Bildung kann das Rentensystem stabilisieren

Um den Folgen des demografischen Wandels zu begegnen, wurde seitens der Politik bisher vor allem darauf gesetzt, die Geburtenrate zu steigern. Leider ohne nennenswerten Erfolg. Auch die Forschung hat bisher keine Antwort auf die Frage, wie man Menschen dazu bewegen kann, mehr Kinder zu bekommen. Es gibt aber eine andere Stellschraube, mit der man die negativen Auswirkungen des demografischen Wandels auf die Renten begrenzen kann: eine bessere Bildung.

Text: Annick Eimer und Mikko Myrskylä

Reichskanzler Otto von Bismarck, der Erfinder der Rentenversicherung, hätte sich sicherlich nicht träumen lassen, dass die Funktionsfähigkeit der gesetzlichen Rentenversicherung eines Tages maßgeblich davon abhängig sein könnte, wie lange Kinder die Schulbank drücken. Zu Bismarcks Zeiten, als die Industrialisierung im vollen Gange war, brauchte man vor allem viele Arbeitskräfte für die vielen neuen Fabriken. Ob diese Arbeitskräfte ein Handwerk oder lesen und schreiben gelernt hatten, war unwichtig. Das „Invaliditäts- und Alterssicherungsgesetz“ von 1889 war sehr simpel: Der Beitragssatz zur neuen Rentenversicherung betrug rund zwei Prozent, die Beiträge zahlten wie heute Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu gleichen Teilen. Das Gesetz sollte mehr die Erwerbsunfähigkeit als die Rente absichern. Denn eine Rente erhielt in Deutschland nur, wer älter als 70 Jahre war - ein biblisches Alter in einer Zeit, in der die durchschnittliche Lebenserwartung bei nicht einmal 50 Jahren lag.

Dieses kapitalgedeckte Modell, bei dem die Beiträge der Versicherten angespart werden, wurde in den 1950er-Jahren schrittweise in ein umlagefinanziertes Modell umgewandelt, bei dem die erwerbstätige Generation für die Renten der vorhergehenden Generation aufkommt. Genau diese Rechnung geht heute nicht mehr auf, da die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter abnimmt und die Zahl der Menschen im Ruhestand wächst. Grund dafür ist der demografische Wandel: Die Geburtenraten sinken, und die Lebenserwartung steigt. Für die Rentenkasse bedeutet das, dass immer weniger Beitragszahler immer mehr Rentner versorgen müssen. Und anders als zu Bismarcks Zeiten wird heute erwartet, dass man mit der Rente den Lebensunterhalt bestreiten kann. Deswegen sind die Beitragssätze in den letzten Jahrzehnten immer weiter gestiegen, liegen aktuell bei 18,6 Prozent. Absehbar ist, dass auch das nicht reichen wird. Politische Vertreterinnen und Vertreter, jüngst Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche und der Wirtschaftsweise Martin Werding, bringt daher immer wieder ein höheres Renteneintrittsalter in die Diskussion ein.

Vom demografischen Wandel sind alle europäischen Länder betroffen, in unterschiedlichem Ausmaß. Und alle versuchen, den Folgen politisch zu begegnen. In Deutschland versucht man zum Beispiel, die "stille Reserve" zu aktivieren: Mütter. Sie sollen mehr Zeit in die Erwerbsarbeit stecken. Dafür wurde unter anderem seit 2004 die Kinderbetreuung massiv ausgebaut. Die Maßnahmen waren durchaus erfolgreich. So ist die Erwerbstätigenquote von Müttern von 60 Prozent im Jahr 2005 auf 69 Prozent im Jahr 2022 gestiegen. Es wurden zudem Anreize geschaffen, damit ältere Menschen länger arbeiten. Außerdem sollten viele Maßnahmen Menschen dazu bringen, mehr Kinder zu bekommen. Dazu zählen finanzielle Anreize wie Kindergeld, Elterngeld und steuerliche Vergünstigungen. Aber auch mehr Kinderbetreuungseinrichtungen und eine familiengerechte Arbeitswelt. Trotzdem lag die Geburtenziffer in Deutschland 2024 bei 1,35 Kindern pro Frau. In anderen europäischen Ländern, die die Geburtenrate mit ähnlichen Maßnahmen steigern wollten, sieht es nicht besser aus. So liegen die Geburtenziffern in Schweden, Norwegen, Dänemark und Finnland allesamt unter 1,5, Tendenz sinkend.

Abgesehen davon, dass es fragwürdig ist, Menschen dazu zu drängen, Kinder zu bekommen, muss man festhalten, dass alle Anstrengungen, die Geburtenziffer zu erhöhen, allenfalls kurzfristig funktionierten. Das könnte auch daran liegen, dass in Gesellschaften, in denen Familien bereits gut unterstützt werden, diese Unterstützung als selbstverständlich angesehen wird und sie deswegen langfristig an Wirksamkeit verliert. In Deutschland haben wir genau das erlebt: Die Familienpolitik hat ab 2010 zu einem kurzfristigen Anstieg der Geburten geführt, seit 2022 gehen sie aber massiv zurück. Wir müssen uns also an den Gedanken gewöhnen, dass wir in einer alternden Gesellschaft leben, und Strategien entwickeln damit umzugehen. Es ist essenziell, dass der Generationenvertrag nicht aufgekündigt wird, sprich: Wir brauchen ein funktionierendes Rentensystem, das die Erwerbsgeneration nicht überlastet und die Rentnergeneration absichert.

