Hochgeschwindigkeitspumpen in der Zelle

Transportmodell erklärt die hohe Geschwindigkeit von Kalziumpumpen in der Zellmembran 

Auf den Punkt gebracht

Hochgeschwindigkeitspumpen: Zellen nutzen Hochgeschwindigkeitspumpen, um Kalziumionen aus ihrem Inneren herauszupumpen. Ein Team hat das erste umfassende Transportmodell der Plasmamembran-CaATPase (PMCA) erstellt, um den Kalziumtransport in Zellen zu untersuchen.

Wichtige Entdeckung: Die hohe Geschwindigkeit der Kalziumpumpe hängt von ihrer Wechselwirkung mit dem Plasmamembranlipid PIP2 ab, das sowohl die Bindung als auch die schnelle Freisetzung von Kalziumionen erleichtert.

Therapeutisches Potenzial: Die Erkenntnisse könnten neue Ansätze für Medikamente bieten, die den Kalziumspiegel in Zellen beeinflussen, was besonders relevant für die Behandlung von Krankheiten wie Alzheimer und Krebs ist.

Unser Körper enthält etwa ein Kilogramm Kalzium, das allermeiste davon in Knochen und Zähnen gespeichert. Ein kleiner Teil davon spielt aber eine wichtige und vielseitige Rolle bei der Steuerung zellulärer Prozesse wie Muskelkontraktion, Nervenimpulsübertragung, Mitose, Genexpression und Zellsignalisierung. Der Kalziumspiegel muss genau reguliert werden, da Ungleichgewichte zu Krankheitssymptomen führen können. „Die Konzentrationsunterschiede zwischen den Zellbereichen sind immens: Der Kalziumspiegel innerhalb der Zelle kann bis zu 50.000-mal niedriger sein als außerhalb der Zelle“, sagt Bernd Fakler. Dieser steile Konzentrationsgradient ist entscheidend für die Geschwindigkeit und Effektivität der Kalzium-vermittelten Signalübertragung in der Zelle: Der Gradient drückt die Kalziumionen buchstäblich in die Zelle, wenn die Kalziumkanäle geöffnet werden, und selbst kleinste zusätzliche Mengen machen einen spürbaren Unterschied.

Pusher in der Zelle

„Zellen müssen viel Energie aufwenden, um diesen Konzentrationsgradienten aufrechtzuerhalten, insbesondere wenn es darum geht, Kalzium loszuwerden“, sagt Stefan Raunser. „Das ist wie in einem Zug zur Rushhour in einer Stadt wie Tokio. Wenn sich die Türen eines überfüllten Zuges an einem leeren Bahnhof öffnen, strömen die Menschen buchstäblich heraus. Umgekehrt erfordert das Einsteigen in einen überfüllten Zug viel Kraft.“ In Japan werden Pendler in Zügen zur Rushhour von speziellen Mitarbeitern, sogenannten „Pushers“, in die Züge gedrängt. Solche „Pusher“ gibt es auch in der Zelle: Kalziumpumpen drücken Kalziumionen aktiv gegen den steilen Konzentrationsgradienten hinaus, wobei sie die zelluläre Energiequelle ATP nutzen. Bemerkenswert ist, dass sie dies mit einer Geschwindigkeit von 5.000 Ionen pro Sekunde tun. Wie diese Geschwindigkeit und Effizienz aufrechterhalten werden, war bisher unklar.

Durch die Bündelung ihrer Fachkenntnisse haben Forscher aus Dortmund und Freiburg nun das erste umfassende Modell dafür erstellt, wie Kalzium durch die Plasmamembran-Ca²⁺-ATPase aus der Zelle transportiert wird. Das Dortmunder Team verwendete Κryo-Elektronenmikroskopie, um die Struktur der Pumpe in verschiedenen Zuständen während des Kalziumtransports aufzulösen, während das Freiburger Team die Aktivität der Pumpe in lebenden Zellen aufzeichnete.

Die Forscher fanden heraus, dass die hohe Geschwindigkeit der Kalziumpumpe durch mehrere Merkmale ermöglicht wird. Erstens bindet Kalzium sehr fest an die Pumpe, was die Initiierung erleichtert. Zweitens weist die Calziumpumpe im Gegensatz zu anderen langsameren Pumpen nur geringfügige strukturelle Veränderungen in ihren zytoplasmatischen Domänen und minimale Interaktionsbereiche zwischen diesen Domänen während des Kalziumionentransportzyklus auf. Diese glätten und beschleunigen die Übergänge zwischen den Zuständen und erhöhen letztlich die Geschwindigkeit der Pumpe. Der entscheidende Faktor allerdings ist die Wechselwirkung der Pumpe mit PIP2, einem Lipid, das in der Plasmamembran der Zelle vorkommt. Die Forscher konnten zeigen, dass PIP2 die Kalziumbindung stabilisiert, aber auch deren schnelle Freisetzung erleichtert und damit den maßgeblichen Beschleunigungsfaktor der Pumpe darstellt.

Ein neuer Ansatzpunkt für die therapeutische Nutzung

„Obwohl Kalzium eine so wichtige Rolle für die Gesundheit und bei Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson, Herzinsuffizienz, Diabetes und Krebs spielt, gibt es derzeit nur sehr wenige Strategien oder Medikamente, um den Kalziumspiegel in Zellen zu beeinflussen“, sagt Stefan Raunser. „Die gezielte Beeinflussung der Kalziumhomöostase und -signalgebung für die Krebstherapie ist ein aufstrebendes Forschungsgebiet, aber nur wenige Wirkstoffe haben es bis in die klinischen Studien geschafft, und alle zielen auf Kalziumkanäle oder andere Kalziumpumpen als PMCA ab. “Interessanterweise haben wir herausgefunden, dass die PIP2-Bindungsstelle ein medikamentöses Ziel für die Manipulation der PMCA-Aktivität darstellt. Dies eröffnet neue Möglichkeiten für die Entwicklung innovativer Medikamente, die entweder die Kalziumkonzentration in Zellen erhöhen oder in der gezielten Krebstherapie den Zelltod induzieren können.“

Weitere interessante Beiträge

Zur Redakteursansicht