Orang-Utans: Kulturelles Wissen sichert vielfältige Ernährung
Die Studie belegt, dass Orang-Utans ohne soziale Interaktion nicht in der Lage sind, ihren umfangreichen Speiseplan selbstständig zu erlernen.
Auf den Punkt gebracht
- Die Ernährung wildlebender Orang-Utans ist „kulturabhängig”: Der Speiseplan von erwachsene Sumatra-Orang-Utans setzt sich aus ca. 250 Bestanteilen zusammen; weit mehr, als ein ganz auf sich allein gestellter Orang-Utan erlernen könnte.
- Entwicklungsexperimente „in silico”: Mithilfe von Computersimulationen, die auf 12 Jahren Beobachtungsdaten von wildlebenden Orang-Utans basieren, zeigen Forscher, dass Orang-Utans den Umfang eines Speiseplanes erwachsener Tiere nicht entwickeln können, wenn ihnen soziale Interaktionen vorenthalten werden, die kulturelles Lernen ermöglichen.
- Tiefe Wurzeln kultureller Weitergabe: Der Speiseplan von erwachsenen Orang-Utans ist das Ergebnis von sozial geteiltem Wissen, das verschiedene Individuen über Generationen erschlossen und aneinander weitergegeben haben. Die Fähigkeit des Menschen ein breites kulturelles Repertoire anzuhäufen – in einem Umfang, der über die Kapazität eines einzelnen Individuums hinausgeht – hat sich daher womöglich schon vor 13 Millionen Jahren bei den letzten gemeinsamen Vorfahren mit den Orang-Utans entwickelt.
Wenn ein wildlebender Orang-Utan seine Mutter nach vielen Jahren an ihrer Seite verlässt, verfügt er über einen mentalen Katalog von fast 250 essbaren Pflanzenteilen und Tierearten, sowie das Wissen, wo man diese findet und sich einverleibt. Eine neue Studie zeigt, dass kein einzelner, auf sich allein gestellter Orang-Utan dieses enzyklopädische Wissen durch eigenes Lernen (z.B. durch Versuch und Irrtum) aufbauen könnte. Der Speiseplan der Orang-Utans ist stattdessen ein Beispiel für ein „kulturabhängiges Repertoire“ – einen generationsübergreifenden Wissensschatz, der nur durch kulturelles Lernen von Artgenossen erworben werden kann.
Als Menschen müssen wir ein breites Repertoire an Wissen erwerben, um zu überleben und zu gedeihen – von lokalen Gepflogenheiten bis hin zu den Fähigkeiten, die man braucht um neue Innovationen wie Fischspeere oder iPhones zu entwickeln. Ein Großteil dieses kulturellen Wissens ist zu umfangreich oder zu komplex, als dass ein einzelner Mensch es in seinem Leben von Grund auf neu erschaffen könnte. Unsere Kultur besteh aus den Innovationen vieler Individuen.
Bisher war jedoch unklar, ob ähnliche Prozesse auch bei wildlebenden, nichtmenschlichen Arten stattfinden. Ein internationales Forscherteam hat nun untersucht, ob der Umfang des Speiseplans wildlebender Orang-Utans den übersteigt, den ein einzelnes Individuum innerhalb eines relevanten Zeitraums eigenständig erlernen könnte. „Wir liefern überzeugende Hinweise dafür, dass Kultur wildlebenden Orang-Utans ermöglicht, ein Wissensrepertoire aufzubauen, das viel umfangreicher ist, als sie es alleine lernen könnten“, sagt Erstautor Elliot Howard-Spink vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie, inzwischen an der Universität Zürich tätig. „Die Orang-Utan Speisepläne müssen das Ergebnis von Erfahrungen und Innovationen vieler Individuen sein, die sich im Laufe der Zeit kulturell angestaut haben“, fügt Co-Autor Claudio Tennie von der Universität Tübingen hinzu. „Die Wurzeln solcher kulturellen Wissensweitergabe reichen möglicherweise 13 Millionen Jahre zurück bis zu unserem letzten gemeinsamen Vorfahren mit diesen Menschenaffen.“
Tägliche Beobachtungen
Die Ernährung wildlebender Orang-Utans ist kulturabhängig
Das Team wollte herausfinden, ob junge Orang-Utans selbstständig erlernen können, welche Pflanzen und Tierarten essbar sind, bevor sie mit etwa 15 Jahren zu selbstständigen Erwachsenen werden – oder ob sie diese Informationen von Artgenossen lernen müssen. Die Forscher nutzten umfangreiche Daten, die über wildlebende Sumatra-Orang-Utans in den Sumpfwäldern von Suaq Balimbing, Indonesien, gesammelt wurden. Dazu gehörten zwölf Jahre täglicher Beobachtungen, bei denen das Verhalten der Orang-Utans alle paar Minuten aufgezeichnet wurde.
