„Kompensationszertifikate haben kaum zu zusätzlichem Klimaschutz geführt“

EU-Klimaziele: Was Kompensationszertifikate bringen, erklärt Ökonom Benedict Probst im Interview

10. Dezember 2025

EU-Parlament und Europarat haben sich darauf geeinigt, dass die CO2-Emissionen der EU bis 2040 um 90 Prozent im Vergleich zu 1990 sinken sollen. Ab 2036 sollen bis zu fünf Prozentpunkte mithilfe von Emissionszertifikaten aus dem außereuropäischen Ausland erzielt werden können. Der Emissionshandel für Gebäude und Verkehr (ETS2) soll nun erst 2028 statt 2027 starten. Umweltökonom Benedict Probst, Leiter einer Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb in München, über den Beitrag von CO2-Zertifikaten zum Klimaschutz. 

Herr Probst, wie sinnvoll sind Gutschriften durch Emissionszertifikate aus dem außereuropäischen Ausland für den Klimaschutz?

Diese Regelung ist ein klimapolitischer Rückschritt. Wenn wir einen wesentlichen Teil unserer Klimaziele durch Auslandszertifikate erfüllen, nehmen wir den Druck von der europäischen Wirtschaft, sich wirklich zu transformieren. Die Evidenz der letzten 20 Jahre ist eindeutig: Klimazertifikate haben häufig nicht die versprochenen Emissionsminderungen erzielt. Aber es geht nicht nur um Klimaschutz, sondern um Europas Zukunft. Jeder Euro, den wir in fragwürdige Zertifikate stecken, fehlt für Investitionen hier vor Ort: in erneuerbare Energien, Wärmepumpen, grünen Wasserstoff und klimaneutrale Industrie. Während wir uns mit Kompensationen herausreden, investiert China massiv in genau diese Zukunftstechnologien. Das Ergebnis: Wir laufen Gefahr, den Anschluss an die Schlüsselindustrien des 21. Jahrhunderts weiter zu verpassen. Das ist nicht nur klimapolitisch fatal, sondern auch wirtschaftlich kurzsichtig.

Was bedeutet es, wenn fünf Prozent der CO2-Emissionen durch außereuropäische Emissionszertifikate gutgeschrieben werden können?

Man muss sich die Dimension klarmachen: Diese fünf Prozentpunkte klingen harmlos, sind aber gemessen am Zielniveau 2040 gewaltig. Konkret heißt das, dass im Jahr 2040 in der EU 50 Prozent mehr CO2 emittiert werden darf, wenn die EU das voll ausschöpft. Das wäre schon problematisch genug, aber die eigentliche Gefahr ist: Viele dieser Zertifikate liefern nicht, was sie versprechen. Ja, die Standards im neuen Artikel-6-Handelsmechanismus [nach dem Pariser Klimaabkommen, Anmerkung der Redaktion] sind vielleicht etwas besser als früher. Aber es bleiben erhebliche Schlupflöcher für fragwürdige Zertifikate.

Sie erforschen, ob Klimazertifikate tatsächlich den versprochenen Nutzen bringen. Sind Maßnahmen zur CO2-Kompensation wie der Bau von Windparks, der Schutz von Wäldern, eine klimafreundlichere Forstwirtschaft oder CO2-arme Kochöfen für Länder des Globalen Südens sinnvoll?

Die Maßnahmen an sich sind sinnvoll, aber die dafür ausgegebenen Kompensationszertifikate haben in der Vergangenheit kaum zu zusätzlichem Klimaschutz geführt. Wenn zum Beispiel in China Windparks gebaut werden, ist das zwar gut für das Klima. Nicht gut ist allerdings, wenn behauptet wird, dass diese Windparks erst durch den Verkauf der Zertifikate finanziert werden konnten. Die Studien, die wir analysiert haben, zeigen, dass der Verkauf von Zertifikaten für Finanzierungsentscheidungen von Windparks keinerlei Rolle spielt.

Worin liegen die Probleme bei der Zertifizierung?

