Forschungsbericht 2025 - Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik

Die verborgenen Kreißsäle der Planeten

Autoren
Maria Jose Maureira Pinochet
Abteilungen
Zentrum für Astrochemische Studien
Zusammenfassung
Neue, detaillierte Aufnahmen zeigen Staubscheiben um junge Sterne – Geburtsstätten von Planeten. Diese Scheiben sind überraschend hell, heiß und massereich im Vergleich zu älteren, planetentragenden Scheiben. Einige sind so schwer, dass sie instabil sein könnten, was die Planetenentstehung erschwert. Der dichte Staub verbirgt zudem die inneren Bereiche, wo Planeten bereits entstanden sein könnten, aber unentdeckt bleiben. Die Ergebnisse werfen neue Fragen zur Planetenbildung in diesen turbulenten Umgebungen auf.

Um zu verstehen, wie Planeten letztendlich entstehen, müssen wir ihren Geburtsort untersuchen: die Staub- und Gasscheiben, die junge Sterne umgeben. Die Beobachtung dieser Scheiben in den frühesten Phasen, wenn der Protostern noch tief in seiner Mutterwolke eingebettet ist, war jedoch lange Zeit eine Herausforderung. Diese Systeme sind von dichten Kokons umhüllt, und die meisten bisherigen Beobachtungen besaßen nicht die erforderliche räumliche Auflösung, um die Emissionen der Scheiben von dem umgebenden Material zu unterscheiden; zudem fehlte die Abdeckung mehrerer Wellenlängen, um die physikalischen Eigenschaften aus dem von den Scheiben emittierten Licht abzuleiten.

Unsere neue Studie ändert das. Mithilfe des Atacama Large Millimeter/submillimeter Array (ALMA) in einer extrem erweiterten Konfiguration erhielt unser Team Bilder, die scharf genug sind, um Merkmale bis zu einer Größe von 7,5 Astronomischen Einheiten (AE) - was in etwa der Entfernung zwischen Sonne und Saturn entspricht - aufzulösen. Bei dieser Detailgenauigkeit werden sogar sehr kompakte Scheiben mit einem Durchmesser von nur wenigen AE sichtbar (Abb. 1).

Große Vielfalt überraschend heller Scheiben

Die Untersuchung deckte Scheiben in einer bemerkenswerten Größenordnung auf, von winzigen Scheiben mit einer Größe von etwa 2 bis 5 AE bis hin zu ausgedehnten Strukturen mit einem Durchmesser von fast 100 AE. Trotz dieser Vielfalt war ein Muster unverkennbar: Die Scheiben sind bei Wellenlängen im Millimeterbereich viel heller als ihre älteren Pendants. Die Helligkeit bei diesen Wellenlängen wird normalerweise verwendet, um die Masse des Staubs zu schätzen, wobei davon ausgegangen wird, dass die Emission optisch dünn ist, dass also die Intensität des Lichts durch den Staub nur minimal abgeschwächt wird. 

Die ALMA-Daten zeigen jedoch etwas anderes: Bei der Analyse bei zwei verschiedenen Wellenlängen weisen die meisten Scheiben Eigenschaften auf, die für eine optisch dichte Emission charakteristisch sind. Das bedeutet, dass selbst bei der längeren Wellenlänge von 3 Millimetern viele Scheiben  fast bis zu ihren Außenrändern undurchsichtig bleiben. Dies ist eine entscheidende Entdeckung. Sie bedeutet, dass die tatsächliche Staubmasse junger Scheiben - dem Rohmaterial für die Bildung von Planetenkernen - bisher unterschätzt wurde.