Erstaunlich bei der allgegenwärtigen Diskussion ist, dass eine mögliche Lösung bisher kaum Beachtung gefunden hat: Investitionen in Bildung. Bildung ist der Schlüssel für den Wohlstand des Einzelnen und der Gesellschaft. Ein hoher Bildungsgrad der Bevölkerung ist ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Faktor für das Wachstum von Volkswirtschaften. Wirtschaftswachstum wird eher vom Humanvermögen, also von den wirtschaftlich nutzbaren Fähigkeiten, Kenntnissen und Verhaltensweisen der Erwerbsbevölkerung bestimmt. Die Altersstruktur der Bevölkerung ist weniger wichtig – so lautet die Grundannahme, die hinter dem Vorschlag steckt, mit Investitionen in Bildung das Rentensystem zu stabilisieren. Mit einem ökonomischen Blickwinkel kann man die Idee so formulieren: Weniger kann mehr sein. Denn anders als zu Bismarcks Zeiten, in der die Unternehmen vor allem viele Menschen für ihre Fabriken brauchten, benötigt die Wirtschaft heute vor allem gut ausgebildete Menschen, die Innovationen schaffen. Theoretische Überlegungen legen nahe, dass Investitionen in Humanvermögen auch zur Stabilisierung des Rentensystems beitragen können.

Mit solchen Investitionen könnte man sich den sogenannten Easterlin-Effekt zunutze machen, den der US-Ökonom Richard Easterlin in den 1980er-Jahren beschrieben hat. Dahinter steckt die Annahme, dass kleinere Geburtsjahrgänge Vorteile haben können: Für jedes Kind stehen in diesen Kohorten mehr öffentliche Mittel zur Verfügung, etwa für Bildung. Außerdem haben sie auf dem Arbeitsmarkt bessere Chancen auf gut bezahlte Jobs, weil weniger gleichaltrige Bewerber um die Stellen konkurrieren. Davon würden in einem umlagefinanzierten Rentensystem sowohl die kleinere, jüngere, arbeitende Generation als auch die zahlenmäßig größere, ältere Generation der Rentner profitieren. Denn je besser die arbeitende Generation verdient, desto mehr Geld landet in der Rentenkasse. Gut ausgebildete Menschen sind für das Rentensystem aber gleich in mehrfacher Hinsicht gut: Sie verdienen nicht nur mehr, sondern sind auch seltener krank, weniger von Arbeitslosigkeit betroffen, und sie gehen im Schnitt später in Rente.

Dass der Easterlin-Effekt ohne großen Aufwand nutzbar wäre, hat eine Datensimulation  aus Finnland gezeigt. Dabei wurde untersucht, wie sich verschiedene Größen, die das Rentensystem maßgeblich bestimmen, verändern, wenn man von unterschiedlichen Geburtenziffern und unterschiedlich hohen Investitionen in Bildung ausgeht. Das Ergebnis: Bei einer sinkenden Geburtenrate müssten die Ausgaben für Bildung auf dem derzeitigen Niveau gehalten werden, damit der Easterlin-Effekt greift. Die höheren Pro-Kopf-Ausgaben für Bildung reichen aus, um die negativen Auswirkungen einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung auf die Rentenbelastung größtenteils auszugleichen.

Die Daten aus Finnland lassen sich durchaus auf andere Staaten wie Deutschland übertragen. Finnland und Deutschland haben zwar unterschiedliche Schul- und Rentensysteme, dennoch ist zu erwarten, dass  das Ergebnis für Deutschland ähnlich ausfällt. Denn beide Systeme sind zum größten Teil staatlich finanziert. Das macht es überhaupt erst möglich, an der Stellschraube Bildung zu drehen. Vor allem aber besteht in beiden Bildungssystemen noch viel Entwicklungspotenzial. Ein Schwachpunkt im deutschen Schulsystem ist zum Beispiel die wachsende Zahl der gering qualifizierten jungen Erwachsenen, also derjenigen ohne Abitur, Fachhochschulreife und Berufsausbildung. Ihr Anteil liegt in Deutschland mit 16 Prozent über dem OECD-Durchschnitt von 14 Prozent. In den vergangenen Jahren ist der OECD-Schnitt sogar gesunken, nicht aber in Deutschland. Hierzulande ist der Anteil seit 2016 von 13 Prozent drei Prozentpunkte gestiegen. Finnland kämpft dagegen mit einer geringen Studierendenquote. Laut OECD haben nur 41 Prozent der 25- bis 34-jährigen Finnen einen Hochschulabschluss. Das Land liegt damit deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 47 Prozent. Auch wenn es paradox klingt – diese Schwächen könnten sogar von Vorteil sein. Denn sie zeigen, dass es noch viel Luft nach oben gibt.

