Jeder steht für jeden ein

Jeder steht für jeden ein

Es ist wieder mal geschafft: Während Küchenchef Roland Kroll noch schnell „in die Maske geht“ – soll heißen: seine Kochmütze gerade rückt – eilt Christopher Leitzke zur Tafel am Kantineneingang. Routiniert schreibt er mit Kreide und mit Sternchen vor jedem Gericht auf, was es heute zu essen gibt. Zwei Minuten vor Zwölf: Die Gäste können kommen. Und das tun sie auch, pünktlich. Denn Kantinengänger sind Gewohnheitsesser.

Lautlos geht die Jalousie an der Essensausgabe hoch. Was nun passiert, ist für Christopher Leitzke Endspurt. Seit 7 Uhr ist der 17-jährige Azubi der Kantine im MPI für Bildungsforschung auf den Beinen. Er gehört zum fünfköpfigen Team, das montags bis freitags fürs kulinarische Wohl von rund 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zuständig ist. Mit einem freundlichen Lächeln im gebräunten Gesicht steht er an der Essensausgabe und nimmt die Wünsche entgegen. Hier wird noch jeder Teller einzeln gefüllt, darf man die fürs vegetarische Gericht vorgesehene Beilage auch zur Bratwurst haben und hat man stets ein paar Worte für die Stammkunden parat. Kollege Arno Schneider “macht Hinterland“. Das heißt: Eigentlich unterstützt er Christopher Leitzke. Doch kaum werden die Bratwürste knapp, dreht er sich um und setzt auf dem nahen Herd eine weitere Pfanne auf. Was folgt, ist ein geschicktes Wechselspiel zwischen Weiterbedienen, umdrehen und Würstchen wenden. Wie selbstverständlich ist der Nachschub genau dann fertig, wenn der Vorrat aufgebraucht ist.

Fachkraft im Gastgewerbe: Für Christopher Leitzke steht dieser Titel am Ende einer zweijährigen Ausbildung, die er nach der 10. Klasse und einem erweiterten Hauptschulabschluss im vergangenen September begann und die er bewusst gewählt hat. Schon die Oma besaß ein eigenes Café, der Opa arbeitete im Palast der Republik, erzählt Christopher. Ans MPI ist er auf Empfehlung einer Klassenkameradin in der Berufsschule gekommen, die mitbekommen hatte, dass er sich in seinem ursprünglichen Ausbildungsbetrieb nicht wohl fühlte. Über den Wechsel ist er mehr als zufrieden: „Wir sind hier wie eine Familie. Jeder steht für jeden ein, man hilft sich gegenseitig“, sagt Leitzke mit ehrlicher Begeisterung.

Begonnen hat Leitzkes Tag mit der Betriebsbesprechung. „Da klären wir, ob Veranstaltungen anstehen und wer, für was zuständig ist. Dann habe ich Brötchen für die kalte Küche belegt, die von 8 bis 11 Uhr offen ist. Nach einer kurzen Pause ging’s ans Salat schneiden.“ Küchenchef Roland Kroll weiß, dass alles wie am Schnürchen läuft, auch wenn er nicht jedem einzeln über die Schulter schaut; er ist gerade beim Einkaufen. Der Rest des Küchenteams bereitet die Hauptmahlzeit des Tages samt Nachtischauswahl vor. Passen Wachsbohnen farblich neben Sojabohnenkeimlinge? Nein, zu blass, entscheidet Arno Schneider, der gerade die Behälter fürs Salatbuffet in die Kühltheke einhängt.

Wer zu Hause nur einen Vier-Personen-Haushalt führt, beobachtet Christopher Leitzke und seine Kollegen fasziniert, weil in der Kantine alles für Riesen gemacht scheint:

Großvolumige Petersilienbüschel warten darauf gewaschen zu werden, mit überlangen Schneebesen wird später der Inhalt des auch nicht gerade kleinen Kartons Kartoffelpüree „Flockenlocker“ verarbeitet. Und wer daheim schon beim Umfüllen von gekochtem Reis in die Servierschale ins Schlingern gerät, muss bei Kilomengen aus dem Dampfgarer erst recht aufpassen – Christopher Leitzke hat das im Rahmen seiner Ausbildung gelernt und kann’s jetzt mühelos.

Genauso wie er die sinnvolle Abfolge von Tätigkeiten beherrscht: „Braucht jemand was aus dem Keller“, fragt er mitdenkend und steht wenig später schon wieder an der Spüle, um Küchengerät zu reinigen. Hat man bei so viel Küchenarbeit überhaupt noch Lust privat zu kochen? Durchaus: „Ab und an koche ich für meine Eltern am Wochenende, am liebsten was italienisches mit viel frischen Kräutern“, verrät der 17-jährige, der aber auch Fast Food nicht verschmäht. “Klar gehe ich auch mal zu Mac Donalds oder Bürger King.“

Was ihm nicht so viel Spaß macht, ist das Arbeiten im Housekeeping-Bereich. Zur Ausbildung gehört es nämlich auch, Hotelzimmer herzurichten oder sich um die Wäsche zu kümmern. Christopher Leitzke hat das bei einem Pflichtpraktikum in einem Berliner Hotel ausprobiert und weiß nun, dass es ihn mehr in Küche und Service zieht. Entscheiden kann er sich immer noch, wie’s nach der Lehre weitergehen soll: Nur ein Jahr mehr und er könnte Hotel- oder Restaurantfachmann oder auch Koch werden.

 „Wir sind als Dienstleister immer im Stress; entweder man hasst es oder man liebt es“, sagt Leitzke – er ist die Ruhe selbst. Parliert jetzt gutgelaunt mit den Gästen an der Ausgabetheke und sorgt so instinktiv für deren Wohlbefinden. Ein nicht zu unterschätzendes Moment. Denn wie hatte Roland Kroll gesagt: „Wir müssen die Kunden zufrieden stellen, schließlich haben wir jeden Tag die gleichen Gäste.“

Von Susanne Beer

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