Icarus ist ins All zurückgekehrt

System zur globalen Tierbeobachtung ist nach dreijähriger Pause neu gestartet

Auf den Punkt gebracht

  • Zurück im Orbit: Icarus wurde an Bord des Gena-OT-Satelliten installiert, der über den deutschen Startintegrator Exolaunch im Rahmen der Transporter-15-Mission von SpaceX an Bord einer Falcon 9 gestartet wurde. Die Rakete brachte den Satelliten am 28. November ins All. 
  • Mitflug auf einem CubeSat: Der Icarus-Empfänger, entwickelt vom Unternehmen Talos, befindet sich an Bord des Gena-OT-Satelliten, einem Forschungssatelliten der Universität der Bundeswehr München, der vom Münchner Unternehmen OroraTech gebaut wurde.
  • Start der Mission nach Testphase: Nach dreimonatigen Tests im All wird Icarus die weltweite satellitengestützte Tierbeobachtung wieder aufnehmen.

Nach drei Jahren Pause hat Icarus, das international führende Projekt zur satellitengestützten Beobachtung von Wildtieren, seinen Betrieb wieder aufgenommen. Am 28. November 2025 hat eine Rakete einen Satelliten mit dem Icarus-Empfänger in die Erdumlaufbahn gebracht – und damit ein neues Kapitel in der Erforschung von Tierwanderungen eröffnet. 

In den ersten drei Monaten nach dem Start wird das System umfangreich getestet. Anschließend beginnt Icarus mit der weltweiten Erfassung von Tierbewegungen: Miniatursensoren, die auf Tieren angebracht sind, liefern Daten zu Standort, Verhalten, Gesundheit und Umweltbedingungen – von Zugvögeln und Fledermäusen bis hin zu Meeresschildkröten und großen Säugetieren. Zum ersten Mal wird Icarus eine lückenlose globale Abdeckung bieten – ein entscheidender Fortschritt für das Verständnis von Artenvielfalt, Ökosystemen und den Auswirkungen des Klimawandels.

Der Start im November 2025 war nur der Auftakt: Im Frühjahr 2026 folgt ein zweiter Icarus-Empfänger, getragen von einem eigenständigen Satelliten der Max-Planck-Gesellschaft und des Raumfahrtunternehmens Talos. Weitere Satelliten sind bereits in Planung. Gemeinsam bilden sie Icarus 2.0 – ein Satellitenverbund, der Daten schneller, häufiger und in höherer Auflösung liefern wird als je zuvor.

„Mit Icarus 2.0 bauen wir ein Observatorium im planetaren Maßstab auf“, sagt Martin Wikelski, Direktor am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie. „Zum ersten Mal werden wir die Signale von Tieren weltweit nahezu in Echtzeit empfangen können – und so einzigartige Einblicke in Biodiversität und Umweltveränderungen gewinnen.“

Von der ISS zum CubeSat

Icarus nahm 2020 als Technologietest auf der Internationalen Raumstation (ISS) seinen Anfang. Eine dort installierte Antenne erfasste Signale von leichten Funksendern auf Tieren und lieferte bislang unerreichte Einblicke in Zugrouten, Brutverhalten und Überlebensstrategien. Schon im ersten Jahr entstanden Datensätze zu Dutzenden Arten weltweit.

Der Krieg in der Ukraine 2022 beendete jedoch abrupt die Zusammenarbeit mit Russland und legte Icarus vorübergehend still. Diese Pause nutzte das Team, um die Technologie grundlegend neu zu denken. Gemeinsam mit dem Münchner NewSpace-Unternehmen Talos wurde das System so weit miniaturisiert, dass es nun in einem nur zehn Zentimeter großen Satellitenmodul Platz findet. Der neue Empfänger verbraucht nur ein Zehntel der Energie, kann viermal so viele Sensoren auslesen und ermöglicht schnellere Datenübertragungen sowie Fernwartung. Ein Testflug im Jahr 2023 bestätigte die Leistungsfähigkeit des Systems. „Was früher eine große ISS-Antenne benötigte, passt heute in eine Handfläche“, erklärt Gregor Langer, CEO von Talos.

Der erste Empfänger im Orbit

Der Einsatz im All wurde durch eine Kooperation von Icarus mit der Seranis-Forschungsmission der Universität der Bundeswehr München möglich. Seranis wird im Zentrum für Digitalisierungs- und Technologieforschung der Bundeswehr von der Europäischen Union – NextGenerationEU finanziert und ist mit einem Budget von ca. 70 Millionen Euro und einer Flotte kleiner Satelliten als „Labor im Orbit“ eines der größten universitären Raumfahrtprogramme Deutschlands. Der neue Icarus-Empfänger fliegt auf dem Gena-OT CubeSat mit. Der Satellit ist eine Plattform der Münchner Firma OroraTech. Die Mission wurde durch die Deutsche Luft- und Raumfahrtagentur gefördert.

