Forschungsbericht 2025 - Max-Planck-Institut für Biophysik

Wenn HIV den Wächter des Zellkerns erreicht

Autoren
Kreysing, Jan Philipp; Heidari, Maziar; Zila, Vojtech; Cruz-León, Sergio; Obarska-Kosinska, Agnieszka; Laketa, Vibor; Rohleder, Lara; Welsch, Sonja; Köfinger, Jürgen; Turoňová, Beata; Hummer, Gerhard; Kräusslich, Hans-Georg; Beck, Martin
Abteilungen
Abteilung für theoretische Biophysik, zentrale Elektronenmikroskopie
Zusammenfassung
HIV-Infektionen greifen unser Immunsystem an und machen infizierte Personen anfälliger für Krankheiten und Infektionen. Mithilfe modernster Mikroskopie und computergestützter Methoden untersuchen wir, wie HIV menschliche Zellen infiziert. Dabei konzentrieren wir uns insbesondere darauf wie das Virus in einen der am besten geschützte Bereiche der Zelle, den Zellkern, eindringt und wie es dort sein virales Genom in das des menschlichen Wirts integriert. Unsere Forschung liefert neue Erkenntnisse über HIV-Infektionen und zeigt mögliche Strategien für zukünftige antivirale Therapien auf.

HIV: eine globale Gesundheitsherausforderung

Das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) ist nach wie vor eine globale Gesundheitsherausforderung, von der Millionen Menschen weltweit betroffen sind. Sobald das Virus in eine menschliche Zelle gelangt ist, versucht es, sein genetisches Material in das seines Wirts zu integrieren. Von diesem Moment an nutzt das Virus die Mechanismen unseres Körpers, um sich zu vervielfältigen und so die Infektion zu verbreiten. Obwohl moderne Therapien die HIV-Replikation und -Infektion unterdrücken können, sodass die Betroffenen ein langes und stabiles Leben führen können, gibt es derzeit weder eine endgültige Heilung noch eine Behandlung, mit der das virale genetische Material entfernt werden kann, sobald es in das menschliche Genom integriert wurde. Mit unserer Forschung untersuchen wir eine entscheidende, aber noch wenig verstandene Phase der Infektion: wie HIV sein Erbgut in den Zellkern transportiert.

Der Wächter des menschlichen Genoms

Der Zellkern ist die zentrale Kammer der eukaryotischen Zelle und enthält ihre vollständige genetische Information. Um seinen Inhalt zu schützen, ist der Zellkern von einer Doppelmembran umgeben, die mit Kernporenkomplexen ausgekleidet ist. Diese großen Proteinkanäle fungieren als selektive Torwächter, die regulieren, welche Moleküle in den Zellkern gelangen dürfen und welche außerhalb bleiben müssen.

Für Viren wie HIV, die ihr Erbgut in den Zellkern transportieren müssen, ist es eine große Herausforderung, diese Torwächter zu passieren. Das virale Genom ist von einer großen, kegelförmigen Proteinhülle umgeben, die als Kapsid bezeichnet wird. Für eine erfolgreiche Infektion muss dieses Kapsid das virale genetische Material in den Zellkern transportieren und sich letztendlich öffnen (Abb. 1).

Das Tor aufbrechen

Interessant ist, dass das HIV-Kapsid etwa so groß ist wie der Durchmesser des Kernporenkanals. Aus diesem Grund hatten Wissenschaftler die Hypothese aufgestellt, dass sich die Kapside bereits öffnen und das virale Erbgut freisetzen, bevor sie den Zellkern erreichen. Unsere jüngsten Erkenntnisse stellen diese Hypothese jedoch in Frage.

Mithilfe der Kryo-Elektronentomographie konnten wir HIV-Kapside in infizierten menschlichen Immunzellen sichtbar machen. Wir haben beobachtet, dass das Kapsid nicht nur die Pore erreicht, sondern dabei weitgehend intakt bleibt. Unsere Ergebnisse zeigen, dass der Infektionsprozess nicht nur biochemisch, sondern auch mechanisch abläuft. Das Kapsid nähert sich der Kernpore mit seinem schmalen Ende voran und drängt sich physisch in den Kanal hinein. Dabei bricht das Kapsid die ringförmige Struktur der Kernpore auseinander (Abb. 1). Bemerkenswert ist, dass die Kapside, die die Kernpore durchqueren, selbst kaum Anzeichen von Verformung oder Bruch aufwiesen. Stattdessen waren die Kernporen aufgebrochen, damit das Kapsid in den Zellkern gelangen konnte [1].

Computersimulationen dieses Prozesses stützen diese Beobachtungen. In unseren Modellen konnte das Kapsid die Kernpore nur passieren, wenn der Durchmesser des Porenkanals vergrößert oder die Ringstruktur aufgebrochen wurde. Dies untermauert die Annahme, dass eine strukturelle Störung der Kernporen für ein erfolgreiches Eindringen von HIV in den Zellkern erforderlich ist.

Neue Perspektive für HIV-Behandlungen

Unsere Studie markiert ein wichtiges Momentum in der HIV-Forschung, da sie ein neues molekulares Verständnis eines kritischen Schritts während der Infektion liefert. Darüber hinaus geben unsere Ergebnisse neue Einblicke in die einzigartige Struktur des HIV-Kapsids: Seine konische Form ist nicht nur eine Schutzhülle, sondern könnte notwendig sein, um den Kernporenkomplex aufzubrechen und den Import des viralen Genoms abzuschließen. Dies eröffnet neue Perspektiven für antivirale Strategien. Wenn wir die Interaktion des Kapsids mit Komponenten der Kernporen verhindern oder die Poren gegen dieses gewaltsame Eindringen stärken können, könnte es möglich sein, die Infektion in einem frühen Stadium zu blockieren. Ein solcher Ansatz könnte bestehende Therapien ergänzen und das Virus bekämpfen, bevor es sich in das menschliche Genom integriert.

Dennoch bleiben wichtige Fragen offen. Vor allem muss geklärt werden, wie sich das Kapsid schließlich im Inneren des Zellkerns öffnet, um das virale Genom freizusetzen. Die Beantwortung dieser Fragen wird unser Verständnis der HIV-Infektion vertiefen und die Entwicklung zukünftiger Behandlungsmethoden unterstützen.

Literaturhinweise

Kreysing, J.P.; Heidari, M.; Zila, V.; Cruz-Leon, S.; Obarska-Kosinska, A.; Laketa, V.; Rohleder, L.; Welsch, S.; Köfinger, J.; Turońová, B.; Hummer, G.; Kräusslich, H.-G.; Beck, M.
Passage of the HIV capsid cracks the nuclear pore
Cell 188, 930-943.e21 (2024)

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