Wenn ein Land Bildungsausgaben trotz sinkender Anzahl von Kindern stabilisiert, stellt sich die Frage, in welchen Bereich der Bildung die zusätzlichen Mittel fließen sollten. Die Forschung hat gezeigt: Grundsätzlich sind Investitionen in alle Bereiche der Bildung gut. Sie hat aber auch gezeigt, dass sich Investitionen in die frühkindliche Bildung besonders auszahlen.

Frühkindliche Bildung ist wichtig, um die Entwicklungsunterschiede zwischen Kindern aus sozial begünstigten und benachteiligten Familien zu verringern, bevor sie in die Grundschule kommen. Deutschland hat die Ausgaben für die frühkindliche Bildung und Erziehung mit dem Ausbau der Kindertagesstätten in den letzten zwei Jahrzehnten extrem gesteigert. Trotz dieser Investitionen sank die Teilnahmequote der drei- bis fünfjährigen Kinder, weil diese Gruppe größer geworden ist und gleichzeitig seit 2013 jedes Kind in Deutschland einen Anspruch auf einen Kita-Platz hat. Auch wenn sich die Betreuungskrise in einigen Großstädten zu legen  scheint, fehlen derzeit bundesweit rund 125.000 Fachkräfte in der frühkindlichen Bildung und etwa 384.000 Betreuungsplätze. Diese Unterbesetzung führt einerseits zu einer Überlastung des vorhandenen Personals, andererseits beeinträchtigt sie die Qualität der Betreuung und Bildung der Kinder. Hinzu kommt, dass bei Kindern aus einkommensschwachen Familien, bei denen die Förderung am meisten Gewinn bringen würde, seltener in eine Kindertagesstätte gehen als Kinder aus einkommensstarken Familien. Die Gründe sind laut einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung  (BiB) vielfältig. Potenziell benachteiligte Familien berichten deutlich häufiger von Schwierigkeiten bei der Kita-Suche und bemängeln öfter fehlende wohnortnahe Bildungs- und Betreuungsmöglichkeiten sowie unpassende Öffnungszeiten. Es lohnt sich an diesen Schwachstellen zu arbeiten, auch im Sinne der Renten.

Aber auch in den weiterführenden Schulen und in den Hochschulen gibt es Investitionsbedarfe: Fast 2,9 Millionen Menschen zwischen 20- und 34-Jahren haben in Deutschland keinen Berufsabschluss – also weder eine abgeschlossene Ausbildung, noch einen Studienabschluss. Das entspricht etwa 19 Prozent der Altersgruppe. Hier ist es wichtig nachzusteuern, zum Beispiel mit umfassenden Berufsorientierungsangeboten in den Schulen, um den Übergang ins Erwerbsleben sicherzustellen.

Beide Beispiele zeigen, dass das System ganzheitlich betrachtet werden muss. Investitionen in frühkindliche Bildung  statten Kinder zwar mit den Fähigkeiten aus, die ihnen eine erfolgreiche schulische Karriere ermöglichen. Wenn aber im späteren Bildungsverlauf der Flaschenhals eng wird, zahlen sich diese Investitionen nicht aus.

Wichtig ist auch zu berücksichtigen, dass es nicht nur darum geht, mehr Zeit in der Schule zu verbringen. Es geht um die Qualität. Die Bildungsforschung hat klar gezeigt, dass vor allem die Vermittlung von Basiskompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen, aber auch Sprachentwicklung, Wahrnehmung und Konzentration wichtig sind. Schulen brauchen mehr Handlungsfreiheit zum Beispiel in der Schul- und Unterrichtsorganisation, hier kann der Föderalismus Reformen erschweren. Sich für eine größere Chancengerechtigkeit einzusetzen ist deswegen wichtig, weil es gerade bei den sozial benachteiligten Kindern enorme Entwicklungspotenziale gibt. Dafür müssen beispielsweise Schulen in sozioökonomisch schwachen Gegenden gezielt unterstützt werden, benachteiligte Kinder durch frühkindliche Bildungsangebote, Nachhilfe- und Mentoring-Programme gefördert und ihre sprachliche Entwicklung früh getestet und unterstützt werden.

Gerade für Länder wie Deutschland, in denen Bildung vor allem in der öffentlichen Hand liegt, bietet die Steuerung über Bildungsinvestitionen eine sehr gute Möglichkeit, den Folgen des demografischen Wandels zu begegnen. Tatsächlich scheint das geschilderte Szenario durchaus auch politisch umsetzbar, weil es keine zusätzlichen Mittel erfordert. Die Politik darf jedoch auch in Zeiten leerer Kassen auf keinen Fall an der Bildung sparen und muss das Geld sinnvoll investierend.

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