Gaza: Studie zeigt beispiellose Verluste an Menschenleben und Lebenserwartung
Forschende haben die Opferzahlen des anhaltenden Konflikts mithilfe eines statistischen Modells analysiert, das Datenunsicherheiten berücksichtigt
Auf den Punkt:
- Steigende Todeszahlen: Eine Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) und des Centre for Demographic Studies (CED) hat die Auswirkungen des Konflikts in Gaza auf die Sterblichkeit untersucht.
- Lebenserwartung stark gesunken: Die Lebenserwartung in Gaza ist im Jahr 2024 auf weniger als die Hälfte des ohne Krieg zu erwartenden Niveaus gefallen.
- Datenanalyse: Forschende des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung und des Centre for Demographic Studies nutzen ein statistisches Modell, das die großen Unsicherheiten auf Grund der geringen Datenverfügbarkeit berücksichtigt.
Ein Team des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) und des Centre for Demographic Studies (CED) hat die Auswirkungen des Konflikts in Gaza auf die Sterblichkeit untersucht. Sie schätzen, dass zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 31. Dezember 2024 78.318 (70.614 – 87.504) Menschen in Gaza getötet wurden. Infolgedessen sank die Lebenserwartung in Gaza im Jahr 2024 auf weniger als die Hälfte des ohne Krieg zu erwartenden Niveaus. Eine Aktualisierung ihrer Analyse, die nach der Veröffentlichung der Studie erstellt wurde, ergab, dass die Zahl der gewaltsamen Todesfälle derzeit wahrscheinlich 100.000 übersteigt.
Bewaffnete Konflikte und politische Instabilität haben weitreichende Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Eine aktuelle Studie des MPIDR und des CED zeigt, wie dramatisch diese sein können. Die Forschenden entwickelten einen Ansatz um die Auswirkungen des Krieges auf die Sterblichkeit zu analysieren und berücksichtigten dabei die große Unsicherheit auf Grund der geringen Datenverfügbarkeit zum aktuellen Konflikt im Gazastreifen.
Verzerrte und unvollständige Daten aus Konfliktgebieten können genaue Schätzungen der Sterblichkeit erschweren. Robuste Schätzungen, die die inhärente Unsicherheit von Konfliktsituationen berücksichtigen, sind für die Bewertung und Kommunikation der Auswirkungen von Konflikten unerlässlich. Ana C. Gómez-Ugarte, Irena Chen und ihre Kolleginnen und Kollegen stützten ihre Schätzungen auf Daten aus mehreren öffentlichen Quellen, darunter das Gaza Ministry of Health (GMoH), das Israeli Information Center for Human Rights in the Occupied Territories (B'Tselem), das Büro der United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (OCHA), die United Nations Inter-Agency Group for Child Mortality Estimation (UN-IGME) und das Palestinian Central Bureau of Statistics (PCBS).
Berücksichtigung von Messfehlern
„Die Lücke zwischen den Einschränkungen der Daten und der Forderung nach aussagekräftigen Messgrößen war der Anstoß für diese Studie. Wir zeigen, dass diese Herausforderungen sich nicht gegenseitig ausschließen müssen”, sagt Gómez-Ugarte. „Unser Ziel ist es, die Lebenserwartung und die durch den Gaza-Konflikt in Palästina verursachten Verluste an Lebenserwartung auf eine Weise zu schätzen, die unvollständige oder kaum vorhandene Daten berücksichtigt.”
In der methodischen Studie präsentiert das Team ein Modell, das bei der Schätzung der Sterblichkeit zwei bestimmte Messfehler ausdrücklich berücksichtigt.
- die Unsicherheit über die Gesamtzahl der Todesfälle, die von offiziellen Quellen wahrscheinlich zu niedrig angegeben wird, und
- die Unsicherheit hinsichtlich des Alters und Geschlechts der Opfer, die in den Gesamtzahlen der Todesfälle nicht erfasst sind.
Wahrscheinlich mehr als 100.000 Menschen im Gaza-Krieg getötet
Unter Verwendung eines pseudo-bayesschen Modellierungsansatzes schätzte die Studie, dass zwischen dem 7. Oktober 2023 und Ende 2024 78.318 (70.614 – 87.504) Menschen in Gaza als direkte Folge des Konflikts getötet wurden. In einer nach der Veröffentlichung durchgeführten Folgeanalyse stellten die Autorinnen und Autoren fest, dass die Zahl der konfliktbedingten Todesfälle in Gaza bis zum 6. Oktober 2025 wahrscheinlich 100.000 überschritten hat.
„Infolge dieser beispiellosen Entwicklung Sterblichkeit sank die Lebenserwartung in Gaza im Jahr 2023 um 44 Prozent und im Jahr 2024 um 47 Prozent. Im Vergleich zu Zahlen ohne Krieg entspricht das einem Verlust von 34,4 bzw. 36,4 Jahren“, erklärt Gómez-Ugarte. Die Studie ergab zudem, dass die Alters- und Geschlechtsverteilung der gewaltsamen Todesfälle in Gaza zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 31. Dezember 2024 den demografischen Mustern ähnelt, die bei mehreren von der Inter-Agency Group for Child Mortality Estimation (UN IGME) der Vereinten Nationen dokumentierten Völkermorden beobachtet wurden. Da es sich bei Völkermord um einen sehr spezifischen juristischen Begriff handelt, müssen bestimmte weitere Aspekte erfüllt sein, damit er angewandt werden kann. Dies war nicht Untersuchungsgegenstand dieser Studie.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bieten einen flexiblen Ansatz zur Schätzung der konfliktbedingten Sterblichkeit. Fortschritte in der statistischen Modellierung ermöglichen es, den „statistischen Kriegsnebel“ bei der Schätzung der Sterblichkeitsraten teilweise zu berücksichtigen. „Unsere Schätzungen der Auswirkungen des Krieges auf die Lebenserwartung in Gaza und Palästina sind signifikant, stellen aber wahrscheinlich nur eine Untergrenze der tatsächlichen Sterblichkeitsbelastung dar. Unsere Analyse konzentriert sich ausschließlich auf direkte, konfliktbedingte Todesfälle. Die indirekten Auswirkungen des Krieges, die oft größer und langanhaltender sind, werden in unseren Überlegungen nicht quantifiziert”, so Gómez-Ugarte.
Die Messung der Sterblichkeitsraten in Konfliktsituationen ist wichtig und notwendig. „Dringlichkeit sollte jedoch keine Entschuldigung für mangelnde methodische Genauigkeit sein. Wir ermutigen Forschende, die sich mit der Demografie von Konflikten befassen, Unsicherheiten mithilfe statistischer Instrumente direkt in die Schätzungen der Sterblichkeit einzubeziehen,“ schließt die Forscherin ab.













