Forschungsbericht 2025 - Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte

Auf der Suche nach einer neuen Kartografie von Wissenschaft und Politik

Autoren
Benson, Etienne
Abteilungen
Wissenssysteme und kollektives Leben
Zusammenfassung
Unsere Forschung zeigt, dass die politisch-epistemischen Verflechtungen zwischen Wissenschaft und Politik kein Zufall, sondern maßgeblich sind. Nur durch die Gestaltung bestimmter Formen des Zusammenlebens ist die Produktion von Wissen überhaupt möglich; nur durch die Entwicklung gemeinsamer Praktiken der Wissensgenerierung können bestimmte Formen des Zusammenlebens überdauern. Um den ethischen und epistemologischen Anforderungen unseres Forschungsprogramms zu genügen, braucht es auch neue Methoden wie die Zusammenarbeit mit außer-wissenschaftlichen Gesprächspartnern und Gesprächspartnerinnen.

Wie zwei benachbarte Länder ohne gemeinsame Sprache und Kultur: Wissenschaft und Politik scheinen sich grundlegend zu unterscheiden, auch wenn sie noch so eng miteinander verbunden sind. Auf der einen Seite der Grenze stehen sachliche Wissenschaft auf der Suche nach objektivem Wissen, auf der anderen die turbulente Welt der Politik, in der sich widerstreitende Interessen und Werte verhandelt werden. Und zwischen ihnen gibt es eine Vielfalt von Personen mit vermittelnder, übersetzender oder gatekeeperartiger Funktion - etwa aus Journalismus, Aktivismus, Verwaltung, Finanzierung und anderen Bereichen, deren Aufgabe es ist, die Verbindungen zwischen diesen zwei sich gegenseitig fremden Ländern zu etablieren sowie auch deren Grenzen zu verteidigen und Unterschiede zu bewahren.

Diese Kartografie ist in ihrer Einfachheit bestechend und prägt trotz wissenschaftlicher Studien weiterhin den öffentlichen Diskurs zur Politisierung der Wissenschaft. In einigen Fällen richten sich Lehr- und Forschungseinrichtungen nach bestimmten Ideologien oder politischen Fraktionen aus; in anderen Fällen versuchen sie, bewusst Abstand von der Politik zu gewinnen. Wie auch immer die Praxis aussieht, zeigen die Einrichtungen meistens eine Rhetorik, die man als wissenschaftlichen Patriotismus bezeichnen könnte: Die Suche nach der Wahrheit als einzig echte Aufgabe von Wissenschaft. Ob willkommen oder nicht, bleibt Politik aus der Perspektive der Wissenschaften etwas, was einem fremden Land entstammt.

Die Forschung der Abteilung Knowledge Systems und Collective Life (Wissenssysteme und kollektives Leben) gründet sich auf der Prämisse, dass eine solche zweiteilige Landkarte höchst irreführend ist – eine Fehlbeschreibung der historischen Entwicklung und des aktuellen Zustands von Wissenschaft und Politik, die unsere Fähigkeit untergräbt, den Herausforderungen der Gegenwart zu begegnen. Mit dem Schwerpunkt Umwelt wenden wir historische und ethnografische Methoden an, um diese Landkarte neu zu zeichnen. Unsere Forschung zeigt, wie diese scheinbar unterschiedlichen Länder eigentlich aus zahllosen Gebieten bestehen, wo sich die Schnittstellen von Wissensproduktion und dem Gestalten kollektiven Lebens in einer verblüffenden Vielfalt ergeben haben.

Umwelten, Umweltwissenschaften, Umweltpolitiken umdenken

Die Geschichte der Umweltwissenschaften und der Umweltpolitik ist eine ergiebige Quelle für eine solche kartografische Überarbeitung. Sie bietet zahlreiche Beispiele, wo ein Wandel der wissenschaftlichen Methoden beziehungsweise Fragen in Verbindung mit einer umfassenden Umstrukturierung von menschlichem und nicht-menschlichem Zusammenleben gebracht wurde – sprich mit den Strukturen, die bestimmen, wie Macht verteilt wird, wie kollektive Entscheidungen getroffen werden und wie soziale Zugehörigkeit definiert wird. Dementsprechend beschäftigen sich viele unserer Forschungsprojekte mit der Konzeptualisierung, Beobachtung und Verwaltung der Umwelt in spezifischen historischen Kontexten.

Diese Projekte beginnen oft mit der Frage, was wir „über Wissen wissen“. Die internationale und interdisziplinäre Tagung „Unsettling Exposure“ im Juni 2025 bot die Gelegenheit, unterschiedliche Arten des Ausgesetztseins oder der Materialisierung von Umweltphänomenen – z. B. Kontakt mit Schadstoffen, Strahlung oder Lärm – zu vergleichen und in Beziehung zur Geschichte von Industrialisierung, Extraktivismus und Kolonialismus zu setzen. Andere Projekte beschäftigen sich mit dem Diskurs der (politischen wie auch biologischen) Diversität und mit der Rolle der Wissenschaft bei der Klassifizierung von Umweltproblemen als „Krisen“ oder als zu vernachlässigende Ereignisse.

Unsere Forschung zeigt nicht nur, dass die vermeintlich getrennten Bereiche Wissenschaft und Politik tatsächlich eng miteinander verflochten sind, sondern auch, dass die Art und Weise der Verwobenheit in einem bestimmten historischen und sozialen Kontext situiert werden muss. Diese politisch-epistemischen Verflechtungen sind außerdem kein Zufall, sondern vielmehr konsequent; es gibt keine Wissenschaft ohne Politik und keine Politik ohne Wissenschaft. Nur durch die Gestaltung bestimmter Formen des Zusammenlebens, angepasst an deren zeitlich spezifische Umstände, ist die Produktion von Wissen überhaupt möglich; nur durch die Entwicklung gemeinsamer Praktiken der Wissensgenerierung können bestimmte Formen des Zusammenlebens überdauern.

Lebendes Wissen, partizipative Forschung, multimodale Methoden

Um den ethischen und epistemologischen Anforderungen solcher Forschungsprojekte Genüge zu tun, müssen neue Methoden entwickelt werden. Forschung dieser Art erfordert nicht nur technische Innovation, sondern auch sensiblen Umgang mit sozialen Beziehungen. Besonders wichtig ist die Zusammenarbeit mit außerwissenschaftlichen Gesprächspartner:innen, die Erkenntnisse aus ihren eigenen Wissenssystemen und Formen kollektiven Lebens beitragen. Die Tagung „Living Knowledge“ erkundete im Herbst 2025 die Möglichkeiten und Herausforderungen einer kollaborativen wissenschaftlichen Praxis. Das zeitgleich offiziell eröffnete Labor für Multimodale Geschichte ermöglicht uns – mit Aufnahmestudio und dem physischen und intellektuellen Raum zum Experimentieren –, kollaboratives Arbeiten jenseits akademischer Grenzen zu gestalten.

Die erst 2022 gegründete Abteilung Knowledge Systems und Collective Life befindet sich in der Anfangsphase und konnte dennoch bereits zeigen, dass die Zusammenarbeit von Historiker:innen und Anthropolog:innen, mit dem Ziel, herkömmliche Auffassungen über Wissenschaft und Politik in Frage zu stellen und durch empirische Forschung zu erläutern, ausgesprochen fruchtbar sein kann. Die so entstehende neue Kartografie ist offensichtlich komplexer als die alte – und auch besser geeignet, um sich durch die rasch verändernde Landschaft von Wissenschaft und Politik in der Gegenwart zu manövrieren.

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