sind, als würden sie ihre Biochemie flexibel an die verfügbaren Ressourcen anpassen. Sie nannte das Phänomen „Enzymadaptation". Heute sprechen wir von Enzyminduktion, und das Prinzip dahinter — dass Gene je nach Umweltbedingungen an- oder abgeschaltet werden — gehört zu den Grundlagen der Molekularbiologie. Jacob und Monod, die dafür 1965 den Nobelpreis erhielten, bauten auf Stephensons Vorarbeit auf.
Ihr großes Werk erschien 1930: die Monografie Bacterial Metabolism. In einer Zeit, in der sich die Mikrobiologie im Wesentlichen als Hilfswissenschaft der Medizin verstand und vor allem Krankheitserreger katalogisierte, beschrieb Stephenson Bakterien als „lebende chemische Labore“ – dynamische Systeme, deren inneres Reaktionsgeschehen grundlegende Lebensprozesse offenlegt. Das Buch wurde zum methodischen Eckpfeiler der modernen Biochemie und prägte als Standardwerk über Jahrzehnte hinweg die gesamte Disziplin
1945 schrieb Stephenson Geschichte: Gemeinsam mit der Kristallographin Kathleen Lonsdale wurde sie als eine der ersten beiden Frauen nach 285 Jahren rein männlicher Tradition in die Royal Society aufgenommen. Auf ihrem Nominierungsformular strich man das vorgedruckte „him“ (ihm) kurzerhand durch und ersetzte es durch „her“ (ihr). Im selben Jahr war sie Mitbegründerin der Society for General Microbiology, deren zweite Präsidentin sie später wurde.
Abseits des Labors prägte Stephenson die „Cambridge School“ der bakteriellen Chemie durch eine Kultur der methodische Innovation und kollegialen Zusammenarbeit. Sie galt als außerordentlich loyale Mentorin, großzügig mit Anerkennung und zurückhaltend mit Eigenruhm: Häufig verzichtete sie darauf, ihren eigenen Namen als Erstautorin zu nennen, um diese Anerkennung ihren Schützlingen zu überlassen.
Ihr Schüler und enger Mitarbeiter Donald Woods hielt in seinem Nachruf ihr Leitprinzip als Lehrerin fest, in Stephensons eigenen Worten: „Infection, not instruction, is the way to teach."
Kurz vor ihrem Tod an Krebs am 12. Dezember 1948 wurde Stephenson zur ersten Dozentin (Reader) für Chemische Mikrobiologie in Cambridge ernannt – im selben Jahr, in dem die Universität Frauen endlich die vollen akademischen Grade verlieh, die ihnen so lange verwehrt geblieben waren.
Maren Nattermann, was hat Ihr Interesse an der Biochemie geweckt? Gab es einen Moment oder eine Erfahrung, die entscheidend war?
Ich habe mein Biochemiestudium begonnen, weil ich in der Oberstufe Chemie und Biologie belegt hatte – und bei der Studienwahl habe ich dann einfach beides zusammengenommen, ohne wirklich zu wissen, worauf ich mich da einlasse. In Heidelberg ist der Studiengang sehr chemielastig und meine erste Biochemievorlesung war erst im dritten Semester. Aber das Abbiegen von der reinen Chemie zur Biochemie war genau richtig für mich – es war total faszinierend zu sehen, wie die Grundregeln der Chemie auch im Stoffwechsel wirken, und wie die Natur mit ihren Enzymen Lösungen für Reaktionen findet, die in der klassischen Chemie nur unter extremen Bedingungen ablaufen. Alles bei Raumtemperatur, in Wasser, bei neutralem pH. Das funktioniert in der herkömmlichen Chemie sehr selten.
Was genau hat Sie in Ihre heutige Forschungsrichtung gezogen?
Wir forschen in meiner Arbeitsgruppe an Cofaktoren – das sind kleine Moleküle, die Enzyme bei der Arbeit unterstützen. Meine Faszination mit diesen „Helfermolekülen“ hat mit der Arbeit an Thiaminpyrophosphat (TPP) während meiner Masterarbeit begonnen. TPP erlaubt eine sogenannte „Umpolungsreaktion“. Kohlenstoffatome neigen, je nach Position in einem Molekül dazu, eher positiven oder negativen Charakter zu haben. Von einer Umpolung spricht man, wenn dieser Charakter „umgetauscht“ wird. Damit ermöglicht TPP Reaktionen, die ansonsten quasi unmöglich wären. Ich fand das von Anfang an interessant, auch weil TPP so nützlich ist, dass es sogar in der „reinen“ Chemie für diese Reaktionen eingesetzt wird. Die Arbeit mit Cofaktoren ist einfach spannend, da sie die verschiedensten chemischen Tricks nutzen, um Enzyme zu unterstützen.
