Quo vadis, Bafög?
Die Bafög-Zahlen sind so niedrig wie seit 25 Jahren nicht mehr. Eine Studie zeigt, was Studierende abschreckt
Ein Beitrag von Sebastian Riedmiller
Bildung gilt in Deutschland als zentraler Hebel für soziale Mobilität und Chancengleichheit. Eine Ausbildung oder ein Studium soll unabhängig vom Elternhaus möglich sein – zumindest dem Anspruch nach. Genau dafür wurde das Bundesausbildungsförderungsgesetz, kurz Bafög, geschaffen. Kaum ein bildungspolitisches Gesetz wird in Deutschland so regelmäßig und kontrovers diskutiert wie das Bafög. Alle zwei Jahre legt die Bundesregierung einen Bericht vor, der die neuesten Entwicklungen dokumentiert.
Der 24. Bericht zum Bafög aus dem Dezember 2025 sprach dabei eine deutliche Sprache: Immer weniger junge Menschen beziehen Bafög. Die Zahl der Geförderten ist auf dem niedrigsten Stand seit dem Jahr 2000. Obwohl Reformen in den vergangenen Jahren die Einkommens- und Vermögensfreigrenzen sowie andere Freibeträge mehrfach angehoben und damit den Kreis der Anspruchsberechtigten erweitert haben, spiegelt sich dies nicht in höheren Förderungszahlen wider. Dies wirft die Frage auf: Warum beantragen viele Studierende BAföG gar nicht, obwohl sie anspruchsberechtigt sind?
In Deutschland gab es dazu bislang keine Daten. Bisherige Studien und Umfragen beleuchten zwar zentrale Gründe für die fehlende Inanspruchnahme, unterscheiden dabei jedoch nicht zwischen Bafög-berechtigten und nicht-berechtigten Studierenden. Gemeinsam mit Sascha Strobl vom Fraunhofer-Institut für Informationstechnik FIT ging ich der Frage in einer Studie unter rund 22.000 Studierenden aus ganz Deutschland nach.
Was haben wir untersucht?
Wir haben den Teilnehmenden Fragen zu ihrer aktuellen finanziellen Situation und ihrem familiären Hintergrund gestellt. Mit diesen Informationen konnten wir mithilfe einer Mikrosimulation identifizieren, welche Studierenden Bafög-berechtigt sind, aber kein Bafög beantragen. Zusätzlich erfassten wir, aus welchen Gründen die Studierenden kein BAföG beantragen, ob sie selbst glauben berechtigt zu sein, und wie sie die Rahmenbedingungen des BAföGs – die Einkommensgrenzen für Eltern, die Förderhöhe und die Rückzahlung – einschätzen.
Was fanden wir heraus?
- Bis zu 70 Prozent der Studierenden mit Bafög-Anspruch stellen keinen Antrag. Die größte Hürde besteht darin, dass die Studierenden nicht wissen, Bafög-berechtigt zu sein.
- Mehr als 80 Prozent der von uns als anspruchsberechtigt identifizierten Studierenden gehen aufgrund ihrer persönlichen und familiären Situation fälschlicherweise davon aus, dass sie kein Bafög erhalten würden, wenn sie einen Antrag stellen. Tatsächlich könnten sie im Durchschnitt allerdings rund 500 Euro pro Monat erhalten.
Ein Hauptgrund für die ausbleibende Antragstellung der Studierenden ist die Annahme, dass das Einkommen ihrer Eltern zu hoch für einen Bafög-Anspruch ist. Denn die meisten Studierenden unterschätzen die Einkommensgrenzen der Eltern für einen Bafög-Bezug massiv.
Diese Fehleinschätzungen sind kein Randphänomen, sondern weit verbreitet. In unserer Befragung zeigt sich, dass nahezu alle Studierenden mindestens eine falsche Annahme über das Bafög haben – oft sogar mehrere. Besonders häufig ist die Vorstellung, BAföG sei ausschließlich für sehr einkommensschwache Familien gedacht. Dieses Bild ist historisch gewachsen, entspricht aber längst nicht mehr der aktuellen Rechtslage.
Tatsächlich sind auch viele Studierende aus der Mittelschicht förderberechtigt. Bei Studierenden mit einem Geschwisterkind liegt die Einkommensgrenze der Eltern für einen positiven Bafög-Anspruch etwa bei rund 120.000 Euro brutto pro Jahr. Eine Teilförderung von 500 Euro Bafög gibt es in diesem Fall bei einem gemeinsamen Elterneinkommen von etwa 85.000 Euro.
