Tiefseebergbau: Wie schützen wir den Meeresboden?

Der Meeresboden birgt enorme Reserven an Mangan, Kobalt, Nickel und anderen Mineralien. Bislang gibt es keinen internationalen Konsens, ob und wie deren Abbau erfolgen soll. Fest steht jedoch: Die ökologischen Folgen des Tiefseebergbaus sind gravierend, die Kosten hoch. Wie kann der Meeresboden als „Erbe der Menschheit“ geschützt werden?

Auf den Punkt gebracht

  • Tiefseebergbau: Der Meeresboden enthält wertvolle Mineralien wie Mangan und Kobalt. Diese Rohstoffe werden an Land knapp.
  • Internationale Regulierung: Die Internationale Meeresbodenbehörde (ISA) hat bisher keinen Mining Code beschlossen, der den Tiefseebergbau regeln könnte. Aktuell gibt es bereits 30 Verträge zur Ressourcenerkundung.
  • Gerechtigkeit und Rohstoffpolitik: Die Diskussion über den Abbau von Manganknollen verbindet Rohstoffpolitik, globale Gerechtigkeit und internationales Seerecht. Stimmen des Globalen Südens werden oft vernachlässigt.

In den kühlen und nährstoffarmen Tiefen des Ozeans wachsen extrem langsam Knollen und Krusten heran, die vor allem Mangan und Eisenoxide, aber auch wertvolle Metalle wie Nickel, Kobalt und Kupfer enthalten. Da diese Ressourcen an Land knapp werden – etwa durch Bedarfe für Batterien, Elektromobilität und digitale Technologien – sind die Lagerstätten im Meer wirtschaftlich interessant. Doch die Eingriffe in den Meeresboden stören die natürlichen Ökosystemfunktionen und Mikrobengemeinschaften im Meeresboden langfristig, wie eine gemeinsame Studie von Max-Planck-Institut für marine Mikrobiologie, Alfred-Wegener-Institut und dem Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung (GEOMAR) herausfand.

Tiefe Spuren im Meeresboden

Das Team um Antje Boetius, ehemalige Direktorin am Alfred-Wegener-Institut und Leiterin einer gemeinsamen Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für marine Mikrobiologie, untersuchte dazu den Zustand des Meeresbodens sowie die Aktivität der Mikroorganismen im DISCOL-Gebiet im tropischen Ostpazifik, etwa 3000 Kilometer vor der Küste Perus. Dort hatten im Jahr 1989 deutsche Forscher in einem Manganknollengebiet in 4000 Metern Wassertiefe den Meeresboden in einem Durchmesser von gut dreieinhalb Kilometern mit einer Egge umgepflügt, um einen Abbau zu simulieren.

„Auch 26 Jahre nach dieser Störung konnten wir die Pflugspuren auf dem Meeresboden klar erkennen“, berichtet Tobias Vonnahme, der am Max-Planck-Institut für marine Mikrobiologie an der Studie teilgenommen hat. „Auch die bakteriellen Bewohner waren deutlich beeinträchtigt.“  

Im Vergleich zu ungestörten Regionen des Meeresbodens lebten in den alten Spuren nur etwa zwei Drittel der Bakterien, in frischeren Pflugspuren sogar nur die Hälfte. Verglichen mit ungestörten Flächen waren die Raten verschiedener mikrobieller Prozesse auch nach einem Vierteljahrhundert um drei Viertel verringert. „Die Mikroben können frühestens nach 50 Jahren wieder ihre übliche Funktion voll ausüben“, so Vonnahme.

Zugestaubt und durcheinander

Aber auch die biogeochemischen Bedingungen hatten sich nachhaltig verändert. Das liegt nach Antje Boetius vor allem daran, dass die oberste, aktive Sedimentschicht durch den Pflug zerstört, untergepflügt, oder aufgewirbelt und von den Strömungen davongetragen wird. Die Folge: Die mikrobiellen Bewohner des Meeresbodens können das „herabregnende“ organische Material nur eingeschränkt verwerten. Damit büßen sie eine ihrer Schlüsselfunktionen für das Ökosystem ein.

Alle Abbautechnologien für Manganknollen, die aktuell entwickelt werden, würden noch gravierendere Schäden hervorrufen, ist die Tiefseeforscherin überzeugt. Denn diese betreffen eine Tiefe von mindestens zehn Zentimetern.

Ökologisch nachhaltige Technologien sollten unbedingt vermeiden, die dicht belebte und bioaktive Oberflächenschicht des Meeresbodens zu entfernen.
Antje Boetius

Kein Mining Code beschlossen

Auch die gesamte Abbaufläche, die derzeit im Fokus steht, ist deutlich größer als das Untersuchungsgebiet. Allein die Clarion-Clipperton-Zone zwischen Hawaii und Mexiko, für die bereits Abbaulizenzen vergeben wurden, erstreckt sich über etwa 4,5 bis 6 Millionen Quadratkilometer.

