Die Rolle des Kava-Trinkens in der Kulturevolution
Hat das bewusstseinsverändernde Getränk die Entstehung komplexer, hierarchischer Gesellschaften in Ozeanien begünstigt?
Auf den Punkt gebracht
- Drunk Hypothesis: Laut Forschenden könnten Rauschzustände den Aufstieg und die Stabilität großer, komplexer Gesellschaften erleichtert haben, indem dadurch beispielsweise soziale Bindungen gefördert und die Bereitschaft zur Kooperation erhöht wurden.
- Kava in Ozeanien: Vor der Einführung von Alkohol in der Kolonialzeit war Kava die wichtigste psychoaktive Substanz in dieser Region.
- Ko-evolutionäre Modelle: Eine Analyse von 83 ozeanischsprachigen Gesellschaften findet keine Hinweise auf eine Ko-Evolution von Kava-Trinken und soziopolitischer Komplexität.
Seit Langem diskutieren Forschende, ob der Wunsch, uns zu betrinken oder „high“ zu werden, evolutionär gesehen eher vorteilhaft oder von Nachteil sei. Einige argumentieren, dass die frühe und weit verbreitete Nutzung psychoaktiver Substanzen durch den Menschen darauf hindeutet, dass Intoxikation eine wichtige Rolle in unserer kulturellen Evolution gespielt haben könnte. Wenn Rausch soziale Bindungen stärkt, Kooperation erhöht und Kreativität anregt, könnte er laut ebendieser These die Entstehung großer, komplexer Gesellschaften begünstigt haben.
„Bislang hat die Drunk Hypothesis vor allem die Bedeutung alkoholischer Getränke herausgestellt“, sagt Václav Hrnčíř vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Er leitete eine neue Studie, die sich auf das traditionelle pazifische Getränk Kava konzentriert. „Nachdem wir kürzlich zeigen konnten, dass Alkoholkonsum tatsächlich einen positiven Effekt auf die Zunahme politischer Komplexität im globalen Maßstab haben könnte, war es ein logischer Schritt, auch andere bewusstseinsverändernde Substanzen zu untersuchen. Die Region Ozeanien ist dafür ein guter Modellfall, weil Alkohol dort bis zum europäischen Kontakt unbekannt war.“
Kava und soziopolitische Komplexität
Anstelle von Alkohol konsumierten viele ozeanische Gesellschaften Kava, ein bewusstseinsveränderndes Getränk. Es wird durch das Aufgießen von kaltem Wasser über gekaute oder gemahlene Wurzeln der Kava-Pflanze (Piper methysticum) gewonnen. Wie einige andere psychoaktive Substanzen spielt Kava eine wichtige Rolle in religiösen, sozialen und politischen Kontexten. So wird in Fidschi Kava (auch Yaqona genannt) getrunken, um mit Göttern und Ahnengeistern zu kommunizieren, bedeutende Lebensereignisse zu feiern, Gäste zu begrüßen und Streitigkeiten beizulegen.
Die traditionellen Kava-Zeremonien dienen dazu, soziale Bindungen zu stärken und bestehende politische und soziale Hierarchien zu festigen. Strenge, an sozialem Status und Titeln orientierte Regeln legen fest, wer wo sitzt, wer Kava trinken darf und in welcher Reihenfolge dies geschieht. Die Teilnahme an diesen Ritualen, sowie ein hoher Kava-Konsum sind wichtig, um innerhalb der Gemeinschaft Prestige zu erlangen und soziale Allianzen zu fördern.
Keine Hinweise auf Ko-Evolution
Die kulturelle Bedeutung von Kava in ozeanischen Gesellschaften ist gut bekannt, sein Potenzial als aktiver Motor soziopolitischer Komplexität wurde in früheren Studien jedoch nicht untersucht. „Deshalb haben wir ethnografische Daten aus 83 ozeanischsprachigen Gesellschaften zur Verbreitung des traditionellen Kava-Konsums sowie zu zwei häufig verwendeten Maßen kultureller Komplexität – politischer Zentralisierung und sozialer Stratifikation – erhoben und analysiert“, sagt Mitautor Oliver Sheehan von der University of Auckland in Neuseeland.
Um den Zusammenhang zwischen Kava und diesen beiden soziopolitischen Merkmalen zu verstehen, simulierten die Autorinnen und Autoren die Ko-Evolution der beiden Faktoren auf einem phylogenetischen Stammbaum austronesischer Sprachen. „Mithilfe dieser Methode konnten wir kausale Richtungshypothesen in der kulturellen Evolution des Kava-Trinkens und der soziopolitischen Komplexität ableiten“, erklärt Mitautor Scott Claessens von der University of Kent in Großbritannien.
Die Modelle zeigten jedoch keine Hinweise auf eine Ko-Evolution zwischen dem Kava-Trinken und den beiden soziopolitischen Merkmalen. „Folglich war das Kava-Trinken kein wesentlicher Faktor für den Anstieg kultureller Komplexität in Ozeanien“, sagt Russell Gray, leitender Autor der Studie. Die Ergebnisse stellen somit die gängige Drunk Hypothesis infrage und deuten darauf hin, dass nicht alle bewusstseinsverändernden Substanzen in der Kulturevolution die gleiche Rolle gespielt haben.












