„Vera Rubin war eine außergewöhnliche Persönlichkeit“
Nadine Neumayer, Leiterin der Lise-Meitner-Forschungsgruppe "Galactic Nuclei" am MPI für Astronomie in Heidelberg, über die Wegbereiterin der Dunklen Materie, US-Astronomin Vera Rubin, deren bahnbrechende Arbeiten zur dunklen Materie unsere Sicht auf das Universum grundlegend verändert haben
Vera Rubin (1928–2019) zählt zu den einflussreichsten Astronominnen des 20. Jahrhunderts. Ihre präzisen Messungen der Rotationsgeschwindigkeit von Galaxien lieferten den ersten belastbaren Nachweis für die Existenz Dunkler Materie – jenes unsichtbaren Stoffs, der rund 85 Prozent der Materie im Universum ausmachen dürfte.
Mit ihrem Durchbruch in den 1970er-Jahren legte Rubin den Grundstein für ein zentrales Forschungsfeld der modernen Astrophysik. Das nach ihr benannte Vera C. Rubin Observatory in Chile, das 2025 den Betrieb aufnahm, setzt ihre Arbeit fort und widmet sich unter anderem der Kartierung Dunkler Materie sowie der großflächigen Erkundung des Himmels.
Neben ihrer wissenschaftlichen Leistung war Vera Rubin eine entschiedene Verfechterin der Gleichstellung von Frauen in der Wissenschaft. Trotz zahlreicher Hindernisse in einer von Männern dominierten Fachwelt beharrte sie auf ihrem Weg und wurde so zu einem Vorbild für Generationen von Forscherinnen. Ihr Vermächtnis lebt nicht nur in der Kosmologie weiter, sondern inspiriert auch weiterhin junge Wissenschaftlerinnen weltweit. Hier finden Sie ein ausführliches Porträit zu ihrem Leben und ihrer Forschung.
Nadine Neumayer, was hat Ihr Interesse an der Astronomie geweckt?
Ich habe mich schon als junges Mädchen sehr für die Natur um mich herum und vor allem für das Universum und den Sternenhimmel interessiert. Ich bin „auf dem Land“ aufgewachsen und hatte das große Glück, viele sternenklare, dunkle Nächte erleben zu können und das Band unserer Milchstraße am Himmel zu sehen. Da habe ich mich oft gefragt, was da draußen alles ist, wo alles herkommt und wohin es sich entwickelt. Diese Fragen beschäftigen mich bis heute, und über das Universum als Großes Ganzes nachzudenken, macht mich immer ehrfürchtig und zeigt mir, wie wertvoll und schützenswert die Erde und unser Leben darauf sind.
Was begeistert Sie heute am meisten an Ihrer Arbeit in der Wissenschaft?
Ich beschäftige mich jeden Tag aufs Neue mit spannenden Fragen, die vielleicht viele andere Menschen auch umtreiben. Jeder Tag ist anders, und es wird nie langweilig. Vor allem die Arbeit im Team und die Diskussionen mit anderen, die zu neuen Ideen und Erkenntnissen führen, machen mir viel Freude und bereichern meine Arbeit.
Gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt?
Ja, wir sind gerade einem sehr ungewöhnlichen schwarzen Loch auf der Spur, welches uns direkte Einblicke in die Entstehung- und Entwicklungsgeschichte von supermassereichen schwarzen Löchern geben kann. Mein Team und ich haben im vergangenen Jahr ein mittelschweres schwarzes Loch im Kugelsternhaufen Omega Centauri entdeckt und sind nun dabei, eine genaue Messung seiner Masse durchzuführen.
Was motiviert Sie in schwierigen Phasen?
Ich habe einen starken inneren Antrieb, der mich schon oft durch schwierige Phasen gebracht hat. Außerdem habe ich eine tolle Familie: Sowohl mein Mann als auch meine drei Töchter helfen mir immer wieder, mich aufs Wesentliche zu besinnen und neue Kraft zu schöpfen.
Was fasziniert Sie persönlich an Schwarzen Löchern?