Bislang verhindert internationales Seerecht noch die systematische Ausbeutung der Ozeane. Die Internationale Meeresbodenbehörde (ISA), die ihren Sitz in Kingston, der Hauptstadt von Jamaika hat, soll ein Regelwerk erstellen, das den Tiefseebergbau regulieren soll. Doch während ihrer Sitzung im Juli 2025 gelang es ihr nicht, sich auf einen Mining Code zu einigen. Bei der Vielfalt der Aufgaben, die mit einer Fülle an Macht einhergehen, ist dies nicht verwunderlich: Die Behörde vergibt einerseits Abbau-Lizenzen an Staaten. Derzeit sind 30 Verträge zur Ressourcen-Erkundung in Kraft. Anderseits ist die ISA sowohl für Regelsetzung als auch für die Aufsicht der Verträge zuständig.

Wem gehören die Ozeane?

Das Meer als Rohstoffquelle, Lebensraum und politischer Raum: Die Rechtswissenschaftlerin Surabhi Ranganathan untersucht, wie internationales Seerecht unsere Nutzung der Meere prägt und welche Visionen dabei überhört werden.

Die Internationale Meeresbodenbehörde wurde 1994 im Rahmen des UN-Seerechtsübereinkommens (UNCLOS) gegründet – mit einem doppelten Mandat, „den Meeresboden als gemeinsames Erbe der Menschheit zu schützen und seine Nutzung zum Nutzen aller zu regeln“, erklärt Surabhi Ranganathan, Professorin für Internationales Recht an der University of Cambridge. Die Juristin, die in diesem Jahr mit dem Max-Planck-Humboldt-Forschungspreis ausgezeichnet wird, forscht schon seit vielen Jahren zu internationalem Seerecht – einer Disziplin des Völkerrechts –, dessen Geschichte und dazu, wie das Recht unsere Vorstellungen vom Ozean formt.

Manganknollen, die beispielsweise in der Clarion-Clipperton-Zone im Südpazifik in 4000 Metern Tiefe im Ozean lagern, sind ihrer Meinung nach ein gutes Beispiel für die verschiedenen Blickwinkel auf den Ozean. Sie zeigen, wie eng Rohstoffpolitik, globale Gerechtigkeit und das internationales Seerecht miteinander verflochten sind. Die Frage, die sich ihr stellt:

Sollten wir dies unter dem Gesichtspunkt von Wachstum und Gewinn betrachten oder unter einem anderen Gesichtspunkt, bei dem es eher um Solidarität und Verteilungsgerechtigkeit geht?
Surabhi Ranganathan

Als die Manganknollen, Anfang des 19. Jahrhundert entdeckt wurden, war sich niemand ihres Wertes bewusst. Sie wurden damals als „dreckige Kartoffeln“ beschrieben und abgetan. Erst in den 1960er-Jahren – mitten in der Zeit des Kalten Krieges und der Dekolonialisierung – erkannten viele Staaten ihr wirtschaftliches Potenzial und wollten von der Rohstoffquelle profitieren. Auch Länder des globalen Südens begannen die Bodenschätze selbst zu kontrollieren, beziehungsweise zu verstaatlichen.

Enterprise: ein internationales Monopolunternehmen für den Tiefseebergbau

In den aktuellen Diskussionen rund um das internationale Seerecht prallen verschiedene Vorstellungen über die Nutzung und das Wesen der Ozeane und Meere aufeinander. „Bis heute wird dabei nicht allen Stimmen Gehör geschenkt“, sagt Surabhi Ranganathan. Insbesondere die Standpunkte von Gemeinschaften und Staaten aus dem Globalen Süden werden ihre Ansicht nach oft vernachlässigt. Dabei könnten gerade sie neue Perspektiven eröffnen.

So haben viele Länder des Globalen Südens beispielsweise auf Basis dieser Tiefseeressourcen die Chance gesehen, ein nicht koloniales, solidarisches Modell der Rohstoffgewinnung vorzuschlagen, einen kollektiven Tiefseebergbau, der auf eine gerechte Entwicklung und auch Wiedergutmachung kolonialer Ungerechtigkeiten ausgerichtet wäre.

Diese Vision war auch Teil der Verhandlungen rund um das UN-Seerechtsübereinkommen, das auch als die „Verfassung der Meere“ bezeichnet wird, und trug den Namen „Enterprise“, angelehnt an die USS Enterprise, das Raumschiff aus Star Trek, das die unendlichen Weiten erforscht – visionär, international besetzt und im Interesse der gesamten Menschheit.

Doch so schnell und eindeutig die Idee von Enterprise als internationales Monopolunternehmen für den Tiefseebergbau als radikal zurückgewiesen wurde, so wenig ist über Genese und Konzept bekannt. Dieser Vision nachzugehen, ist Teil des neues Forschungsvorhabens von  Surabhi Ranganathan, in dem sie das internationale Seerecht  im globalen Kontext sowie vor dem Hintergrund der Dekolonisierung erforschen will: „Ways of Worldmaking: The Global South and the (Re)Imagination of Global Ocean Governance“ soll mit der ​​Humboldt-Universität zu Berlin und dem Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg umgesetzt werden.

Die Wissenschaftlerin hofft, dass dies ein Neudenken und eine Neubewertung des Seerechts ermöglichen kann auch im Hinblick auf neue Fragen nach Gerechtigkeit, die zum Beispiel durch den Klimawandel oder Klimareparationen aufkommen. Dabei soll sichtbar werden, dass Recht nicht nur Regeln setzt, sondern auch Realitäten konstruiert: Es entscheidet, was wir als legitim und vorstellbar ansehen — und damit, wie wir das Meer nutzen und wahrnehmen.

Text: Barbara Abrell

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