Während Merkmale wie Ringe und Lücken,  die mit der Planetenentstehung in Verbindung stehen, in älteren Scheiben häufig zu sehen sind, weisen nur wenige der jüngsten Scheiben solche Strukturen auf. Bedeutet dies, dass Planeten erst in späteren Stadien entstehen? Nicht unbedingt! Die neuen Beobachtungen bieten eine einfachere Erklärung: Die schiere Menge an Staub in diesen jungen Scheiben verdeckt genau die Regionen, in denen sich Planeten bilden sollten. Dieses dichte, undurchsichtige Material glättet das Erscheinungsbild der Emission, sodass die Scheiben selbst dann strukturlos erscheinen, wenn sich der Staub bereits zu verklumpen beginnt. Mit anderen Worten: Die frühen Anzeichen der Planetenentstehung sind möglicherweise tatsächlich vorhanden, sie sind jedoch bei den Millimeterwellenlängen, die wir normalerweise beobachten, einfach nicht zu erkennen.

Heißer und chaotischer Start

Dank der Undurchsichtigkeit der Millimeterstrahlung konnten wir die Staubtemperatur in diesen jungen Scheiben direkt messen. Viele Scheiben erreichten Temperaturen, die mit denen vergleichbar waren oder diese sogar überstiegen, die allein durch die Einstrahlung des Protosterns vorhergesagt wurden. Dies könnte ein Zeichen für zusätzliche Wärme sein, die durch die aktive Akkretion von Material in und durch die Scheibe freigesetzt wird, so wie es in diesen frühen Stadien zu erwarten ist. Diese erhöhte Temperatur verschiebt die Wassereisgrenze - die Grenze, jenseits derer Wasser gefriert - viel weiter vom Protostern fort als in älteren Scheiben, nämlich typischerweise um 3 AE, in den heißesten Scheiben sogar bis zu 10 bis 20 AE. Da eisige Feststoffe wesentliche Bausteine für Riesenplaneten sind, hat die Lage dieser Grenze erhebliche Auswirkungen auf die frühe Planetengeburt. Die in der Studie abgeleiteten Temperaturen und Staubmengen deuten darauf hin, dass ein erheblicher Teil dieser jungen Scheiben unter ihrer eigenen Schwerkraft instabil sein könnte, was zu einer turbulenteren Anfangsumgebung für die Planetenentstehung in diesen Scheiben führt.

Viele der Protosterne in der Stichprobe sind Mehrfachsterne (Abb. 1). Immer wenn die Entfernung zweier Protosterne zueiander kleiner als 100 AE  ist, sehen wir zirkumbinäre Scheiben. Diese Strukturen sind größer, kälter und optisch dünner als die kompakten Scheiben um einzelne Protosterne. In einer dieser weiter entwickelten zirkumbinären Scheiben finden wir Hinweise darauf, dass die Staubpartikel bereits zu wachsen begonnen haben. Das ist der erste Schritt zur frühen Entstehung von Planeten um zwei Sterne.

Zusammen bieten diese Erkenntnisse einen erheblichen Fortschritt bei der Erforschung der Anfangsstadien der Stern- und Planetenentstehung. Jüngere Scheiben erscheinen heißer, massereicher und weitgehend undurchsichtig, sodass ein Großteil ihrer inneren Struktur nicht sichtbar ist. Die Planetenentstehung könnte bereits im Gange sein, während der Protostern noch wächst, aber frühe Unterstrukturen bleiben bei den typischerweise beobachteten Wellenlängen im Infrarotbereich weitgehend unsichtbar. Durch die Quantifizierung dieser optischen Dicke korrigiert die Studie langjährige Annahmen über die Massen der Staubscheiben und die Entstehung von Staubunterstrukturen und legt damit den Grundstein für zukünftige Kampagnen mit Beobachtungen bei längeren Wellenlängen.

Literaturhinweis

Maureira M.J., Pineda J.E., Liu H.B., Caselli P., Chandler C., Testi L., Johnstone D., et al
FAUST. XXVIII. High-Resolution ALMA Observations of Class 0/I Disks: Structure, Optical Depths, and Temperatures
Astronomy & Astrophysics (2025)

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