Forschungsbericht 2025 - Max-Planck-Institut für Chemische Energiekonversion

Ein neues Fenster zum Enzym Nitrogenase, das die Welt ernährt

Autoren
Sengupta, Kushal; Joyce, Justin P.; Decamps, Laure; Kang, Liqun; Bjornsson, Ragnar ; Rüdiger, Olaf; DeBeer, Serena
Abteilungen

Max-Planck-Institut für Chemische Energiekonversion, Mülheim an der Ruhr

Zusammenfassung
Das Metalloenzym Nitrogenase hilft Mikroben dabei, Stickstoff aus der Luft in Ammoniak umzuwandeln – ein lebenswichtiger, aber noch immer unvollständig verstandener Prozess. Mithilfe einer neuen elektrochemischen Methode, kombiniert mit Infrarotspektroskopie, konnten wir Veränderungen im aktiven Zentrum des Enzyms in Echtzeit beobachten. Dazu zählen die seit langem vermuteten Protonierungsvorgänge sowie die Art und Weise, wie Kohlenmonoxid gebunden wird, das Enzym hemmt und wieder freigesetzt wird. Unser Ansatz eröffnet ein völlig neues Fenster in die Funktionsweise dieses Enzyms.

Stickstoff ist einer der elementaren Bausteine des Lebens. Er bildet das Grundgerüst von DNS, Proteinen und vielen weiteren biologisch wichtigen Molekülen. Obwohl Stickstoffgas (N₂) den Großteil unserer Atmosphäre ausmacht, ist es chemisch extrem stabil und für Pflanzen und Tiere nicht direkt nutzbar. Damit es biologisch verfügbar wird, muss Stickstoff zunächst in Ammoniak umgewandelt werden – eine Form, die von Organismen aufgenommen und in Biomasse eingebaut werden kann.

Heute wird der Großteil des Ammoniaks weltweit industriell durch das Haber-Bosch-Verfahren hergestellt, insbesondere für die Produktion von Düngemitteln. Diese Technologie ist zwar revolutionär, erfordert jedoch enorme Mengen an Energie und fossilen Brennstoffen. Sie verbraucht etwa ein bis zwei Prozent der globalen Energieproduktion und trägt erheblich zu Treibhausgasemissionen bei. Trotz ihrer Bedeutung für die Landwirtschaft und damit für die Ernährungssicherheit ist die Haber-Bosch-Synthese energieintensiv, teuer und ökologisch belastend.

Sanfte Synthese dank Enzym

In der Natur hingegen erfolgt die Umwandlung von Stickstoff in Ammoniak unter erstaunlich milden Bedingungen. Bestimmte Mikroorganismen nutzen das außergewöhnliche Enzym Nitrogenase, das diese Reaktion bei Raumtemperatur und Normaldruck katalysiert. Die Nitrogenase ist nicht nur für Ökosysteme von zentraler Bedeutung, sondern indirekt auch für die gesamte Nahrungsmittelproduktion, da die biologische Stickstofffixierung letztlich das Wachstum der meisten Pflanzen ermöglicht.

Trotz jahrzehntelanger Forschung bleiben viele grundlegende Schritte der Nitrogenase-Katalyse ungeklärt. Das aktive Zentrum des Enzyms besteht aus einem komplexen Metall-Schwefel-Cluster, der mehrere kurzlebige Zwischenstufen durchläuft, die schwer experimentell zu erfassen sind. Hinzu kommt, dass die Nitrogenase auf ein Partnerprotein angewiesen ist, das Elektronen liefert – ein natürlicher Mechanismus, der langsam und schwer kontrollierbar ist und zudem einen hohen Verbrauch des Energieträgers Adenosintriphoshat (ATP) aufweist. Diese Einschränkungen erschweren das Verständnis eines der anspruchsvollsten Reaktionsmechanismen der Biochemie erheblich.

Im tieferen Verständnis der Nitrogenase liegt jedoch weit mehr als nur ein akademisches Interesse. Wenn wir entschlüsseln, wie Mikroben Stickstoff so effizient reduzieren, könnten wir daraus eines Tages nachhaltigere und energieärmere Verfahren zur Ammoniaksynthese oder zur Aktivierung anderer kleiner Moleküle entwickeln. Erkenntnisse über die Nitrogenase können somit sowohl die Grundlagenforschung als auch zukünftige technologische Entwicklungen voranbringen.