Wir haben im vergangenen November in Nature Communications mit einem internationalen Autorenteam eine große Übersichtsstudie veröffentlicht, die ich geleitet habe. In dieser Studie haben wir 14 Studien zu 2.346 CO2-Minderungsprojekten ausgewertet und zeigen, dass die untersuchten Kompensationsprojekte weniger als 16 Prozent der von den Projektentwicklern angegebenen Treibhausgase eingespart haben. Hinter diesen niedrigen Zahlen verbergen sich mehrere Probleme: Bei vielen Projekten hat der Verkauf von Zertifikaten zu keinen zusätzlichen CO2-Einsparungen geführt, etwa bei Windkraftprojekten in China, da diese ohnehin umgesetzt worden wären. Zudem berechnen viele Projektentwickler die Reduktionen mithilfe von Methoden, die nicht auf dem neuesten Stand der Wissenschaft stehen. Hinzu kommen noch Fehlanreize bei der methodischen Ausgestaltung der Programme. So werden in den USA bei der Verbesserung der Waldbewirtschaftung häufig Flächen eingebracht, auf denen ohnehin schon seit Langem weniger Holz entnommen wird. Die Reduktionen werden jedoch im Vergleich zu einem regionalen Mittelwert berechnet, der von einer höheren Holzentnahme ausgeht. Sie sind daher stark überschätzt. Seitdem sind zusätzliche Studien erschienen, die zu denselben Schlussfolgerungen kommen. Die Evidenzlage ist unverändert kritisch.

Können Kompensationen von CO2-Emissionen trotzdem zum Klimaschutz beitragen?

Restemissionen aus der Industrie oder dem Transportsektor, die kaum vermeidbar sind, müssen langfristig kompensiert werden. Dies darf aber nur durch permanente Entfernungsmethoden geschehen wie etwa direct air capture, also die Entfernung von CO2 aus der Luft, oder die Speicherung von CO2, das bei der Verbrennung von Biomasse entsteht. Diese Zertifikate sind allerdings sehr teuer, sie werden aber günstiger, wenn sich die Technik weiterentwickelt und solche Verfahren im großen Stil eingesetzt werden. Es gibt etwa Firmenkonsortien wie Frontier, die die teuren Zertifikate zur dauerhaften Kompensation kaufen. Das ist bislang aber nur ein kleiner Teil des Marktes.

Wie wird CO2 bepreist – abgesehen von Kompensationszertifikaten?

Es gibt zum einen CO2-Steuern, bei denen man pro Tonne einen festen Betrag zahlen muss, und zum anderen den Emissionshandel. Hier wird beispielsweise in Europa ein Emissionsbudget für Industrieanlagen festgelegt. Für einen Teil dieses Budgets erhalten die Unternehmen Verschmutzungsrechte, mit denen sie handeln können. Die Obergrenze sinkt jährlich, sodass der Preis und der Druck für Unternehmen, um CO2 einzusparen, steigen. Es wird befürchtet, dass Unternehmen Kompensationszertifikate kaufen und damit den Emissionshandel umgehen. Das ist bisher jedoch nur in geringem Umfang geschehen.

Wie können Privatpersonen CO2-Emissionen etwa für Flüge kompensieren?

Wir müssen uns von der Illusion verabschieden, Flüge für geringe Beträge kompensieren zu können. Fossile Emissionen verbleiben Tausende Jahre in der Atmosphäre und erfordern dauerhafte Entfernungsmaßnahmen. Gängige Ansätze wie Waldschutz reichen nicht aus, da ihre Wirkung bei Waldverlust, etwa durch Brände, schnell zunichtegemacht wird. Es können aber Zertifikate aus den permanenten Entfernungsmethoden wie direct air capture gekauft werden, wie sie zum Beispiel das Schweizer Unternehmen Climeworks anbietet. Da diese jedoch sehr teuer sind, kann wohl kaum jemand damit seine Emissionen vollständig kompensieren. Man trägt aber zur Weiterentwicklung bei.

Welchen Ausweg sehen Sie?

Es gibt durchaus Lichtblicke. Die Kosten für Wind, Solar, Batterien und andere grüne Technologien fallen kontinuierlich – schneller als die meisten Prognosen vorhergesagt haben. In den letzten 20 Jahren haben wir die Kostensenkungen im grünen Bereich systematisch unterschätzt. Das macht den Umbau zunehmend attraktiver, auch rein ökonomisch. Es kann gut sein, dass sich unsere Klimaziele in einigen Jahren leichter erfüllen lassen, einfach weil die Alternativen so viel günstiger werden. Auch bei den Kompensationsprojekten selbst gibt es Bewegung: Mehr kritische Augen, strengere Standards, bessere Überwachung. Das könnte die Qualität tatsächlich steigern. Aber – und das ist wichtig – die bisherige Evidenz macht keinen Mut zu Optimismus, was Klimazertifikate angeht. Wir sollten unsere Klimastrategie auf echte Emissionsminderungen bauen, nicht auf die Hoffnung, dass Zertifikate diesmal funktionieren.

Das Interview führten Michaela Hutterer und Peter Hergersberg. Es handelt sich um die aktualisierte Fassung eines Interviews, das bereits online am 6. November 2025 und in der MaxPlanckForschung 4/2024 veröffentlicht wurde.

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