Dieser Datensatz allein reichte jedoch nicht aus. Das Team musste Szenarien testen, in denen junge Orang-Utans während ihres Heranwachsens von verschiedenen Arten sozialer Interaktionen abgeschnitten waren. „Wir würden so etwas jedoch niemals mit echten Orang-Utans machen“, sagt Howard-Spink. Außerdem war es für die Wissenschaftler unmöglich, jeden einzelnen Orang-Utan über die vielen Jahre, die sie zum Heranwachsen brauchen, jeden Tag zu beobachten. Aus diesen und anderen Gründen entwickelten die Wissenschaftler eine andere Testmethode.
Anhand täglicher Momentaufnahmen durch die Beobachtungsdaten entwickelte Howard-Spink ein Simulationsmodell, das das Leben von Orang-Utans von der Geburt bis zum Erreichen der Geschlechtsreife im Alter von fünfzehn Jahren nachstellen kann. Das Modell berücksichtigt drei wichtige soziale Faktoren, von denen angenommen wird, dass sie das Erlernen des Speiseplans von Orang-Utans beeinflussen: 1. die Beobachtung der Nahrungsaufnahme anderer aus nächster Nähe, (ein Verhalten, das als „Peering” bezeichnet wird); 2. eine unmittelbarer Nähe zu anderen Orang-Utans, während diese Nahrung aufnehmen (da dies die Wahrscheinlichkeit erhöhen kann, dass sie selber mit ähnlichen Nahrungsmittel in Kontakt kommen); 3. Das Folgen von Artgenossen zu geeigneten Futterplätzen (auch dies erhört die Kontaktwahrscheinlichkeit).
„Jeder einzelne Parameter dieses Modells basiert auf unseren Langzeitdaten von Orang-Utans in freier Wildbahn”, sagt Caroline Schuppli, Leiterin der Studie und Gruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie. „Damit können wir genau bestimmen, welche Arten von sozialen Interaktionen jungen Orang-Utans dabei helfen, zu lernen, was sie fressen sollen, und sogar die Bedeutung der drei verschiedenen sozialen Interaktionen für den Lernprozess einstufen.”
Der Situation wildlebender Individuen am ähnlichsten blieb die Simulation, wenn alle drei Faktoren verfügbar waren. Hier entwickelten die simulierten Orang-Utans einen Speiseplan, der ebenso umfangreich war wie der von erwachsenen Orang-Utans in der Wildnis – mit etwa 224 Bestandteilen. Dies geschah sogar im fast exakt gleichen Alter wie in der Wildnis. Eine solche Übereinstimmung zwischen Modell und Realität bestätigt die Genauigkeit und Anwendbarkeit der Simulation.
„Die Tatsache, dass unsere Simulation so genau mit der Entwicklung von wildlebenden Individuen übereinstimmte, ist auf die umfangreichen und einzigartig detaillierten Daten zurückzuführen, die in Suaq in freier Wildbahn gesammelt wurden – durch die harte Arbeit eines großen Teams“, sagt Howard-Spink.
