Wie Menschen Tiere sehen: Sie denken und fühlen - aber nicht wie wir

Studie dokumentiert kulturübergreifend ähnliche Einschätzungen

19. Dezember 2025

Auf den Punkt gebracht

  • Kulturübergreifender Konsens: In über 33 Gemeinschaften in 15 Ländern sind sich Kinder und Erwachsene einig, dass Tiere denken und fühlen können, wenn auch anders als Menschen.
  • Menschliche Einzigartigkeit: Der Glaube an die Einzigartigkeit des menschlichen Denkens entsteht früh und bleibt über die gesamte Lebensspanne hinweg stabil. Ob Tiere dem Menschen ähnliche Emotionen besitzen, darüber besteht weniger Einigkeit.
  • Stadt-Land-Kontrast: Kinder und Jugendliche, die in der Stadt aufwachsen, schreiben Tieren häufiger Gedanken und Gefühle zu als Gleichaltrige in ländlichen Regionen. Mögliche Gründe sind anthropomorphe Darstellungen von Tieren in den Medien sowie weniger direkte Erfahrungen mit Nutztieren oder potenziell gefährlichen Tieren.
  • Ethische Implikationen: Zugeschriebene mentale Fähigkeiten beeinflussen den moralischen Status von Tieren. Sie begünstigen den Schutz von zu Empfindungen fähigen Säugetieren, während Insekten trotz massiven Biodiversitätsverlusts vergleichsweise wenig Beachtung finden.

Haben Tiere Gedanken und Gefühle? Von der Beantwortung dieser Frage hängt nicht zuletzt ab, wie empathisch und rücksichtsvoll Menschen mit Tieren umgehen. Ein internationales Team unter der Leitung Leipziger Forschender hat nun herausgefunden, dass sich Menschen aus verschiedenen kulturellen Kontexten in dieser Frage überraschend einig sind: Viele Erwachsene und Kinder nehmen zwar an, dass Tiere grundsätzlich denken und fühlen können, sie schreiben ihnen aber keine menschenähnlichen Gedanken zu.

Ein Großteil der bisherigen psychologischen Forschung zum menschlichen Blick auf Tiere nahm Personen aus westlichen Gesellschaften in den Fokus. Die Forscherinnen und Forscher der Arbeitsgruppe „Kinder und Natur“ des Leipzig Labs an der Universität Leipzig und am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie wählten für ihre großangelegte Studie einen kulturvergleichenden Ansatz: Sie bezogen Menschen verschiedenen Alters aus verschiedenen gesellschaftlichen und sozio-kulturellen Kontexten ein. Für die Studie fragten sie mehr als 1.000 Kinder (4 bis 17 Jahre) und knapp 200 Erwachsene aus 33 Gemeinschaften in 15 Ländern, inwieweit Tiere ihrer Ansicht nach fühlen und denken können.

Glaube an die Einzigartigkeit menschlichen Denkens

Die weitgehend ähnlichen Einschätzungen überraschten die Forschenden um Katja Liebal von der Universität Leipzig, die die Studie gemeinsam mit der Erstautorin Karri Neldner sowie Daniel Haun, Direktor der Abteilung für Vergleichende Kulturpsychologie am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie leitete. Die meisten Menschen zeigten sich in der Befragung überzeugt, dass Tiere zwar grundsätzlich zu Gedanken und Gefühlen fähig seien, ihre Gedanken sich aber grundsätzlich vom Denken des Menschen unterscheiden würden. Weniger einheitlich fielen die Einschätzungen dazu aus, ob Tiere menschenähnliche Gefühle haben können.

Auch wenn die Stichprobengröße nicht ausreiche, um die Ergebnisse für alle Menschen zu verallgemeinern, sehen die Forschenden in den Daten Hinweise auf eine grundlegende menschliche Überzeugung: Was Menschen als trennend zwischen sich und anderen Tieren ansehen, ist vor allem das Denken. Menschen verstehen sich als mental einzigartig.

Folgen für den Umgang mit Tieren

„Der Glaube an die Einzigartigkeit menschlichen Denkens entsteht früh im Leben und bleibt über die gesamte Lebensspanne stabil“, erklärt Neldner. Diese Einschätzung habe wichtige Implikationen für den Umgang mit anderen Lebewesen: „Die den Tieren zugeschriebenen geistigen Fähigkeiten bestimmen auch ihren moralischen Status. Menschen können somit rechtfertigen, Tiere als Nahrung, Medizin oder zur Unterhaltung zu nutzen.“

Gleichzeitig würden Tierarten, die als empfindungsfähig oder menschenähnlich wahrgenommen würden, überproportional viel Schutz, Spenden und politische Unterstützung erhalten. „Das ist vor allem in Bezug auf das Artensterben und den Biodiversitätsverlust besonders problematisch: Insekten, die davon stark betroffen sind, erfahren sehr viel weniger Aufmerksamkeit und Interesse als Säugetiere, die jedoch nur einen Bruchteil der Artenvielfalt ausmachen“, so Liebal.

Darüber hinaus stellten die Forschenden fest, dass die befragten Kinder und Jugendlichen aus städtischen Gemeinden Tieren häufiger Gedanken und Gefühle zuschreiben als Gleichaltrige aus ländlichen Gebieten. Gründe dafür könnten sein, dass Kinder in Städten häufiger mit menschenähnlichen Darstellungen von Tieren konfrontiert sind, oder dass Kinder auf dem Land häufiger gefährlichen, schädlichen oder als Nutztiere gehaltenen Tieren begegneten, was emotionale Distanz fördern könne.

Für die Studie hatte das Forschungsteam eine ungewöhnliche Befragungsmethode gewählt: Anders als in vielen psychologischen Studien üblich, führten nicht Forschende die Interviews, sondern Menschen aus den jeweiligen kulturellen Kontexten und Gemeinschaften. Diese waren vorher in der Interviewführung und -auswertung ausgebildet worden. Die Interviews wurden im Anschluss übersetzt, verschriftlicht und von den Forschenden sowohl qualitativ als auch quantitativ ausgewertet. „Auch wenn der Studienverlauf sehr viel weniger kontrolliert war, als wenn wir Teilnehmende in ein Labor eingeladen hätten, sind wir davon überzeugt, dass die dadurch erhaltenen Daten viel wertvoller sind, da sie im jeweiligen kulturellen Kontext entstanden sind“, so Liebal.

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