Kein Wissen, kein Antrag
Dass dieses Wissen kaum verbreitet ist, weist auf ein strukturelles Informationsproblem hin: Vielen Studierenden ist schlicht nicht klar, wie hoch die Freibeträge im Bafög sind und wie sich diese auf die individuelle Situation übertragen. Ihnen fehlt das Wissen, ab welchem Einkommen der Eltern ein möglicher Bafög-Bezug endet.
Auf der anderen Seite stellt etwa jede achte anspruchsberechtigte Person keinen Bafög-Antrag, obwohl ihr der eigene Anspruch bewusst ist. Der Hauptgrund hierfür ist, dass sie keine Schulden aufnehmen möchten. Allerdings wissen viele dieser Studierenden nicht, dass nur die Hälfte des Bafögs und maximal 10.010 Euro zurückgezahlt werden muss. Sie überschätzen also die möglichen Schulden, die auf sie zukommen würden.
Abschreckend wirkt auch die wahrgenommene Komplexität des Antragsverfahrens. Obwohl die Digitalisierung des Bafög-Antrags weiter voranschreitet und damit auch dessen Vereinfachung, wird dieser weiterhin von vielen Studierenden als zu aufwendig wahrgenommen.
Hinweis auf dem Steuerbescheid?
Im Idealfall würden junge Menschen und ihre Eltern bereits im Schulabschlussjahr informiert, dass bei ihrem Einkommen ein Bafög-Anspruch besteht – einfach über den Steuerbescheid oder die Lohnsteuerbescheinigung. Zugegebenermaßen ist dies nicht ohne Weiteres umzusetzen.
Eine Alternative, um den Antrag zu vereinfachen, wäre, die Steuer- und Einkommensinformationen bei den Finanzämtern mit Zustimmung der Antragstellenden für die Bafög-Ämter zugänglich zu machen, sodass Studierende nur noch wenige eigene Nachweise erbringen müssten. Dies würde die Antragstellung vereinfachen, allerdings nicht das Problem lösen, dass Anträge aufgrund fehlender Kenntnis über die eigene BAföG-Berechtigung ausbleiben.
Wie stark dieses Problem wirkt, zeigt ein weiteres Ergebnis unserer Studie. Wir haben die Studierenden gefragt, wie hoch das Bafög mindestens sein müsste, damit sie einen Antrag stellen würden. Bei zwei Dritteln der Berechtigten lag dieser Betrag unter ihrem tatsächlichen Anspruch. Vermutlich würde ein Teil dieser Studierenden also den Aufwand auf sich nehmen und einen Antrag stellen, wenn sie besser über die eigene Berechtigung Bescheid wüssten.
Mehr Information, mehr Anträge
Genau dies stellten wir in der Studie als Intervention bereit: Am Ende der Befragung erhielt die Hälfte der Teilnehmenden Informationen zu den allgemeinen Bafög-Bedingungen – also zu Höchstgrenzen für Elterneinkommen, Förderhöhe und Rückzahlung – sowie eine individuelle Schätzung ihres erwarteten Bafög-Anspruchs. Diese gezielten Informationen führten dazu, dass signifikant mehr Studierende ein Jahr später Bafög bezogen. Der Anstieg der Inanspruchnahme lässt sich direkt auf die Verringerung von Fehleinschätzungen zum BAföG insgesamt und zum eigenen Anspruch zurückführen. Aus sozialpolitischer Sicht besonders erfreulich: Vor allem sozial benachteiligte Studierende reagierten auf die Intervention und stellten einen Antrag.
Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass die politische Diskussion nicht allein um höhere Freibeträge, Zuschläge und Förderbeträge geführt werden darf – sondern auch um eine andere Frage: Wie können wir die Informationslücken schließen, die viele Anspruchsberechtigte vom Bafög-Antrag fernhalten?
Zielgerichtete Infos per Chatbot?