Kulturelle Dimension des Speiseplans
Howard-Spink begann daraufhin, die simulierten Orang-Utans von verschiedenen sozialen Interaktionen auszuschließen. Schon allein die reine Unterbindung von Peering (also dem nahen Beobachten von Artgenossen) zeigte einen deutlichen Effekt: Die simulierten Orang-Utans entwickelten ihre Speisepläne im Durchschnitt deutlich langsamer und erreichten im Erwachsenenalter auch nur 85 Prozent des Nahrungsrepertoires ihrer Artgenossen in freier Wildbahn. Durch die Unterbindung sowohl des Peerings als auch engeren sozialen Kontakte verringerte sich der Speiseplan der simulierten Menschenaffen sogar noch drastischer. Diese Speisepläne erreichten in Simulationen niemals die Vielfalt der Ernährung wildlebender Erwachsener Orang-Utans und ihre Speisepläne blieben schon vor dem Ende der Jugendzeit auf einem rudimentären Level stehen.
„Sozial isolierte, simulierte Orang-Utans hatten während ihrer Entwicklung zwar immer noch Hunderttausende von Gelegenheiten, mit Nahrungsmitteln in Kontakt zu kommen“, sagt Howard-Spink. „Doch selbst dieser häufige Kontakt konnte nicht das Lernen ersetzen, was ihnen durch den Verlust sozialer Interaktionen entgangen war.“ Mitautor Andrew Whiten von der University of St Andrews sagt: „Wir sehen hier den bislang stärksten Beweis dafür, dass die Speisepläne von Orang-Utans über viele Generationen hinweg kulturell geprägt sind.“
Der nächste Schritt besteht darin zu verstehen, wie dieses kulturell angehäufte Wissen den Energiehaushalt, das Überleben und den Fortpflanzungserfolg von Orang-Utans beeinflusst. „Angesichts dessen, wie stark sich die Entwicklung der Speisepläne ohne soziale Einflüsse verschlechtert, ist der Einfluss der Kultur auf das tägliche Leben der Orang-Utans potenziell tiefgreifend“, fügt Whiten hinzu.
Das Team wird diese Frage im Rahmen einer weiteren Studie untersuchen. „Wir werden erneut empirisch validierte Simulationen einsetzen, um zu verstehen, in wie weit Orang-Utans in freier Wildbahn auf kulturelles Wissen angewiesen sind, um zu überleben, zu gedeihen und sich erfolgreich fortzupflanzen“, erklärt Gruppenleiterin Schuppli.
Erhaltung von akkumulierten Kulturen
Erwachsene Orang-Utans leben in der Regel einzelgängerisch – umso wertvoller ist daher ihre lange Kindheitsphase als Zeitfenster für das Erlernen von kulturellem Wissen. „In freier Wildbahn sind die ständige Nähe zur Mutter und gelegentliche Begegnungen mit anderen Individuen entscheidend für das Lernen und die Entwicklung junger Orang-Utans in ihren ersten Lebensjahren“, erklärt Schuppli. „Sie bieten eine entscheidende Lehrzeit, die den Weg zur Selbstständigkeit ebnet.“
Da die Orang-Utan-Populationen weiter schrumpfen, hat diese neue Studie auch eine praktische Dringlichkeit. Verwaiste Tiere, die ohne das vollständige Wissen über die natürliche Nahrungspalette ausgewildert oder in fremde Lebensräume gebracht werden, laufen Gefahr, zu verhungern oder sich an unbekannten Pflanzen zu vergiften. „Wiederauswilderungsprogramme bringen Orang-Utans bereits bei, sich außerhalb der Gefangenschaft selbst zu ernähren“, ergänzt Schuppli. „Unsere Studie unterstreicht, wie wichtig es ist, ihnen ihr gesamtes kulturelles Repertoire an Nahrungswissen zu vermitteln – damit sie in der Wildnis die bestmöglichen Überlebenschancen haben.“














