„Es geht um eine echte Partnerschaft mit Afrika“
Afrika ist jung, vielfältig und forschungsstark. Im Interview erklären Tobias Bonhoeffer und Michaela Hergersberg, warum die Max-Planck-Gesellschaft ihre Zusammenarbeit mit afrikanischen Partnern neu denkt – und welche Rolle etablierte Instrumente wie die Max-Planck-Partnergruppen sowie neue Programme wie ARTEMIS und Bridging Minds dabei spielen.
Warum braucht die Max-Planck-Gesellschaft eine Strategie für Afrika?
Bonhoeffer: Weil wir sonst eine enorme Chance verpassen würden. Es gibt Forschungsthemen, die sich in Afrika besonders gut bearbeiten lassen – von Infektionskrankheiten über Paläontologie bis zur Klimaforschung. Gleichzeitig gibt es dort viele kluge, wissenschaftsaffine Menschen, deren Potenzial oft ungenutzt bleibt, einfach durch die schwierigen äußeren Bedingungen. Hier wollen wir unseren Beitrag leisten: vor Ort exzellente Forschung ermöglichen und dabei lokale Talente einbinden und in ihrer Entwicklung bestmöglich fördern. Neu ist dabei weniger die Frage, ob wir mit afrikanischen Forschenden zusammenarbeiten, sondern wie intensiv und partnerschaftlich wir diese Zusammenarbeit künftig gestalten.
Hergersberg: Afrika hat die jüngste Bevölkerung weltweit. Zwei Drittel der Menschen sind unter 35. Das starke Bevölkerungswachstum eröffnet grosse Chancen, birgt aber auch Risiken, wenn es an Perspektiven für die junge Generation fehlt. Forschung kann hier langfristig zur ökonomischen Entwicklung beitragen. Zugleich bietet der Kontinent eine unglaubliche Vielfalt, von Ethnien und Sprachen bis zu Klimazonen sowie Flora und Fauna – von der Wüste bis zum tropischen Regenwald. Diese Vielfalt beflügelt die Forschung.
Wie stellen Sie sicher, dass auch Afrika von der Zusammenarbeit profitiert?
Bonhoeffer: Wir wollen weg von punktuellen Aktivitäten. Ein Teleskop wie das H.E.S.S.-Projekt in Namibia zu betreiben und ein paar Menschen vor Ort anzustellen, ist wichtig. Aber wir wollen noch weitergehen, indem wir langfristig, gemeinsam und partnerschaftlich forschen und dabei das enorme Wissen und Potenzial der afrikanischen Bevölkerung nutzen. Persönlich treibt mich auch die Frage um, wie wir die globale Nord-Süd-Schere abbauen können – denn Ungleichheit ist ein großes Risiko für die gesamte Weltgemeinschaft.
Stichwort Braindrain: Welche Programme wirken dem entgegen?
Bonhoeffer: Die Sorge, dass die Menschen in Deutschland bleiben und nicht in ihre Heimatregion zurückkehren, ist uns bei unseren bisherigen Delegationsreisen ins südliche und östliche Afrika fast überall begegnet. Das Programm der Max-Planck-Partnergruppen setzt genau hier an: Wer als Postdoc mindestens sechs Monate an einem MPI gearbeitet hat und zurückkehrt, erhält jährlich 20.000 Euro Anschubfinanzierung für bis zu fünf Jahre, um eine eigene Gruppe aufzubauen. Das signalisiert klar, dass wir Rückkehr fördern. Für viele Menschen in Afrika ist das ein entscheidendes Signal, dass es uns um eine echte Partnerschaft geht – und nicht darum, die besten Leute abzuwerben.
Hergersberg: Eine Herausforderung ist, dass bislang noch zu wenige afrikanische Forschende lange genug an einem unserer Max-Planck-Institute forschen, um die Kriterien zu erfüllen, eine eigene Partnergruppe in ihrer Heimat aufzubauen. Das verbessert sich langsam. Daher arbeiten wir auch an neuen, niedrigschwelligen Formaten.