Außerdem ist für mich immer wieder witzig, wenn ich in der Drogerie an den Vitaminen vorbeigeht und versuche, mich daran zu erinnern, welcher Vitamin nochmal welcher Cofaktor war (Thiamin ist B1!).
Was motiviert Sie in schwierigen Phasen, wenn Ergebnisse auf sich warten lassen oder Experimente nicht wie geplant funktionieren?
Ehrlich gesagt: Augen zu und durch! Weder Motivation noch Frustration ändern etwas daran, dass es gerade nicht funktioniert. Wir bezeichnen die Forschung nicht umsonst als Achterbahn.
Dabei ist es aber auch wichtig, dass man sich selbst erlaubt, auch mal ehrlich frustriert zu sein. Ich bin öfter schon heimgegangen, weil ein Experiment nicht funktioniert hat und ich zu genervt war, an dem Tag weiterzumachen. Am nächsten Tag sieht die Welt oft schon ganz anders aus.
1930 veröffentlichte Marjory Stephenson „Bacterial Metabolism“ – das erste systematische Lehrbuch zur Biochemie von Mikroorganismen, das über 20 Jahre als „Bibel" des Fachgebiets galt. Wie beeinflusst dieses Werk noch heute Ihre Forschung oder Ihr Verständnis des Fachgebiets?
Ich finde es bezeichnend, dass bei einer Internetsuche unter diesem Titel nicht mehr ihr Werk erscheint, sondern ein Buch aus den Achtzigerjahren zum selben Thema. Es ist vermutlich dem rapiden Wachstum des Fachgebiets Biochemie geschuldet, dass Lehrbücher extrem schnell außer Mode fallen und für Studierende überhaupt nicht mehr präsent sind. Die Namen vieler Pioniere und Pionierinnen der Biochemie fehlen in diesen Büchern – es sei denn, sie hätten einen Nobelpreis gewonnen oder ein Stoffwechselweg wurde direkt nach ihnen benannt. Das gilt umso mehr für Frauen, die bereits zu ihrer eigenen Zeit um Sichtbarkeit kämpfen mussten.
Damit einher geht gerne eine fehlende Wertschätzung unserer Vordenker und Vordenkerinnen die sich all das, was wir heute als selbstverständlich erachten, ohne unsere modernen experimentellen Methoden mühsam erarbeiten mussten.
Besonders auf dem Gebiet des Stoffwechsels vergessen wir heute gerne, dass es durchaus möglich ist, Enzyme oder gar ganze Stoffwechselwege zu beschreiben, ohne in die Zelle „hineinsehen“ zu können, wie wir es heutzutage durch DNA- und RNA-Sequenzierungen, Proteomik und Metabolomik vermögen.
Welche von Stephensons Entdeckungen halten Sie bis heute für besonders einflussreich?
Mich fasziniert – in aller Voreingenommenheit – ihre Arbeit zur Formiathydrogenlyase, weil ich selbst viel am Formiatstoffwechsel gearbeitet habe. Ihre Forschung stammt aus einer Zeit, in der Enzymreaktionen nachgewiesen werden mussten, ohne Enzyme aufzureinigen, sie also vollständig von der Zelle trennen zu können. So musste zum Beispiel bei ihren Experimenten Formiat dem Nährmedium zugegeben werden, damit das Enzym überhaupt produziert wird. Alle Experimente mussten zudem so geplant sein, dass die Beobachtungen nur durch das Vorhandensein (oder Fehlen) des Enzyms erklärbar waren – das forderte viele Kontrollen, die wir heute gar nicht brauchen.
Viele Stoffwechselwege oder Enzyme wurden in ihrer Zeit entdeckt. Unser gesamtes Verständnis vom Metabolismus beruht also auf diesen Arbeiten. Solche alten Veröffentlichungen zu lesen ist ein bisschen wie jemandem dabei zuzusehen, ein Puzzle zusammenzusetzen, bei dem noch viele Teile fehlen. Das ist einfach beeindruckend.