„Wir freuen uns, Icarus in unserem Orbitallabor zu haben“, sagt Andreas Knopp, Sprecher des Forschungszentrums Space der Universität der Bundeswehr München und Leiter des Seranis-Programms. „Wir haben die bahnbrechenden Arbeiten von Martin Wikelski technologisch von Anfang an gerne unterstützt und in unserer wissenschaftlichen Kooperation selbst viel gelernt. Wir sind überzeugt, dass Deutschland viel mehr Nutzen aus Projekten dieser Art ziehen sollte.“

Nach einer dreimonatigen Testphase in rund 500 Kilometern Höhe wird Icarus die bidirektionale Kommunikation aufnehmen: Miniatursensoren auf Tieren senden präzise GPS-Daten an den Satelliten, der diese wiederum an die Forscher am Boden übermittelt. Gleichzeitig können die Sensoren aus der Ferne neu programmiert werden – ein entscheidender Vorteil, da sie nicht vom Tier entfernt werden müssen.

Icarus 2.0 – ein neues Kapitel des Wildtier-Trackings

Der zweite Empfänger ist bereits gebaut und soll im Frühjahr 2026 an Bord einer SpaceX-Mission ins All starten. Unabhängig betrieben von Talos und der Max-Planck-Gesellschaft und finanziert von der National Geographic Society, verdoppelt sich mit ihm die Datenerfassungskapazität. Bis Mitte 2027 soll eine Konstellation von sechs Icarus-Satelliten im Einsatz sein, wodurch ein Netzwerk entsteht, das eine kontinuierliche Funktionalität gewährleistet und nahezu in Echtzeit Informationen über Tierbewegungen liefert.

Dank dieser verbesserten Abdeckung können Wissenschaftler das Wohlergehen der Tiere mit beispielloser Genauigkeit überwachen, Krankheitsausbrüche im frühesten Stadium erkennen und ökologische Veränderungen vorhersagen, die sowohl die Tierwelt als auch den Menschen betreffen. „Dadurch erhöht sich die Geschwindigkeit, mit der wir auf globale Herausforderungen wie den Verlust von Lebensräumen, Krankheitsausbrüche und sich verändernde Migrationsmuster reagieren können, erheblich“, sagt Wikelski, der auch Professor an der Universität Konstanz ist.

Zusätzlich werden derzeit neuartige Icarus-Sensoren entwickelt. Laut Gregor Langer von Talos, dem Unternehmen, das die Tags entwickelt, „werden die Icarus-Tags zu den leichtesten, kleinsten und energieeffizientesten Sensoren auf dem Markt gehören“. Diese winzigen, extrem leichten Tags erfassen nicht nur Standortdaten, sondern auch Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftdruck und Beschleunigung. Dank integrierter Datenvorverarbeitung geben sie ein umfassendes Bild von Verhalten und Gesundheit der Tiere.

Ein globales Instrument für globale Herausforderungen

Vor dem Hintergrund von Artensterben und Klimawandel bietet Icarus 2.0 ein unverzichtbares Werkzeug für Forschung und Naturschutz. Eingebettet in das internationale Netzwerk Move BON (Biodiversity Observation Network) werden die gesammelten Tierdaten in Indikatoren für Ökosystemgesundheit, Artenresilienz und Wanderverhalten übersetzt. Diese Daten fließen direkt in globale Biodiversitäts-Monitoringprogramme und unterstützen politische Entscheidungsträger bei Maßnahmen zum Schutz gefährdeter Lebensräume und Arten. „Von der Vorhersage zoonotischer Krankheiten bis hin zur Beobachtung des Überlebens bedrohter Arten – Icarus liefert Erkenntnisse, die Schutzstrategien leiten und unser Verständnis des Lebens auf der Erde vertiefen werden“, betont Wikelski.

Über OroraTech und Gena-OT

Seit 2022 hat OroraTech 10 CubeSats in die Umlaufbahn gebracht und damit das weltweit größte thermische Satellitennetzwerk aufgebaut. Ihre Mission konzentriert sich auf die Bekämpfung von Waldbränden, die Bereitstellung von Echtzeit-Lageerfassung und sofortigen Risikowarnungen, um ein rechtzeitiges Eingreifen zu ermöglichen. Seit 2018 entwickelt das Unternehmen wirkungsvolle thermische Produkte und Satelliten für Nutzer auf der ganzen Welt.

Gena-OT ist eine DLR-geförderte, und unter Esa GSTP entwickelte, generische Nanosatellitenplattform, die aus einem modular aufgebauten 16U-CubeSat besteht. Gena beherbergt Nutzlasten wichtiger Forschungsprojekte wie @Seranis und @Icarus. Damit wird die Zusammenarbeit im gesamten NewSpace-Ökosystem gestärkt. 

Über Seranis

SeRANIS (Seamless Radio Access Networks for Internet of Space) ist das weltweit erste und einzige Projekt, das mit der Kleinsatellitenmission Athene 1 ein öffentlich zugängliches multifunktionales Experimentallabor im Orbit bereitstellt und damit Forschung, Industrie, Bundeswehr und Gesellschaft miteinander vernetzt. Auf dem Satelliten Athene 1, der 2026 starten wird, werden gleichzeitig mehr als fünfzehn innovative und komplexe Experimente mit Schlüssel- und Zukunftstechnologien durchgeführt. Als von der Europäischen Union – NextGenerationEU finanziertes dtec.bw-Spitzenforschungsprojekt stärkt das Projekt die nationale und internationale Führungsrolle in der Raumfahrtwissenschaft. 

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