Mittelalterliche Gemeinschaften förderten die Biodiversität im Bodenseeraum
Um 1.000 nach Christus hat die Pflanzenvielfalt einen Höhepunkt erreicht
Auf den Punkt gebracht
- Biodiversität: Eine internationale Studie zeigt, dass mittelalterliche Gemeinschaften am Bodensee aktiv die Biodiversität erhöhten. Die Forschenden dokumentieren einen Anstieg der Pflanzenvielfalt, der um 1000 n. Chr. seinen Höhepunkt erreichte.
- Menschliche Aktivitäten: Die Untersuchung belegt, dass menschliche Aktivitäten die Gesundheit und Widerstandsfähigkeit von Umgebungen unterstützen können, was auch für moderne Naturschutzstrategien von Bedeutung ist.
- Kulturelle Innovationen: Der Anstieg der Pflanzenvielfalt wurde durch kulturelle Innovationen in Landwirtschaft, Landnutzung und Handel während der mittelalterlichen Periode gefördert.
- Erfolgreiche Interaktionen: Adam Izdebski vom Max-Planck-Institut für Geoanthropologie betont, dass menschliche Gemeinschaften über lange Zeiträume biodiverse Landschaften unterstützen können.
- Politikempfehlungen: Die Studie liefert wichtige Erkenntnisse für politische Entscheidungsträger und Naturschützer, indem sie zeigt, dass bestimmte landwirtschaftliche Systeme die Pflanzenvielfalt fördern können, während sie gleichzeitig die Nahrungsmittelproduktion aufrechterhalten.
Eine zentrale Erkenntnis des Anthropozäns ist die Bedeutung der Biodiversität sowohl für ein funktionierendes Erdsystem, als auch für menschliche Gesellschaften. Aktuelle Trends deuten zwar auf einen globalen Verlust der Biodiversität hin, doch frühere Studien dokumentieren auch Zunahmen der Biodiversität im holozänen Europa. Dies belegt, dass menschliche Gesellschaften die Gesundheit und Resilienz ihrer Umwelt tatsächlich fördern können. Die kulturellen Faktoren, die mit diesen Biodiversitätsanstiegen verbunden sind, sind jedoch bislang weniger erforscht.
Optimum der Pflanzenvielfalt
Eine Studie kombiniert interdisziplinäre Datensätze, um die Ursachen des Biodiversitätswandels im Bodenseeraum im Südwesten Deutschlands, ehemals Teil des Karolingischen Reichs, zu analysieren. Die Forschenden dokumentierten ab etwa 500 n. Chr. einen signifikanten, anhaltenden Anstieg der Pflanzenvielfalt, der in einem „Optimum der Pflanzenvielfalt“ um das Jahr 1000 gipfelte. Die Daten weisen darauf hin, dass kulturelle Innovationen in Landwirtschaft, Landbewirtschaftung und Handel während der Entstehung des mittelalterlichen Europas diesen Anstieg förderten.
„Unsere Ergebnisse dokumentieren eine Erfolgsgeschichte der Wechselwirkung zwischen Mensch und Umwelt“, erklärt Adam Izdebski vom Max-Planck-Institut für Geoanthropologie. „Menschliche Gemeinschaften können biodiverse Landschaften fördern und haben dies über lange Zeiträume hinweg bewiesen.“
„Diese Studie liefert Erkenntnisse für politische Entscheidungstragende und Naturschutzexpertinnen“, ergänzt Adam Spitzig von der Universität Stanford. „Unsere Daten legen nahe, dass landwirtschaftliche Systeme mit hohem Naturwert sowie agroökologische Mosaike mit moderater Störung die Pflanzenvielfalt effektiv steigern und gleichzeitig die Nahrungsmittelproduktion sichern können.“
Paläoökologische und historische Datensätze
Um zu diesen Erkenntnissen zu gelangen, nutzten die Forschenden paläoökologische und historische Datensätze aus dem Bodenseeraum, einer Region mit außergewöhnlich guter Dokumentation. Die Analyse fossiler Pollen aus sechs Sedimentkernen, kombiniert mit archäobotanischen Funden aus Hunderten Fundstellen, ermöglichte die Rekonstruktion der Pflanzenvielfalt während der letzten 4.000 Jahre. Die Verknüpfung dieser Daten mit historischen Dokumenten aus regionalen Archiven, darunter dem Stiftsarchiv St. Gallen, erlaubte die Identifikation landwirtschaftlicher und handelspolitischer Praktiken, die den Anstieg der Pflanzenvielfalt begünstigten.
Mit dem Übergang der Gesellschaft in das Anthropozän, die Epoche der Menschheit, gewinnen Berichte über positive Wechselwirkungen zwischen Mensch und Erdsystem an Bedeutung. Sie verdeutlichen, dass Gesellschaften Biodiversität und gesunde Landschaften fördern können. Die Forschenden hoffen, dass zukünftige Studien langfristige Biodiversitätsschätzungen mit detaillierten kulturellen Einordnungen verknüpfen werden, um politischen Entscheidungstragenden die Umsetzung wirksamer Maßnahmen im Biodiversitätsmanagement zu ermöglichen.