Zuletzt würde ich gerne einmal in einem eigenen Paper schreiben dürfen: This „figure […] needs no further comment“ (Stephenson and Stickland, Biochem. J. 1932;26(3):715.)
Was machte sie zur Pionierin der „Chemical Microbiology“?
Forschung wie die von Marjory Stephenson zeigt uns, dass die Biochemie der vermeintlich „einfachen" Mikroben unglaublich faszinierend und hochkomplex ist. Sie forschte an E. coli, das ist in unserem Feld wirklich die Mikrobe schlechthin; manchmal vergessen wir fast, dass es noch andere gibt. Sie konnte nachweisen, dass dieser Organismus Wasserstoff herstellt, wenn er die richtigen Bedingungen vorfindet.
Warum ist diese Entdeckung der Wasserstoff-Produktion so bedeutend?
Die Tatsache, dass in E. coli unter bestimmten Bedingungen Wasserstoff entsteht – und, fast noch wichtiger, unter anderen Bedingungen eben nicht – zeigt metabolische Flexibilität: eines der Kernprinzipien der Biochemie. Wer in der Natur nur einen einzigen Weg zum Überleben kennt, überlebt meist nicht lange.
Gerade Mikroben müssen blitzschnell handeln, wenn sich ihre Umgebung ändert; sie müssen Auswege haben, um sich durch ihre eigenen Stoffwechselprozesse nicht versehentlich selbst zu vergiften. Und Marjory Stephensons Entdeckung der „Formiathydrogenlyase“ ist genau so eine „Problemlösung“ der Natur. Diese Art, über Enzyme nachzudenken – im kleinsten Detail, aber eben auch im Kontext des gesamten Stoffwechsels – ist bis heute absolut elementar für unsere Disziplin.
Sie prägte auch den Begriff der „adaptiven Enzyme“. Was war die Bedeutung dieser Entdeckung?
Adaptation ist eines der Grundkonzepte der Evolution. Organismen passen sich ihrer Umgebung an, um nicht ausselektiert zu werden. Wenn wir heute das Wort Adaptation hören, denken viele sofort an DNA, weil diese es ist, die durch die Generationen weitergegeben wird. Aber unser Erbgut passt sich eben über viele Generationen den Umständen an – nicht unbedingt von Minute zu Minute. Diese deutlich schnelleren Änderungen sind Aufgabe der Zelle um die DNA herum, also auch der Stoffwechsel und Enzyme.
Können Sie das an einem Beispiel aus dem Alltag festmachen?
Nehmen wir Traubenzucker: Wenn ich ihn esse, schlagen in meinem Körper alle Alarmglocken an: ein Signal für eine hohe Dosis verfügbarer Kalorien. Aber ewig bleibt das Essen nicht in unserem Körper – also muss schnell gehandelt werden. Es geht ein Signal raus: „Zucker, jetzt!“, und der Stoffwechsel reagiert sofort – Transporter und Enzyme aus dem Zuckerstoffwechsel werden aktiviert. So kann aus der kurzen Verweilzeit des Zuckers so viel wie möglich herausgeholt werden.
Gilt dieses Prinzip der Schnelligkeit auch für die Mikroben, an denen Stephenson forschte?
Absolut. Das gleiche Prinzip gilt für Einzeller – bei ihnen ist das Problem allerdings weniger die Verweilzeit der Nahrung, sondern die Konkurrenz durch andere Mikroben in ihrer Umgebung. Wer am schnellsten ist, isst am meisten – wie wir älteren Geschwistern nur zu gut wissen. Der Stoffwechsel als Ganzes ist also adaptiv. Ein einzelnes „adaptives Enzym“ ist meist hochspezialisiert und wird im Normalfall gar nicht gebraucht. Es wäre reine Energieverschwendung, es ständig bereit zu halten. Ich lege ja auch nicht das feine Fischservice raus, wenn ich nur Nudeln gekocht habe. Das wartet im Schrank, um einmal im Jahr stolz genutzt zu werden. Adaptive Enzyme werden erst dann produziert, wenn die Umstände es verlangen. Was Marjory Stephenson bei Formiathydrogenlyase nachweisen konnte, ist, dass sie aktiv ist, wenn man E. coli auf Medium mit Formiat wachsen lässt - aber nicht, wenn man es nicht tut.
