Forschungsbericht 2025 - Max-Planck-Institut für Rechtsgeschichte und Rechtstheorie
Die Vergangenheit des Rechts hören, sehen und gemeinsam gestalten
Listening, seeing and co-creating law’s past
Die Ziele der Rechtsgeschichte neu denken
Wozu dient Rechtsgeschichte, und wie sollte sie geschrieben werden? In den vergangenen Jahrzehnten hat sich der Fokus von der Legitimation bestehender Rechtsordnungen hin zu Pluralität, Konflikt und Kontingenz verschoben. Kritische Ansätze seit den 1970er-Jahren richten den Blick auf die vielfältigen Akteurinnen und Akteure, Medien und Praktiken, durch die Recht hervorgebracht wird.
Vor diesem Hintergrund entstand 2021 das von Karla Escobar initiierte Projekt Transmedia HistoryTelling. Es versteht Recht als Geflecht vielfältiger Praktiken in unterschiedlichen Medien und sozialen Räumen und zielt darauf, das methodische Repertoire der Rechtsgeschichte zu erweitern. Dafür erweiterten wir klassische akademische Formate und integrierten Videos, Comics, Wandmalerei und kollaborative Workshops.
Der Ansatz verfolgte drei Ziele: die oft in europäischen Darstellungen nicht-europäischer Rechtswelten verankerten hierarchischen Wissensverhältnisse zu hinterfragen, die Erprobung kreativer Formate für die rechtsgeschichtliche Forschung zu nutzen und den Anschluss an Zielgruppen und Bereiche, in denen rechtsgeschichtliche Reflexion bislang kaum stattfindet.
Transmediale Rechtsnarrative in der Praxis
Konkrete Ausdrucksformen fand dieser Ansatz unter anderem in der Gesprächsreihe „Transmedia HistoryTelling Live“ sowie in einer transmedialen rechtsgeschichtlichen Erzählung, die auf Escobars Dissertation zu indigenen Rechtspraktiken im frühen 20. Jahrhundert in Cauca (Kolumbien) basiert.
Kurze Social-Media-Videos wie die Mikroserie „¡A Desalambrar!“ und der kollaborative Film „A Video Made by Many Hands: Law, Memory and Nationhood“ verbanden Archivforschung mit den Anliegen indigener Gemeinschaften während der Sozialproteste 2021. Sie rahmten Debatten um historische Gerechtigkeit neu ein und beleuchteten die Herkunft von Konzepten wie dem Misak Derecho Mayor [1].
Der Comic „Path and Rupture“ [2] stellt Perspektiven einzelner Gemeinschaften und rechtsgeschichtliche Interpretationen nebeneinander und macht so Divergenzen, Überschneidungen und Lücken sichtbar. Er gibt Aufschluss darüber, wie verschiedene Beteiligte indigene Rechtsvergangenheiten verstehen [3]. In den ländlichen und städtischen Gemeinschaften von Cauca und Valle del Cauca regte das Projekt gemeinsame Reflexionen über Familiengeschichten und Erinnerungen an und gipfelten in mobilen Wandgemälden, die ein spekulatives Bild einer normativen Zukunft zeichnen.
Über diese Formate hinweg machten transmediale Praktiken Dimensionen von Recht sichtbar, die schriftliche Archive zumeist ausblenden, etwa affektive Bindungen, territoriale Bezüge und Spannungen zum staatlichen Recht. Zugleich zeigte sich deren versöhnendes Potenzial in konflikthaften Kontexten.
Koloniale Normativitäten im Podcastformat
In den vergangenen zwei Jahren ist dieser Ansatz im Projekt „Tramas Coloniais“ weitergeführt worden, einem siebenteiligen Dokumentationspodcast zu Kolonialismus und seinen Normativitäten in Afrika. Der Podcast ist in der Forschungsgruppe „Mutual Dependencies and Normative Production in Africa“ unter der Leitung von Raquel Sirotti entstanden. Er verbindet Rechtsgeschichte, Oral History und Public History und untersucht, wie koloniale Normativitäten in afrikanischen Kolonial- und Postkolonialkontexten entstanden, aufrechterhalten und herausgefordert wurden [4]. Die Episoden basieren auf schriftlichen und auditiven Archivquellen, Feldforschungsaufnahmen aus mehreren afrikanischen Ländern sowie aktuellen Interviews mit Forschenden und lokalen Akteuren und Akteurinnen.
Statt diese Materialien in einem herkömmlichen Artikel oder Sammelband zusammenzufassen, nutzt das Projekt Audio als Publikationsform. Mit über 100.000 Downloads in mehr als 40 Ländern zeigt der Podcast die hohe Nachfrage nach forschungsbasierten Inhalten und unterstreicht die wachsende Bedeutung von Podcasts als wissenschaftliche Publikationsform. Zugleich eröffnet das Format neue Zugänge zu aktuellen Debatten über Wiedergutmachung, Restitution, Gebietsansprüche und Entschädigung im Kontext kolonialer Vergangenheit.
Durch die akustische Nähe zu Stimmen und Erinnerungen zeigt das Format, wie Menschen über Rechte, Land, Arbeit und Erinnerung sprechen. Der Podcast macht Kontinuitäten und Spannungen zwischen kolonialen Rechtskategorien und heutigen Vorstellungen von Ungerechtigkeit sichtbar und bietet ein analytisches Rahmenwerk zur Einordnung von Oral Histories als rechtlich relevante Quellen [5].
Implikationen und Zukunftsperspektiven
Die Projekte zeigen, dass in kolonial geprägten Gesellschaften eine grundlegende Kluft zwischen gelebter Erfahrung und staatlichem Recht besteht. Wo Archive zentrale Alltagsdimensionen ausblenden, eröffnen transmediale Ansätze neue analytische Zugänge mit wissenschaftlichen, ethischen und politischen Implikationen.
Anknüpfend an Ruha Benjamins Hinweis, dass jede Rechtsordnung einst imaginiert wurde, versteht Transmedia HistoryTelling Rechtsgeschichte als Raum gemeinsamer Reflexion über Recht. Die Leitfrage verschiebt sich von der Rekonstruktion vergangener Ordnungen hin zur Frage, wie rechtsgeschichtliches Wissen zukünftige normative Ordnungen mitgestalten kann.













