Forschungsbericht 2025 - Max-Planck-Institut für chemische Ökologie

Die Werftkäfer-Symbiose: Wie ein symbiotischer Pilz das Überleben seines Wirtes im Holz toter Bäume sichert

Autoren
Lehenberger, Maximilian; Pan Yu; Ungerer, Stefanie; Reichelt, Michael; Pemp, Daniela; Paetz, Christian; Lehenberger, Josef; Gentsch, Niklas; Feistel, Felix; Gros, Peter; Lehmann, Leane; Gershenzon, Jonathan
 
Abteilungen

Max Planck Institute for Chemical Ecology, Jena

Zusammenfassung
Der Werftkäfer Elateroides dermestoides, eine der größten europäischen Ambrosiakäferarten, lebt solitär im Splintholz geschwächter Bäume. Seine Larven verbringen dort bis zu zwei Jahre in langen Gängen und sind auf den vom Weibchen übertragenen mutualistischen Pilzsymbionten Alloascoidea hylecoeti angewiesen. Dieser liefert essenzielle Nährstoffe und schützt durch akkumulierte phenolische Holzsubstanzen sowie antimikrobielle Monoterpen-Alkohole und freigesetzte Essigsäure wirksam vor konkurrierenden Pilzen, was das Überleben der Larven in diesem nährstoffarmen Habitat erleichtert.

Ambrosiakäfer stellen eine bemerkenswerte Gruppe holzbewohnender Insekten dar. Aus phloembesiedelnden Borkenkäfern hervorgegangen, entwickelten sie Mutualismen mit Pilzen, die als ihre primäre Nahrungsquelle fungieren. Diese Pilze ermöglichen es den Käfern, das nährstoffarme Splintholz toter oder geschwächter Bäume zu nutzen [1]. Ambrosiapilze könnten hier den Larven essenzielle Nährstoffe wie etwa Zucker und Aminosäuren liefern und zugleich Strategien zur Abwehr konkurrierender Mikroorganismen besitzen. Viele Ambrosiakäfer leben in sozialen Verbänden, pflegen aktiv ihre Pilzgärten [2] und sichern so kontinuierlich die Verfügbarkeit von Pilzbiomasse für ihre Larven.

Der Werftkäfer Elateroides dermestoides stellt hier einen deutlichen Kontrast dar. Diese Art lebt solitär, die Larven wachsen ohne elterliche Unterstützung in isolierten Gängen im Holz für bis zu zwei Jahre heran (Abb. 1), was für Ambrosiakäfer außergewöhnlich lang ist [3]. Gleichzeitig wird das besiedelte Totholz von zahlreichen weiteren holzabbauenden Pilzen kolonisiert, mit denen der Symbiont Alloascoidea hylecoeti (Abb. 2) und auch die Larven in Konkurrenz stehen.

Vor diesem Hintergrund stellten wir die Frage, welche Eigenschaften von A. hylecoeti die Entwicklung des Werftkäfers unterstützen können. Obwohl Ambrosiapilze allgemein als Nährstofflieferanten gelten, fehlen bislang systematische Vergleiche zwischen symbiotischen und freilebenden Pilzen. Ebenso wenig sind mögliche chemische Verteidigungsmechanismen dieser Pilze umfassend dokumentiert. Ziel unserer Untersuchungen war daher eine vergleichende Analyse zentraler Nährstoffklassen sowie der Fähigkeit von A. hylecoeti, hemmend auf Konkurrenzorganismen einzuwirken [4].

Nährstoffanreicherung im Symbionten

Ein wesentlicher Aspekt der Symbiose ist die außergewöhnlich hohe Nährstoffdichte von A. hylecoeti. Auf einem auf Buchenholz basierenden Medium akkumuliert der Pilz große Mengen freier Aminosäuren, löslicher Zucker, Fettsäuren, Ergosterol sowie Phosphor und Stickstoff – Stoffe, die für das Insektenwachstum essenziell sind und im Holz nur in geringen Konzentrationen vorliegen. Im Vergleich zu anderen Borken- und Ambrosiakäferpilzen sowie freilebenden holzbesiedelnden Arten zeigt A. hylecoeti durchweg höhere Konzentrationen zahlreicher Nährstoffe [4]. Die hohe Nährstoffspeicherung dürfte entscheidend für die Larvenentwicklung sein, da deren solitäre Lebensweise eine Aufnahme großer Mengen Pilzbiomasse kaum zulässt. Während soziale Ambrosiakäfer ihre Pilzgärten kontinuierlich pflegen und vergrößern, ist E. dermestoides wohl eher auf eine kompakte, hochkonzentrierte Ressource angewiesen, die den Bedarf der Larven über ihre lange Entwicklungszeit deckt. Die außergewöhnlich hohe Nährstoffdichte von A. hylecoeti stellt somit vermutlich eine zentrale Anpassung dar, die die solitäre Lebensweise des Wirts ermöglicht.

