Schimpansen lösen Ressourcenkonflikte besser in größeren, toleranteren Gruppen
Kooperation und Führungsqualitäten prägen den nachhaltigen Umgang mit gemeinsamen Ressourcen bei unseren nächsten Verwandten
Auf den Punkt gebracht
- Ressourcennutzung: Schimpansengruppen gelingt es, in sozialen Dilemmata gemeinsame Ressourcen nachhaltig zu nutzen.
- Unerwarteter Gruppengrößeneffekt: Vierergruppen behielten deutlich länger Zugang zu einer gemeinsamen Ressource als Paare.
- Soziale Toleranz macht den Unterschied: Gruppen, die sich durch wenig Aggressionen und hohe soziale Toleranz auszeichneten, waren bei der langfristigen Sicherung der Ressource am erfolgreichsten.
- Die Rolle von Dominanz: Die Kooperationsbereitschaft war am höchsten, wenn der ranghöchste Schimpanse Zurückhaltung zeigte, was die Bedeutung toleranter Führungsstile unterstreicht.
Obwohl der Mensch zu den kooperativsten Lebewesen auf unserem Planeten gehört, gelingt es ihm häufig nicht, gemeinsame Ressourcen nachhaltig zu verwalten. Wir überfischen die Ozeane, verbrennen fossile Brennstoffe und verschreiben zu viele Antibiotika – allesamt Verhaltensweisen, die zwar kurzfristig individuelle Vorteile bieten, langfristig jedoch negative Folgen für die Allgemeinheit haben. Die Erforschung unserer nächsten Verwandten, der Menschenaffen, kann uns dabei helfen, zu verstehen, wie sich die menschliche Kooperationsfähigkeit entwickelt hat und unter welchen Bedingungen nachhaltige Zusammenarbeit tendenziell erfolgreich sein oder scheitern kann.
In einer neuen Studie gehen Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig dieser Frage nach. Dazu präsentieren sie Schimpansen ein simuliertes „Ressourcendilemma“, das den Konflikt zwischen persönlichem Gewinn und kollektiver Nachhaltigkeit verdeutlicht.
Ein Ressourcendilemma für Schimpansen
Die Schimpansen trafen auf eine Schüssel mit Joghurt – eine begehrte Leckerei – an die sie mithilfe von Stöcken gelangen konnten. Die Stöcke stützten jedoch auch einen Deckel, der sich langsam über der Ressource schloss, wenn die Stöcke nicht mehr darunter waren. Daher musste mindestens ein Stock in der Schüssel bleiben, um den Zugang zu gewährleisten. Schloss sich der Deckel vollständig, konnte er nicht wieder geöffnet werden. „Es gab einen klaren Konflikt zwischen individueller Nahrungsaufnahme und der Sicherung der Verfügbarkeit der Ressource für die Gruppe“, erklärt Erstautorin Kirsten Sutherland. „Um den Zugang aufrechtzuerhalten, musste mindestens ein Schimpanse vorübergehend auf die Nahrungsaufnahme verzichten.“
Da es genauso viele Stöcke wie Schimpansen gab, konnten nicht alle Tiere gleichzeitig fressen, wenn die Gruppe den Joghurt zugänglich halten wollte. Um den Einfluss der Gruppengröße zu untersuchen, führten die Forschenden die Studie entweder mit zwei Tieren oder mit vier Tieren durch. Insgesamt nahmen 24 Gruppen an 18 Studien- und 18 Kontrolldurchgängen teil. In den Kontrolldurchgängen gab es keinen Deckel, sodass kein Dilemma existierte und die Forschenden messen konnten, wie schnell die Stöcke unter normalen Bedingungen entfernt wurden.
Größere Gruppen arbeiteten effektiver zusammen
Entgegen der Erwartungen, die auf Forschungen zur Kooperation beim Menschen basieren, lösten die Paare das Dilemma nicht besonders gut. Unter Studien- und Kontrollbedingungen verhielten sie sich ähnlich und entfernten in der Regel schnell alle Stöcke, sodass der Joghurt unzugänglich wurde.
Die Vierergruppen hingegen folgten einem klaren Muster: Im Durchschnitt verblieb ein Stock 83 Sekunden länger im Behälter, wenn sich der Deckel ansonsten geschlossen hätte. „Dieselben Schimpansen, die das Dilemma zu zweit nicht lösen konnten, zeigten in einer größeren Gruppe mehr Sensibilität“, sagt Sutherland. „Sie änderten ihr Verhalten so, dass die gesamte Gruppe davon profitierte.“
Mit sozialer Toleranz und Führungsqualitäten zum Erfolg
Die Zusammenarbeit war in Gruppen mit hoher sozialer Toleranz am erfolgreichsten – das sind Gruppen, deren Mitglieder in der Regel viel Zeit in unmittelbarer Nähe zueinander verbrachten und nur wenig Aggressivität zeigten. Die Forschenden stellten außerdem fest, dass die Ressource länger zugänglich blieb, wenn der ranghöchste Schimpanse keinen Stock zur Verfügung hatte. „Dies zeigt, dass Dominanz nicht unbedingt die Zusammenarbeit untergräbt“, sagt der leitende Autor Daniel Haun. „Entscheidend ist, wie dominante Individuen ihre Position nutzen. Wenn hochrangige Schimpansen Zurückhaltung übten, kam dies der gesamten Gruppe zugute.“
Wenn jedoch dominante Individuen mehr als ihren Anteil nahmen – was bei Schimpansen aufgrund ihrer starken sozialen Hierarchien möglich ist – war es wahrscheinlicher, dass die kollektive Nachhaltigkeitsstrategie scheiterte.
Weitreichende Auswirkungen
Diese Erkenntnisse tragen zur wachsenden Zahl von Forschungsarbeiten über Dominanz, soziale Toleranz und prosoziales Verhalten bei Schimpansen bei. Die Studie zeigt, wie Schimpansengruppen ihre Ressourcen nachhaltig verwalten und von einem toleranten, kooperativen Dominanten profitieren können.
Die Ergebnisse haben auch Auswirkungen auf die Konzeption von Studien zur Kooperation bei nichtmenschlichen Primaten. Während viele Studien zur sozialen Kognition Menschenaffen paarweise testen, deuten die neuen Erkenntnisse darauf hin, dass diese Vorgehensweise womöglich nicht optimal ist. „Schimpansen sind an das Leben in der Gruppe angepasst“, sagt Haun. „Wenn wir ihre Kooperationsfähigkeiten verstehen wollen, müssen wir sie in sozialen Kontexten untersuchen, die diese Realität widerspiegeln.“
Die Studie zeigt deutlich, dass eine nachhaltige Zusammenarbeit zwischen Schimpansen nicht nur von der Gruppengröße, sondern auch von sozialer Toleranz sowie dem Verhalten von Individuen in Machtpositionen abhängt - Erkenntnisse, die möglicherweise auch für menschliche Gesellschaften relevant sein könnten.