Supermassereiche schwarze Löcher haben auf mich schon immer eine besondere Faszination ausgeübt. Sie scheinen in allen großen Galaxien vorhanden zu sein, und sind doch immer nur indirekt nachweisbar. Außerdem besteht eine enge Beziehung zwischen der Masse des schwarzen Lochs und der Masse der Wirtsgalaxie. Diese Beziehung habe ich bereits in meiner Diplomarbeit nachgewiesen. Später wollte ich herausfinden, woher die enge Beziehung kommt, und wie schwarze Löcher überhaupt in die Zentren von Galaxien gelangen, wie sie entstehen und wachsen. Diese Fragen beschäftigen mich bis heute.
Was fasziniert Sie besonders an Vera Rubin?
Vera Rubin war eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die sich nicht von Traditionen oder Konventionen einschüchtern ließ und frei und stark ihren Weg verfolgt hat.
Wenn Sie Vera Rubin eine einzige Frage stellen könnten – welche wäre das?
„Woher haben Sie die Kraft und Klarheit genommen, diesen Weg in der Wissenschaft als Mutter von vier Kindern zu gehen?“
Rubins Entdeckung der Abweichung in galaktischen Rotationskurven führte zur Bestätigung Dunkler Materie. Welche Bedeutung hat ihre Forschung für die Astronomie heute?
Die Erforschung Dunkler Materie und der Nachweis ihrer Natur beschäftigen Astronomen und Physiker bis heute. Vera Rubins Arbeit hat zweifelsohne den Grundstein gelegt, und ihre Entdeckungen sind nach wie vor von großer Relevanz.
Wie wichtig ist ein unterstützendes Umfeld für Frauen in der Forschung, insbesondere im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft?
Das Umfeld ist zweifelsohne von großer Bedeutung. Wenn man als Frau eine (wissenschaftliche) Karriere mit einer Familie und Kindern vereinbaren möchte, braucht man Unterstützung bei der Erledigung der vielen tausend Dinge, die der Alltag und der Haushalt einem abverlangen. Die Unterstützung des Partners ist auf jeden Fall wichtig, und man sollte sich nicht scheuen, Hilfe für den Haushalt zu suchen. Das habe ich selbst sehr früh gelernt, denn ich habe meine erste Tochter schon während meiner Doktorarbeit zur Welt gebracht. Ich hatte das Glück, als eine der ersten Stipendiatinnen der Christiane-Nüsslein-Volhard Stiftung gefördert zu werden. So habe ich früh gelernt, mir Hilfe im Haushalt und extra Zeit durch Babysitter zu suchen. Das hat mir sehr geholfen.
Zu Beginn ihrer Karriere sah sich Vera Rubin oft mit Skepsis und Ausgrenzung konfrontiert – sie war die einzige Frau auf Konferenzen oder wurde sogar aus Observatorien ausgeschlossen. Haben Sie persönlich Erfahrungen gemacht, in denen Sie als Frau in der Wissenschaft unterschätzt oder nicht ernst genommen wurden?
Glücklicherweise hat sich vieles gewandelt. Mir selbst ist nie direkt so etwas widerfahren. Wir alle sollten Pionierinnen wie Vera Rubin sehr dankbar sein, dass sie den Weg geebnet haben und heute Frauen an Universitäten, Observatorien und in Doktorandenprogrammen ganz selbstverständlich sind.
MINT-Berufe werden noch immer stark von Männern dominiert. Der Anteil von Wissenschaftlerinnen liegt weltweit bei nur rund 30 Prozent. Welche Ursachen sehen Sie für dieses Ungleichgewicht?
Ich habe mich das selbst immer wieder gefragt, denn ich habe mich immer am stärksten zu den MINT-Fächern hingezogen gefühlt. Das lag eventuell daran, dass mein Vater eine prägende Rolle in meiner Kindheit eingenommen hat, und er mir viele mechanische Zusammenhänge gezeigt und erklärt hat. Für mich war es selbstverständlich, dass ich mich für Physik interessiere und ich habe mich auch von den Meinungen um mich herum nicht irritieren lassen.