Chemische Abwehrstrategien und Konkurrenzunterdrückung

Neben seiner Rolle als Nährstoffquelle verfügt A. hylecoeti über chemische Eigenschaften, die ihm eine effektive Verteidigung der Larvengänge ermöglichen. Eine zentrale Beobachtung ist die starke Akkumulation phenolischer Verbindungen aus dem umgebenden Holz, die als pflanzliche Abwehrsubstanzen bekannt sind und sowohl im Myzel als auch im umliegenden Substrat angereichert werden. In Labortests hemmt insbesondere eine Mischung dieser Substanzen das Wachstum aller untersuchten Konkurrenzpilze, während A. hylecoeti selbst unbeeinträchtigt bleibt [4]. Zusätzlich synthetisiert der Pilz mehrere Monoterpen-Alkohole, darunter Linalool, Terpineol und Citronellol [5], von denen einige in Laborexperimenten eine deutliche Hemmung des Wachstums verschiedener Konkurrenzpilze zeigen.  

Die Kombination aus phenolischer Akkumulation und Monoterpenproduktion deutet auf ein effizientes chemisches Abwehrsystem hin, das dem Symbionten im konkurrenzreichen Totholz einen erheblichen Vorteil verschaffen dürfte.

Essigsäureproduktion und Anpassung an saure Bedingungen

Besonders bemerkenswert ist die Fähigkeit von A. hylecoeti, große Mengen Essigsäure zu produzieren. In Flüssigkulturen führt dies zu pH-Werten um 3,6, einem Bereich, in dem das Wachstum vieler Pilze stark eingeschränkt wird, während A. hylecoeti unter diesen sauren Bedingungen sogar ein gesteigertes Wachstum zeigt. Bioassays mit der organischen Säure zeigen zudem eine klare Hemmung konkurrierender Pilze bereits bei niedrigeren Konzentrationen, während der Symbiont selbst nicht im Wachstum beeinflusst wird.

Tatsächlich tritt Essigsäure nicht nur unter Laborbedingungen auf, sondern ist auch in substanziellen Mengen in den natürlichen Larvengängen vorhanden [4]. Die dadurch verursachte Ansäuerung stellt vermutlich eine weitere Verteidigungsstrategie dar, die konkurrierende Mikroorganismen hemmt und das Wachstum des Symbionten begünstigt. Im Zusammenspiel mit den phenolischen Substanzen und den antimikrobiellen Monoterpenen entsteht so ein chemisch modifiziertes Mikrohabitat, das den symbiotischen Pilz gegenüber Konkurrenzpilzen deutlich schützen kann.

Bedeutung für die Werftkäfer-Symbiose

Die Symbiose zwischen E. dermestoides und A. hylecoeti zeigt, welche zentralen ökologischen Funktionen ein mutualistischer Pilz in einem Ambrosiakäfer-System übernehmen kann: Er stellt eine nährstoffreiche Ressource bereit und schützt die Larvengänge gleichzeitig durch ein Arsenal chemischer Abwehrmechanismen. Für solitäre Larven könnte diese Kombination entscheidend für das Überleben sein [4].

Unklar bleibt, wie die Larven die hohen Konzentrationen phenolischer Stoffe tolerieren und ob symbiotische Darmbakterien deren Abbau unterstützen. Ebenso ist die langfristige Wirkung der Substrat-Ansäuerung auf die Larven unbekannt. Da E. dermestoides bislang nicht auf künstlichem Medium gezüchtet werden kann, sind die experimentellen Ansätze hier begrenzt. Dennoch weisen unsere Labordaten und Feldnachweise klar darauf hin, dass A. hylecoeti eine Schlüsselrolle für die Entwicklung des Werftkäfers einnimmt.

Literaturhinweise

Kirkendall, L. R.; Biedermann, P. H. W.; Jordal, B. H.
Evolution and diversity of bark and ambrosia beetles
In: Bark Beetles: Biology and Ecology of Native and Invasive Species. Vega, F. E.; Hofstetter, R.W.; San Diego, Elsevier. pp. 85-156. ISBN: 9780124171565. (2025)
 
Biedermann, P. H. W.; Taborsky, M.
Larval helpers and age polyethism in ambrosia beetles
Proceedings of the National Academy of Sciences. 108(41), 17064-17069 (2011)
 
Francke-Grosmann, H.
Über Larvenentwicklung und Generationsverhältnisse bei Hylecoetus dermestoides L. (Coleoptera. Lymexylidae)
Transactions of the IXth International Congress of Entomology, Amsterdam, August 17-24, 1951, 1, 735-741, Verlag: Junk, The Hague (1952)
Lehenberger, M.; Pan, Y.; Ungerer, S.; Reichelt, M.; Pemp, D.; Paetz, C.; Lehenberger, J.; Gentsch, N.; Feistel, F.; Gros, P.; Lehmann, L.; Gershenzon, J.
 
Fungal symbiont of an ambrosia beetle possesses high nutrient content and suppresses competing fungi with antimicrobial compounds
The ISME Journal, 19(1), wraf258 (2025)
Francke, W.;  Brümmer, B.
Terpene aus Ascoidea hylecoeti
Planta Medica. 34(8): p. 426-429 (1978)
 

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