In unserer Arbeit stellen wir einen neuen Ansatz zur Untersuchung des Nitrogenase-Mechanismus vor. Wir binden das katalytische MoFe-Protein des Enzyms kovalent an eine Goldelektrode. Dadurch können wir Elektronen präzise und kontrolliert an das Enzym übertragen und umgehen die Einschränkungen des natürlichen Elektronenlieferanten.

Diese kontrollierte Elektronenzufuhr kombinieren wir mit Infrarotspektroskopie, um das Enzym in Echtzeit zu beobachten. Indem wir die Schwingungen bestimmter chemischer Bindungen messen, können wir selbst kleinste strukturelle Veränderungen am aktiven Zentrum erkennen, während das Enzym arbeitet.

Zentrale Ergebnisse

Mit dieser Plattform konnten wir mehrere wichtige Erkenntnisse gewinnen:

  • Wir konnten erstmals experimentell zeigen, dass die schwefelhaltigen Brücken im aktiven Zentrum protoniert werden – ein Schritt, der in theoretischen Modellen lange vorhergesagt, aber nie zuvor direkt bestätigt wurde. Diese protonierten Sulfide könnten als dynamische „Schaltpunkte“ dienen, die Zugangswege während des katalytischen Zyklus regulieren.
  • Wir beobachteten, wie Kohlenmonoxid – ein starker Inhibitor – an das Enzym bindet und sich später wieder ablöst. Diese Echtzeitbeobachtung gibt neue Einblicke in den Mechanismus der Enzymhemmung und zeigt, dass Kohlenmonoxid nicht unter allen Bedingungen dauerhaft blockierend wirkt.
  • Unsere elektrochemische Plattform katalysiert auch die Protonenreduktion zuverlässig. Das zeigt, dass die immobilisierte Nitrogenase wesentliche Eigenschaften der natürlichen Enzymfunktion beibehält. Zudem entfällt der Einsatz des Partnerproteins und von ATP vollständig.

Zusammen schaffen diese Ergebnisse ein klareres Bild der inneren chemischen Abläufe der Nitrogenase und validieren einen neuen, kraftvollen experimentellen Ansatz zur Untersuchung dieses herausfordernden Enzyms.

Warum das wichtig ist

Unser elektrochemisch-spektroskopischer Ansatz eröffnet ein bisher fehlendes Beobachtungsfenster in die Aktivität der Nitrogenase. Da wir die Elektronenzufuhr präzise steuern und strukturelle Veränderungen direkt verfolgen können, ermöglicht die Methode zukünftige Studien zu

  • alternativen Nitrogenasen wie der Vanadium- und der Eisen-Nitrogenase,
  • der Reaktion des Enzyms auf andere kleine Moleküle und Inhibitoren,
  • und der zeitlichen Entwicklung katalytischer Zwischenstufen.

Durch ein tieferes molekulares Verständnis dieses essenziellen Enzyms tragen wir zu langfristigen Zielen bei, insbesondere zu nachhaltigeren Wegen zur Stickstofffixierung und zu neuen biokatalytischen Strategien für andere industrielle Prozesse.

Literaturhinweise

Van Stappen, C.; Decamps, L.; Cutsail, G. E.; Bjornsson, R.; Henthorn, J. T.; Birrell, J. A.; DeBeer, S.
The Spectroscopy of Nitrogenases
Chemical Reviews 120, 5005-5081 (2020)
Sengupta, K.; Joyce, J. P.; Decamps, L.; Kang, L.; Bjornsson, R.; Rüdiger, O.;  DeBeer, S.
Investigating the Molybdenum Nitrogenase Mechanistic Cycle Using Spectroelectrochemistry
Journal of the American Chemical Society 147, 2099−2114 (2025)
Martin Del Campo, J. S.; Rigsbee, J.; Bueno Batista, M.; Mus, F.; Rubio, L. M.; Einsle, O.; Peters, J. W.; Dixon, R.; Dean, D. R.; Dos Santos, P. C.
Overview of Physiological, Biochemical, and Regulatory Aspects of Nitrogen Fixation in Azotobacter Vinelandii
Critical Reviews in Biochemistry and Molecular Biology 57, 492–538 (2022)
Rutledge, H. L.; Tezcan, F. A.
Electron Transfer in Nitrogenase
Chemical Reviews 120, 5158-5193 (2020)

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