Forschungsbericht 2025 - Max-Planck-Institut für demografische Forschung

Wo die klügsten Köpfe der Wissenschaft hingehen

Autoren
Aliakbar Akbaritabar, Maciej J. Dańko, Xinyi Zhao, Emilio Zagheni
Abteilungen
Abteilung Migration und Mobilität (Akbaritabar, Dańko, Zhao, Zagheni) Arbeitsbereich Demografische Daten (Dańko) Bevölkerungsdynamik und Nachhaltiges Wohlbefinden (Zagheni)
Zusammenfassung
Am Max-Planck-Institut für demografische Forschung wurde die Scholarly Migration Database um regionale Daten erweitert, um zu untersuchen, wie Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen international zwischen und innerhalb von Ländern migrieren. Wir stellten große Unterschiede in der Attraktivität verschiedener Länder und Regionen für die Forschenden fest. Wenn eine Region ein beliebtes Ziel ist, kommen diese sowohl aus dem Inland als auch aus dem Ausland. Weniger attraktive Ziele weisen dabei komplexere Muster auf.

Weltweit stehen Länder in Konkurrenz um die hellsten Köpfe zueinander. Zu verstehen, welche Länder bei der Anwerbung wissenschaftlicher Talente erfolgreich sind, und die beliebtesten Regionen innerhalb dieser Länder zu identifizieren, ist für die Planung von politischen Strategien und Anreizen hilfreich. Wir haben die Unterschiede in der Migration wissenschaftlicher Talente in 211 Ländern und Gebieten weltweit untersucht.[1] Die Studie untersucht sowohl die Binnenmigration innerhalb von Ländern als auch die internationale Migration zwischen Ländern: Wie viele Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ziehen innerhalb ihres Landes um, und wie viele gehen ins Ausland? Welche Regionen in einem Land sind für Zuwandernde aus dem Ausland besonders attraktiv, und aus welchen Regionen wird eher weggezogen?

 

Für unsere Studie haben wir mehr als 33 Millionen Publikationen von über 19 Millionen Autoren und Autorinnen analysiert und Migrationsbewegungen anhand von Veränderungen der institutionellen Zugehörigkeiten zwischen 1996 und 2020 gemessen. Unsere Forschung liefert die erste detaillierte und umfassende Untersuchung der Mobilität von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen auf subnationaler Ebene in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Sie zeigt, dass bestimmte Regionen von einem erheblichen Zustrom interner und internationaler akademischer Talente profitieren. So zogen beispielsweise Regionen im Westen der USA bis vor kurzem kontinuierlich Forschende aus aller Welt an, während andere US-Regionen, die einen positiven Zustrom aus dem Ausland verzeichnen, einen großen Teil ihrer Forschenden an andere Regionen im eigenen Land verlieren. Das spiegelt den allgemeinen demografischen Trend in den USA wider, wo akademische Fachkräfte tendenziell von Ost nach West migrieren.

Dies deutet darauf hin, dass Mobilität zwar die interregionale und internationale Zusammenarbeit erleichtert und damit der gesamten wissenschaftlichen Gemeinschaft zugutekommt, die Konzentration wissenschaftlicher Talente in ausgewählten subnationalen Regionen jedoch die Entstehung von Innovationszentren fördern könnte. Diese Regionen könnten einen kumulativen Vorteil erzielen, da eine kritische Masse an Forschenden noch mehr Talente, Finanzmittel und Kooperationspartner anzieht.

Wir haben bei einigen subnationalen Regionen ein deutliches Muster festgestellt. Einige Regionen auf allen Kontinenten der Welt, etwa Peking in China, schicken seit über zehn Jahren regelmäßig Forschende ins Ausland. Im Gegensatz dazu haben andere Regionen, wie Trentino-Südtirol in Italien, im gleichen Zeitraum kontinuierlich Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus dem Ausland aufgenommen. Weitere Untersuchungen unter Verwendung unserer öffentlich zugänglichen Daten in der Scholarly Migration Database können die Gründe für diese Trends aufdecken und die regionalen Auswirkungen für die Zukunft beleuchten.

Beim Beispiel Deutschland dominieren bei Verwendung der absoluten Zahl der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die in eine Region kommen oder diese verlassen, die Bundesländer mit den größten Wissenschaftssystemen wie Bayern und Nordrhein-Westfalen das Bild. Wir empfehlen jedoch, stattdessen die Zahl der Forschenden in einer Region heranzuziehen, um die absoluten Zahlen in eine relative Perspektive und ein größeres Gesamtbild zu stellen. Darüber hinaus empfehlen wir, anstelle der jährlichen absoluten Zahlen durchschnittliche Anteile über einen längeren Zeitraum zu verwenden, die stabilere Trends zeigen.

Nach Berücksichtigung dieser Aspekte haben wir festgestellt, dass Forschende mit „internationalem” Hintergrund überwiegend aus England, Kalifornien und der Île-de-France kamen und nach Brandenburg, Rheinland-Pfalz und Bremen gingen. Umgekehrt verließen die meisten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen diese Bundesländer in Richtung internationaler Ziele, um nach England, Kalifornien und in die Île-de-France zu gehen.

Was die „interne” Mobilität zwischen den Bundesländern betrifft, so kamen die meisten Forschenden nach Schleswig-Holstein, Berlin und Thüringen. Sie stammten aus Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. In umgekehrter Richtung verließen die meisten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen Schleswig-Holstein, Berlin und Thüringen, um nach Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg zu ziehen.

Die in dieser Studie aufgezeigten Unterschiede in der Attraktivität zwischen subnationalen Regionen haben erhebliche Auswirkungen auf die Wissenschaftspolitik und -praxis. Auf einigen Kontinenten nimmt die Ungleichheit in der internationalen Migration von Forschenden zu, wobei immer weniger Länder akademische Talente anziehen. Auf regionaler Ebene, innerhalb einzelner Länder, verringern sich jedoch die Unterschiede in der Attraktivität. Die interne Mobilität zwischen subnationalen Regionen trägt zur Dynamik der Wissensproduktion und -verbreitung bei und wurde in Studien aufgrund fehlender Daten bislang kaum untersucht. Unsere Studie hat die zugrunde liegenden Wechselwirkungen zwischen den beiden Migrationssystemen untersucht und festgestellt, dass bestimmte subnationale Regionen sowohl für interne als auch für internationale Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen attraktiv sind. Für einige Regionen besteht hingegen die Gefahr, dass sie sowohl innerhalb des Landes als auch international Nettoabsender von Forschenden sind. Peking ist ein Beispiel für eine solche gefährdete Region. Je nachdem, wie gut eine Region in der Lage ist, die Bildung neuer Wissenschaftsgruppen zu fördern, kann dies entweder als Verlust von Talenten oder als Fähigkeit bestimmter Regionen interpretiert werden, Einfluss auf andere Regionen ihres Landes oder international zu nehmen.

Die Scholarly Migration Database enthält detaillierte Daten zur Mobilität in der Wissenschaft. Die Plattform stellt hochwertige Datensätze und Schätzungen für Forschung, Journalismus und Politikanalyse bereit und ermöglicht deren Untersuchung über ein interaktives Dashboard. Das Dashboard wurde von Tom Theile entwickelt, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Softwareentwickler am MPIDR.

Die Scholarly Migration Database wird vom MPI für demografische Forschung zusammengestellt.

Literaturhinweise

Akbaritabar, A.; Dańko, M. J.; Zhao, X.; Zagheni, E.
Global subnational estimates of migration of scientists reveal large disparities in internal and international flows
PNAS, 122:15, e2424521122 (2025)
 

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