Ein Schritt in die richtige Richtung ist dabei bereits getan. Im Bundesetat 2026 sind 500.000 Euro für einen Bafög-Chatbot vorgesehen. Genau dieser KI-basierte Chatbot wird derzeit am Fraunhofer FIT entwickelt und in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomik wissenschaftlich evaluiert. Das Ziel eines solchen Chatbots ist klar: Junge Menschen sollen die Möglichkeit bekommen, sich barrierefrei und niederschwellig über das Bafög zu informieren, ohne selbst Informations-Schnipsel aus verschiedenen Quellen zusammensuchen zu müssen. Zusätzlich bietet der Chatbot die Möglichkeit, direkt den eigenen Bafög-Anspruch zu berechnen. Eine mögliche Ausweitung besteht außerdem darin, dass der Chatbot Anträge auf Vollständigkeit prüfen kann. Entsprechend würde der Chatbot nicht nur zum Abbau von Fehleinschätzungen hinsichtlich der BAföG-Rahmenbedingungen und des eigenen Anspruchs beitragen, sondern auch die Antragsstellung und -bearbeitung effizienter gestalten.
Lange Bearbeitungszeiten
Denn viele Studierende warten nach der Antragstellung lange auf ihren Bafög-Bescheid. Laut den Teilnehmenden in unserer Studie wurde nur jeder zweite Bafög-Antrag innerhalb von drei Monaten bearbeitet. Wenn anschließend noch Dokumente nachgereicht werden müssen, verzögert sich die finale Entscheidung weiter – eine Zeit, die junge Menschen anderweitig überbrücken müssen.
Der Bafög-Chatbot kann hier Abhilfe schaffen: Er kann zu Entlastungen im System beitragen, indem mehr vollständige Anträge eingereicht werden und so den Arbeitsaufwand für die überlasteten Bafög-Ämter verringert.
Eltern entlasten
Trotz aller Diskussionen um die Probleme dürfen wir die gute Nachricht nicht vergessen: Das Bafög funktioniert. Unsere Studie zeigt, dass Studierende, nachdem sie einen positiven Bafög-Bescheid erhalten, mehr Geld zur Verfügung haben, obwohl ihre Eltern gleichzeitig weniger finanzielle Unterstützung leisten. Gerade das beleuchtet eine wenig diskutierte, aber dennoch ungemein wichtige Dimension des Bafögs. Letzten Endes sind es nicht nur die Studierenden selbst, die ihren Lebensunterhalt finanzieren, sondern auch ihre Eltern. Wenn der Bezug von Bafög, wie in unserer Studie gezeigt, auch die Eltern entlastet, profitiert der Staat doppelt. Mehr Menschen können sich ein Studium leisten, ohne die Kaufkraft ihrer Eltern maßgeblich zu beeinträchtigen. Das Bafög erfüllt also seinen Zweck und sorgt für mehr sozialen Ausgleich.
Kürzungen im Bundesetat um fast 20 Prozent
Darauf darf sich die Politik jedoch nicht ausruhen. Daten aus den letzten Jahren zeigen, dass etwa ein Drittel der Studierenden armutsgefährdet ist. Zusätzlich ist die Mietsituation vor allem in Großstädten weiterhin angespannt. Um ein Studium weiterhin unabhängig vom Elternhaus zu ermöglichen, muss auch das Bafög weiterentwickelt und an die aktuelle Studiensituation angepasst werden. Für den diesjährigen Bundeshaushalt wurde der Topf für das Studierenden-Bafög allerdings um fast 20 Prozent gekürzt. Dabei ist es wichtig, dass die Politik das Bafög nicht nur als Ausgabe im Staatsetat sieht, sondern auch als Investition in die Zukunft anerkennt. Höhere Studienabschlüsse führen in der Regel auch zu höheren Einkommen und damit zu höheren Steuereinnahmen für den Staat. Umso wichtiger ist es, dass das Bafög auch von denjenigen in Anspruch genommen wird, die berechtigt sind.
Hochgerechnet auf ganz Deutschland würde der von uns erzielte Effekt der gestiegenen Inanspruchnahme zu 180 Millionen Euro mehr gezahlten Bafög-Leistungen führen – eine Summe, die langfristig in Mehrsteuereinnahmen zurückgezahlt würde. Der Bafög-Chatbot könnte sogar noch größere Potenziale entfalten.
Eine Frage der Bildungsgerechtigkeit
Am Ende der Diskussion bleibt eine einfache, aber grundlegende Frage: Wollen wir in Deutschland weiterhin ein Hochschulsystem, das allen offensteht, die studieren können – oder nur jenen, die es sich leisten können? Für die Bildungsgerechtigkeit in Deutschland kann es nur eine Antwort geben. Und die führt nicht an einer Weiterentwicklung des Bafögs und dessen Informationslage vorbei, die auch die vielen Menschen mitnimmt, die trotz Anspruch keinen Antrag stellen.