Das Formiat dient hier als Signal: „Schalte mal meinen Stoffwechselweg an!“. Erst danach setzt das Enzym den Stoff um.
Was unterscheidet Stephensons Ansatz von der heutigen, modernen Laborarbeit?
Was ich an dieser Arbeit so toll finde: Sie hätte es einfach dabei belassen können – Formiat da, Enzym an; Formiat weg, Enzym aus. Aber das hat sie nicht. Sie hat sich auch die gesamte Stoffwechselumgebung des Enzyms angeschaut. Da sie wusste, dass E. coli aus Zucker Formiat herstellen kann, fütterte sie die Bakterien testweise mit Zucker statt mit Formiat – und siehe da, das Enzym schaltete sich ebenfalls an.
Sie beschreibt diesen Test in ihren Publikationen fast beiläufig.
Ja, ich finde es unglaublich charmant, wie sie das als absolut selbstverständlich darstellt. ” The introduction of glucose […] also results in the production of […] formic hydrogenlyase. As it is well known, (glucose is) […] decomposed by Bact. coli with production of formic acid, so this phenomenon is sufficiently explained.” (Stephenson and Stickland, Biochem. J. 1932;26(3):715.) Also sinngemäß: Da bekannt ist, dass die Bakterien aus Glucose Ameisensäure (Formiat) herstellen, ist das Phänomen ausreichend erklärt.
Wie weit reicht das Erbe dieser adaptiven Enzyme in die heutige Forschung hinein?
Das Erbe reicht viel weiter, als man zunächst denkt. Adaptive Enzyme werden über einen biochemischen Schalter gesteuert, der auf Kontakt mit einem bestimmten Stoff reagiert. Sie befinden sich meist vor den Genen, die die „Bauanweisung“ für das adaptive Enzym tragen. Ist der Schalter an, wird das Gen abgelesen und somit das Enzym produziert.
Diese Genschalter nennen sich „Operatoren“ und sind ein Grund, warum es für uns heutzutage so viel einfacher ist, Enzyme im Labor herzustellen und zu isolieren. Wenn ich nämlich mein Gen hinter einen Operator setze, der auf einen bekannten Stoff reagiert (üblicherweise einen bestimmten Zucker), kann ich dem Bakterium ganz gezielt den Befehl geben: „Fang genau jetzt an, dieses Enzym zu produzieren!“ - und meistens funktioniert das sogar.
Wo sehen Sie heute konkrete Fortschritte für Frauen in Ihrer Disziplin, und wo bestehen Ihrer Meinung nach weiterhin strukturelle oder kulturelle Hürden?
Ich sehe in der Biochemie, dass bestehende strukturelle Hürden abgebaut werden – beziehungsweise dass es ehrliche Versuche gibt, dies zu tun. Ich bin recht neu in meiner Führungsposition, und mir ist erst während meines Weges zur Forschungsgruppenleiterin wirklich bewusst geworden, was es für eine Gratwanderung ist, Frauen gezielt zu fördern und zu ermutigen, in der Forschung zu bleiben, ohne ihnen dabei das Gefühl zu geben, dass ihr Geschlecht die Grundlage ihrer Karriere bildet.
Wie gelingt es Ihnen persönlich, berufliche und private Anforderungen zu vereinbaren? Welche Strategien würden Sie jungen Wissenschaftlerinnen empfehlen?
Ich habe das Privileg, mittlerweile viel im Homeoffice arbeiten zu können. Für mich bedeutet das eine Stunde weniger Arbeitsweg und weniger Ablenkungen bei der Arbeit selbst. Ich fange früher an zu arbeiten, bin meistens mit meiner Arbeit etwas schneller, und kann früh Feierabend machen. Alle zwei bis drei Stunden für ein paar Handgriffe im Haushalt aufzustehen ist auch fast meditativ. So ist der Abend dann frei fürs Private.
Das Ganze ist natürlich nicht so einfach, wenn man tagsüber ins Labor muss. Ich würde aber trotzdem dazu raten, schon früh in der Karriere in sich hineinzuhören, um herauszufinden, wie man eigentlich am effizientesten arbeitet. Das erspart erfahrungsgemäß viel Frustration.