Tatsächlich gibt es diese Vorurteile, dass Mädchen besser in Sprachen und Jungs besser in Mathematik sind. Bei meinen eigenen Töchtern habe ich aktiv gegengesteuert, dass sie diese Vorurteile aus der Gesellschaft und dem Umfeld einfach so annehmen. Erst vor kurzem habe ich eine Studie gelesen, dass Mädchen und Jungen bis zum Eintritt in die Schule dieselben Neigungen und denselben Sinn für Zahlen haben. Mit dem Schulbeginn verändert sich das, und die Jungen schneiden in Mathematik im Schnitt besser ab. Wir sollten uns also ganz genau anschauen, was da passiert. Ob es vielleicht auch an den Erwartungen des Umfelds, oder an der Art liegt, wie das Fach vermittelt wird. Mich hat es immer angespornt, wenn ein Lehrer meinte, das ist eher nichts für Mädchen. Viele lassen sich jedoch davon abschrecken
Welche Themen müssen Ihrer Meinung nach, dringend angegangen werden, um echte Chancengleichheit zu erreichen?
Die Vereinbarkeit von Spitzenforschung mit einer Familie ist nach wie vor eine große Herausforderung. Man ist viel unterwegs, hat zum Teil lange Arbeitstage, und oft auch nach dem Abendessen noch einen Zoom-Call mit den Kollegen aus den USA. Die Ganztages-Kinderbetreuung bis zum Schuleintritt ist schon sehr gut geregelt. Mit dem Eintritt in die Schule wird es dann schwieriger, denn verlässliche und sinnvolle Nachmittagsbetreuung ist nicht überall etabliert.
Die Astronomie ist eine international geprägte Disziplin – viele Großteleskope stehen außerhalb Europas, und wissenschaftliche Zusammenarbeit kennt oft keine Ländergrenzen. Sie selbst haben an Forschungsstandorten in den USA und Großbritannien gearbeitet. Würden Sie sagen, dass es kulturelle Unterschiede im Umgang mit Frauen in der Wissenschaft gibt? Und wenn ja – welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?
Es ist auf jeden Fall so, dass der Frauenanteil in Führungspositionen der Wissenschaft im internationalen Umfeld deutlich höher liegt als es in Deutschland der Fall ist. Das ist sehr angenehm, und man sieht einen selbstverständlicheren Umgang damit.
Inwiefern ist Wissenschaft für Sie auch eine Frage von Perspektive, Erfahrung und Identität?
Ich empfinde es als großes Privileg die wissenschaftliche Forschung meinen Beruf nennen zu dürfen. In einem Team mit internationalen Kollegen und Kolleginnen an neuen Fragestellungen zu arbeiten empfinde ich als großes Glück. Ich erlebe immer wieder, dass wir alle von derselben Faszination angetrieben werden, obwohl die kulturelle Prägung sehr unterschiedlich ist. Die Wissenschaft zeigt immer wieder, wie wertvoll es ist Grenzen zu überwinden und gemeinsam an Zielen zu arbeiten. Viele der großen Teleskope, die wir nutzen, sind ohne internationale Zusammenarbeit nicht denkbar.
Wie gelingt es Ihnen, berufliche Anforderungen mit Ihrem Privatleben in Einklang zu bringen? Gibt es Strategien oder Erfahrungen, die Sie dabei weitergeben würden – insbesondere an junge Wissenschaftlerinnen?
Ich musste lernen zu akzeptieren, dass man nicht immer überall 100% geben kann. Es ist ok, wenn das Haus mal nicht pikobello aufgeräumt ist, und wenn die Wäsche mal noch ein paar Tage länger warten muss. Für vieles kann man sich Hilfe holen. Auf jeden Fall ist es wichtig ist, kein schlechtes Gewissen zu haben. Wenn ich bei der Arbeit bin, genieße ich das, und versuche, so viel ich kann zu erledigen... wenn ich dann zuhause bei meinen Kindern bin, genieße ich das umso mehr, und lege die Gedanken an die noch unerledigten Projekte und Aufgaben bei Seite, und beschäftige mich später wieder damit. Meine Familie und vor allem meine Kinder haben mich also schon ziemlich früh gelehrt, Pausen einzulegen.
Nadine Neumayer, herzlichen Dank für dieses Interview!