Welche sind das?
Hergersberg: Wir haben in jüngster Zeit zwei Programme ins Leben gerufen: ARTEMIS ist ein einjähriges Mentoring-Programm für Studierende, Promovierende und frühe Postdocs aus Afrika. Die Mentees werden von PhDs, Postdocs oder Gruppenleitenden aus der MPG begleitet und verbringen einen Forschungsaufenthalt von vier Wochen an einem Max-Planck-Institut. Der Austausch ist bewusst nahbar angelegt – auf Augenhöhe, eher wie unter Geschwistern. Die jungen Leute sollen alles fragen dürfen, und das ist einfacher, wenn nicht so viele Hierarchiestufen zwischen ihnen liegen.
Und das zweite Programm?
Hergersberg: Bridging Minds richtet sich an Promovierende aus der MPG, die an afrikanischen Partnerinstitutionen einwöchige Workshops zu ihrer Forschung geben. So sollen Interesse für Afrika geweckt und Hemmschwellen abgebaut werden – mit dem Ziel, später auch in Afrika zu forschen oder zu leben. Und sich den Lebensbedingungen zu öffnen, die man vielleicht nicht so gewohnt ist aus dem Globalen Norden. Ein wesentlicher Anteil dieses Programms ist nämlich auch, dass die afrikanischen Partnereinrichtungen ihrerseits etwas bieten müssen, in der Regel etwas Kulturelles, in das unsere Doktorandinnen und Doktoranden eingebunden werden. So lernen auch sie etwas über dieses Land und nehmen als Max-Planckler etwas mit nach Hause.
Wie werden diese Programme angenommen?
Hergersberg: Beide Programme sind ein großer Erfolg. Das Feedback war überwältigend. Ich werde jetzt schon gefragt, wann die nächsten Ausschreibungen sind. Gleichzeitig zeigt sich: Die MPG ist in Afrika noch zu wenig bekannt.
Bonhoeffer: Ja, das hat uns bei unseren bisherigen Reisen überrascht. Selbst Universitätsleitungen in Afrika wissen oft kaum, was Max-Planck ist und was wir für afrikanische Forschende zu bieten haben.
Wie wollen Sie die Sichtbarkeit erhöhen?
Bonhoeffer: Wir arbeiten eng mit dem Network of African Science Academies (NASAC) zusammen, das wir auch in Nairobi besucht haben. Es handelt sich um einen Zusammenschluss aller afrikanischen wissenschaftlichen Akademien. Gemeinsam brainstormen wir, über welche Kanäle sich mehr Aufmerksamkeit erzielen lässt, also über Social Media, über Flyer, auch über High-Level Meetings, um die Leute vor Ort zu erreichen. Das sind alles Maßnahmen, die sich vergleichsweise leicht und mit wenig finanziellen Mitteln umsetzen lassen. Aber wir müssen uns reinhängen und dranbleiben.
Apropos „dranbleiben“: Woran messen Sie den Erfolg einer Afrika-Strategie in zehn Jahren?
Bonhoeffer: Wenn Afrika als Forschungs- und Kooperationsraum selbstverständlich mitgedacht wird – und die MPG dort ebenso präsent ist wie afrikanische Partner bei uns. All das sind wichtige Schritte, um die globale Nord-Süd-Schere aufzubrechen.
Hergersberg: Für mich wäre es ein Erfolg, wenn Programme wie ARTEMIS und Bridging Minds fest etabliert sind. Und junge Forschende anschließend von weiteren Programmen der MPG profitieren. Einen Meilenstein, den ich erst in zehn Jahren erwartet hätte, haben wir schon mit dem ersten ARTEMIS-Call erreicht: Geoffrey Andama, einer der Mentees, wurde schnurstracks zum Max-Planck-Humboldt-Forschungsgruppenleiter gewählt. Solche Beispiele zeigen, welches Potenzial unsere Programme haben.
Das Interview führte Petra Maaß







