Bronzezeitliche DNA aus Kalabrien enthüllt eigenständige Bergbevölkerung

Alte DNA aus Süditalien enthüllt Herkunft und Sozialstruktur einer Gemeinschaft der Mittelbronzezeit

16. Dezember 2025

Auf den Punkt gebracht

  • Bronzezeitliche Gemeinschaft: Erstmals haben Forschende das genetische und soziale Profil einer protapenninischen Gemeinschaft aus der Grotta della Monaca im Nordwesten Kalabriens rekonstruiert; diese wird auf die Zeit zwischen 1780 und 1380 v. Chr. datiert.
  • Genetischer Hintergrund: Die DNA weist starke Verbindungen zum Sizilien der frühen Bronzezeit auf, mit geringem Einfluss aus dem östlichen Mittelmeerraum. Zudem gibt es Verbindungen zum Nordosten Italiens sowie einen lokalen Mix aus Jägern und Sammlern, frühen Farmern und Steppenvorfahren.
  • Begräbnisstätte: Bestattungen wurden nach Geschlecht und Verwandtschaftsgrad organisiert. In einem Fall wurden Eltern und ihre Nachkommen gemeinsam bestattet – der erste genetische Nachweis dieser Art im prähistorischen Europa. Isotopische und genetische Daten deuten darauf hin, dass Viehzucht betrieben und Milch sowie Milchprodukte konsumiert wurden - trotz Laktoseintoleranz.
  • Mobilität und soziale Organisation: Die Studie beleuchtet Mobilität, Ernährung und soziales Leben im Mittelmeerraum der Bronzezeit. Sie zeigt, dass Höhlen als kollektive Grabstätten dienten, was die Identität der Gemeinschaft und familiäre Bindungen stärkte.

Ein internationales Forschungsteam unter Leitung des Max-Planck–Harvard Research Center for the Ancient Mediterranean (MHAAM) am Max-Planck Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und der Universität Bologna hat erstmals das genetische und soziale Profil einer rund 3500 Jahre alten Gemeinschaft aus Nordwestkalabrien rekonstruiert. Die Studie bietet neue Einblicke in die Herkunft, Lebensweise und familiären Strukturen einer sogenannten Protoapenninischen Kultur der Mittelbronzezeit.

Eine Höhle als Fenster in die Vergangenheit

Die untersuchten Überreste stammen aus der Grotta della Monaca, einer Höhle im Pollino-Massiv (Sant’Agata di Esaro, Provinz Cosenza). Der Fundort zählt zu den bedeutendsten prähistorischen Stätten Kalabriens und war sowohl ein Ort des Kupfer- und Eisenerzabbaus als auch eine Bestattungsstätte.

DNA-Analysen menschlicher Überreste, datiert auf 1780 bis 1380 v. Chr., zeigen, dass die Berggemeinschaft enge Verbindungen zu frühbronzezeitlichen Gruppen aus Sizilien hatte, jedoch weitgehend unabhängig von den östlich-mediterranen Einflüssen blieb, die auf Sizilien bereits nachweisbar waren. „Unsere Analyse zeigt, dass die Bevölkerung der Grotta della Monaca enge genetische Verbindungen zu frühbronzezeitlichen Gruppen aus Sizilien aufwies, jedoch ohne die östlich-mediterranen Einflüsse, die bei ihren sizilianischen Zeitgenossen vorhanden waren“, erklärt Francesco Fontani, Erstautor der Studie. „Das deutet darauf hin, dass Kalabrien trotz Kontakten über die Straße von Messina hinweg seine eigene demografische und kulturelle Entwicklung verfolgte.“

Mobilität, Verwandtschaft und Ernährung

Trotz der abgelegenen Lage war die Gemeinschaft nicht isoliert: Zwei Personen zeigten Abstammung von Bevölkerungsgruppen aus Nordostitalien, was auf weiträumige Mobilität und genetischen Austausch über die gesamte Halbinsel hinweist. Die Genome enthielten zudem Anteile von europäischen Jägern und Sammlern, anatolischen Bauern der Jungsteinzeit und Hirten aus der pontisch-kaspischen Steppe – genetische Komponenten, die in der Bronzezeit Europas weit verbreitet waren, hier jedoch eine regionale Ausprägung bildeten.

Durch die Kombination genetischer, archäologischer und anthropologischer Daten konnten Forschende auch familiäre Beziehungen innerhalb der Höhlenbestattungen identifizieren. Mehrere eng verwandte Personen wurden gemeinsam beigesetzt – darunter auch ein Individuum, dessen Eltern in direkter Eltern-Kind-Beziehung standen – ein Befund, der für prähistorisches Europa bisher einzigartig dokumentiert ist. „Dieser Befund verdeutlicht den Unterschied zwischen einem klaren biologischen Befund und seiner sozialen Bedeutung“, betont Alissa Mittnik, Forschungsgruppenleiterin in der Abteilung für Archäogenetik am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und Mitautorin der Studie. „Dieser außergewöhnliche Fall könnte auf kulturell spezifische Praktiken einer kleinen Gemeinschaft hindeuten – seine genaue Bedeutung bleibt jedoch offen.“

Isotopen- und DNA-Analysen zeigen außerdem, dass die Menschen Viehzucht betrieben und Milchprodukte konsumierten, obwohl sie genetisch nicht laktosetolerant waren. Laut Donata Luiselli, Mitautorin der Studie, „illustriert dieses Paradox, wie kulturelle Anpassung der genetischen Evolution vorausgehen kann. Diese Menschen hatten Ernährungsstrategien entwickelt, die es ihnen ermöglichten, in einer anspruchsvollen Bergregion zu leben, trotz fehlender genetischer Laktosetoleranz.“

Eine kleine Gemeinschaft mit großer Aussagekraft

Die Ergebnisse verändern auch das Verständnis der Rolle von Höhlen im protoapenninischen Ritual- und Sozialleben: Die Grotta della Monaca war offenbar kollektive Grabstätte und zugleich Ort gemeinschaftlicher Identität. Felice Larocca, Höhlenarchäologe und Leiter der Ausgrabungen, betont: „In über 600 Metern Höhe im Pollino-Massiv gelegen, liefert die Grotta della Monaca weiterhin entscheidende Hinweise auf die ersten komplexen Gesellschaften Süditaliens – und, im weiteren Sinne, auf die biologischen und kulturellen Wurzeln menschlicher Vielfalt.“

Die Forschung entstand im Rahmen des Max-Planck–Harvard Research Center for the Archaeoscience of the Ancient Mediterranean, in Zusammenarbeit mit der Universität Bologna und der Soprintendenza Archeologia, Belle Arti e Paesaggio der Provinz Cosenza. Gefördert wurde sie von der Max-Planck-Gesellschaft, MHAAM, dem italienischen PRIN-Programm sowie dem Department für Kulturerbe der Universität Bologna.

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