Neuer Ansatz zur Prävention sozialer Isolation

Gängige Strategieansätze für die öffentliche Gesundheit, die sich auf besonders isolierte Menschen beschränken, verpassen womöglich einen großen Teil des präventiven Potentials größerer sozialer Integration

Auf den Punkt gebracht

  • Soziale Isolation: Ein neuer Ansatz zur Prävention sozialer Isolation zielt darauf ab, die gesellschaftliche Integration zu fördern. Gängige Strategien konzentrieren sich oft nur auf isolierte Personen und vernachlässigen dabei das größere Potenzial.
  • Studie: Forschende haben über 10.000 Teilnehmende und herausgefunden, dass eine höhere Anzahl sozialer Kontakte mit besserer Gehirngesundheit und kognitiven Fähigkeiten korreliert. Dies zeigt, dass soziale Beziehungen entscheidend für die psychische Gesundheit sind.
  • Interventionen: Der Fokus auf individuelle Interventionen gegen soziale Isolation ist möglicherweise nicht optimal. Stattdessen sollten öffentliche Gesundheitsstrategien entwickelt werden, die die soziale Vernetzung in der gesamten Gesellschaft fördern.
  • Gesellschaftliche Ansätze: Um soziale Isolation zu verhindern, sollten Strukturen in Städten und Gemeinden geschaffen werden, die soziale Kontakte erleichtern. Kulturelle Faktoren, die das Miteinander stärken, könnten ebenfalls eine Rolle spielen.

Schwache soziale Beziehungen sind ein dringendes Problem der öffentlichen Gesundheit, aber es mangelt stark an fundierten Erkenntnissen darüber, welche Strategie bei Präventionsmaßnahmen verfolgt werden sollte. Die Forschenden um Laurenz Lammer haben in ihrer Analyse einen neuartigen Ansatz getestet und sogenannte gemischte additive Modelle verwendet, um die Zusammenhänge zwischen sozialer Isolation und den Auswirkungen auf die Gesundheit des Gehirns, die kognitiven Fähigkeiten und die psychische Gesundheit in einer bevölkerungsbasierten Stichprobe zu modellieren.

„Wir haben insgesamt über 10.000 Teilnehmende (Durchschnittsalter 58 Jahre, 53 Prozent Frauen) zu Beginn der Studie untersucht und über 5500 Teilnehmende (Durchschnittsalter 64 Jahre, 53 Prozent Frauen) bei der Nachuntersuchung nach etwa sechs Jahren. Diese haben Gehirnmessungen mit 3Tesla MRTs durchlaufen, wir haben die kognitiven Funktionen mit umfangreichen neuropsychologischen Tests bewertet und die soziale Isolation und die psychische Gesundheit anhand etablierter Fragebögen gemessen. Dabei haben wir uns vor allem Depressionen und Angststörungen angeschaut“, erklärt der Erstautor der Studie, Laurenz Lammer. „Ein linearer Zusammenhang würde zum Beispiel sagen: Je weniger soziale Kontakte, desto häufiger treten depressive Symptome bei Menschen auf und je mehr, desto besser. Ein anderer, in der Medizin recht häufig verwendeter kategorialer Ansatz würde eher sagen, ob man nun zwei gute soziale Kontakte hat oder drei macht keinen großen Unterschied – sobald man unter einen kritischen Punkt kommt, geht die Kurve für Depressionen steil nach oben. Wir haben nun mit einem speziellen statistischen Modell geschaut, was uns die Daten über die Form des Zusammenhangs sagen. Wir konnten feststellen, dass die Anzahl sozialer Kontakte durchweg signifikante Vorhersagen für die Gesundheit des Gehirns, die kognitiven Fähigkeiten und die psychische Gesundheit zulässt. Was wir zum Beispiel an linearen Zusammenhängen gefunden haben: Je mehr soziale Kontakte die Personen hatten, desto größer waren auch ihre Hippocampi, also ihre Gedächtniszentralen im Gehirn. Insgesamt haben wir durchweg positive Auswirkungen sozialer Kontakte auf die Lebensqualität gefunden.“

Was bedeutet das nun für neue Strategien im Bereich der öffentlichen Gesundheit? Laurenz Lammer gibt einen Ausblick: „Es wird ja schon politisch versucht, gegen soziale Isolation und die Auswirkungen vorzugehen – wir haben uns gefragt, wie sollten wir das machen und können wir etablierte Theorien und Daten zusammenführen, um diese Frage zu beantworten. Es sieht so aus, dass wir mit der gängigen Strategie, bei der wir uns auf einzelne isolierte Menschen fokussieren, viel von dem Potential verpassen, das wir mit gesellschaftlichen Ansätzen hätten. Der derzeitige Fokus auf Interventionen auf individueller Ebene gegen soziale Isolation ist zumindest für die Prävention von Demenz, kognitivem Verfall, Angstzuständen und Depressionen wahrscheinlich nicht optimal. Im Gegenteil, wir weisen auf Interventionen auf Bevölkerungsebene hin, die darauf abzielen, soziale Verbindungen in der gesamten Gesellschaft zu fördern, als vielversprechendere Ansätze zur Prävention. Man könnte sich überlegen, wie können wir Strukturen in unserer Stadt oder auf dem Land so verändern, dass sie soziale Kontakte fördern. Was sind vielleicht kulturelle Faktoren, die wir fördern könnten, die mehr Miteinander bringen? Wie können wir Nachbarschaft gestalten, so dass sich Menschen sozial integrierter fühlen?“

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