Haben Sie ein Beispiel für einen solchen persönlichen Rhythmus?
Ich bin bei Experimenten ein ziemlicher Morgenmensch. Wenn ich mich nachmittags noch „durchringen" muss, ein Experiment anzufangen, kostet das unglaublich viel mentale Kraft, die ich anderweitig besser nutzen könnte. Mein Rhythmus war deshalb immer: Experimente am Vorabend planen, morgens direkt ins Labor und pipettieren, und danach erst messen, auswerten, dokumentieren.
Was raten Sie jungen Forschenden, die ihren eigenen Rhythmus noch suchen?
Man sollte wirklich in sich hineinhorchen und sich ehrliche Fragen stellen. Zu welcher Tageszeit kann ich mich am besten aufs Lesen konzentrieren? Wann aufs Schreiben? Wann mache ich die wenigsten Fehler bei der Datenauswertung? Habe ich ein „Mittagstief" nach dem Essen? Will ich morgens noch gerne mit den Kollegen und Kolleginnen reden, ehe ich anfange zu arbeiten, oder will ich einfach direkt loslegen? Das sind tausend Kleinigkeiten, auf die man oft nicht achtet, die einem das Leben aber wirklich erleichtern können.
Natürlich gibt es Deadlines, Meetings und Experimente, die man nicht so einfach auf eine andere Tageszeit verschieben kann. Aber ein einigermaßen geregelter „Normalzustand“ in der Laborarbeit kann wirklich helfen. Außer man arbeitet am besten, wenn’s ein bisschen chaotisch ist. Das ist dann auch eine Erkenntnis.
Welche weiblichen Vorbilder – historische oder gegenwärtige – inspirieren Sie persönlich?
Ich finde es schwer, mir an historischen Personen ein Vorbild zu nehmen, da unsere Lebensumstände so unglaublich anders sind. Heute habe ich das Privileg, von wirklich ausgezeichneten Forscherinnen aller Altersgruppen umgeben zu sein. Dadurch höre ich viele verschiedene Perspektiven zu meiner Forschung oder meinen Plänen, wenn ich um Rat frage – sehe aber auch, wie unterschiedlich die Wege in der Forschung sein können. Es kann sehr beruhigend sein, sich daran zu erinnern, dass es nicht den einen, einzig richtigen Weg in der Karriere gibt, und dass es auch nicht immer nur geradeaus gehen muss.
Welchen Rat würden Sie jungen Frauen geben, die eine wissenschaftliche Laufbahn anstreben?
Jeder ist sich mal unsicher oder zweifelt an sich – auch die Leute, von denen man es nicht denken würde. Auch die Leute, die unglaublich viel Erfolg haben. Der Trick ist nicht, keine Selbstzweifel mehr zu haben, sondern zu lernen, mit ihnen umzugehen.
Oft ist es gut, Dinge einfach zu machen. Sich einfach auf die Stelle bewerben, einfach mal eine E-Mail schreiben, einfach mal eine Frage stellen. Ich weiß natürlich, dass dieses 'Einfach' gar nicht so einfach ist. Aber mein Motto ist: 'Mehr als Nein sagen können sie nicht'. So bin ich an meine jetzige Stelle gekommen. Ich habe mich beworben, weil ich wusste: Diese Chance kommt nicht wieder. Das hat mich einiges an Überwindung gekostet, aber es war die absolut richtige Entscheidung.
Zum Internationalen Frauentag 2026 steht die Kampagne unter dem Motto „Give to Gain“ – Geben, um zu gewinnen. Was bedeutet dieses Leitmotiv für Sie persönlich?
Ich halte „Give", also das Geben, für eine Selbstverständlichkeit in einer Führungsposition. Es gehört für mich schlicht zum Beruf, Nachwuchsforschende zu unterstützen. Der „Gain", der Gewinn daraus, sollte nicht für selbstverständlich gehalten werden, ergibt sich aber häufig von selbst.
Gibt es noch etwas, das Sie abschließend sagen möchten – über Stephenson, Ihre Forschung oder einfach generell?
Vielen Dank für das Interview! Ich hoffe, meine Perspektive kann anderen nützlich sein!
Frau Nattermann, herzlichen Dank!












